Brasilien steckt in der Krise – politisch, sozial, wirtschaftlich. Präsidentin Dilma Rousseff dürfte in wenigen Tagen suspendiert werden, weil sie angeblich jahrelang gegen das Haushaltsgesetz verstieß. Zudem ist ihre Partei, die sozialdemokratische PT, in einen der größten Bestechungsskandale verwickelt, die das mit Korruption vertraute Land je gesehen hat. Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt gegen mehrere Kabinettsmitglieder, den Parlamentspräsidenten sowie Rousseffs Vorgänger Lula da Silva.

In Rio de Janeiro, wo ab August die Olympischen Sommerspiele ausgetragen werden, wird in manchen Elendsvierteln wieder geschossen. Dabei schienen die Favelas in den Jahren des Wirtschaftsbooms bis 2012 auf gutem Wege zu befriedeten Mittelstandsquartieren zu sein. Wegen möglicher Querschläger rät die Stadtverwaltung nun ausländischen Gästen, die Seilbahnen nicht zu benutzen, die das Zentrum mit den Favelas an Rios Hängen verbinden. Auch weite Bereiche São Paulos sind nach Anbruch der Dunkelheit tabu. Das Elend ist zurück und die Gewalt.

Rezession und Luxus

Das liegt vor allem an der Wirtschaft des Landes, die zugleich unter der Entwicklung leidet. Zum einen brachen die Weltmarktpreise für wichtige Exportgüter ein. Statt früher fast 180 Dollar erhält Brasilien pro Tonne Eisenerz heute nur mehr 60 Dollar. Auch der Ölpreis stürzte ab. Damit waren die Pläne des halbstaatlichen Energiekonzerns Petrobras passé, weitere Gas- und Ölvorkommen vor der Atlantikküste zu erschließen. Hinzu kommt, dass Petrobras, mit einem Jahresumsatz von umgerechnet fast 142 Milliarden US-Dollar (2013) größtes Unternehmen des Landes, im Zentrum des Korruptionsskandals steht. Seit Bekanntwerden der Vorwürfe 2014 ist Petrobras faktisch handlungsunfähig. 2015 verbuchte der Konzern einen Rekordverlust von gut 9 Milliarden Dollar.

Brasilien befinde sich gerade im Sturm, umschreibt es Oliver Döhne, Regionalleiter der staatlichen deutschen Fördergesellschaft Germany Trade & Investment (GTAI) in São Paulo. Die GTAI unterstützt deutsche Unternehmen, die im Ausland Fuß fassen wollen. In Brasilien will das seit einiger Zeit kaum noch jemand. Das deutsch-brasilianische Handelsvolumen sank von 24,3 Milliarden Dollar 2011 auf 15,6 Milliarden 2015.
Dabei sind diese Zahlen nur Facetten der ganz großen Rezession. Das brasilianische Bruttoinlandsprodukt schrumpfte 2015 um vier Prozent, für das laufende Jahr wird ein Minus ähnlicher Größenordnung erwartet. Vor allem, weil der private Konsum, lange Treiber der Konjunktur, eingebrochen ist.

„Unsere Auslastung ist in den vergangenen zwölf Monaten von fast 90 auf 75 Prozent gesunken“, klagt Evandro Calanca, Chef des größten brasilianischen Lebensmittel-Logistikers Comfrio. In den Kühl- und Lagerhallen der Comfrio-Niederlassung bei Atibaia 50 Kilometer nördlich von São Paulo bezeugen halb gefüllte Regale, wie sehr der noch junge Mittelstand unter der Krise leidet. Comfrio beliefert viele der Restaurantketten, die in der aufstrebenden Stadtbevölkerung angesagt sind: Starbucks, KFC und Pizza Hut.
Schlecht steht es auch um weite Teile der Industrie, die ein Viertel zur Wirtschaftsleistung des Landes beiträgt. Die wichtige Autobranche etwa verzeichnete in den vergangenen beiden Jahren einen geradezu dramatischen Niedergang. Die Zahl der Neuzulassungen und der im Land produzierten Neuwagen brach von jeweils 3,7 Millionen Mitte 2013 auf unter 2,5 Millionen 2015 ein.

Deutsche Unternehmen spüren Rezession

Zu spüren bekommen das auch viele der 1 300 deutschen Unternehmen, die direkt in Brasilien investiert haben. Der Zulieferer Bosch etwa, der seit 1953 hier aktiv ist und landesweit 500 Werkstätten betreibt, musste nach Jahrzehnten des Wachstums 2015 erstmals Mitarbeiter entlassen. Wie viele genau betroffen waren, verrät Bosch nicht. Aber immerhin so viel: Der Umsatz im Lateinamerika-Geschäft, der zu 90 Prozent in Brasilien erzielt wird, ging um rund 13 Prozent zurück.

„2015 hat es einen beispiellosen Einbruch gegeben“, sagt auch Mariana Bormann. Sie leitet das São-Paulo-Büro der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG. Die Tochter der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau gewährt Unternehmen Darlehen mit langer Laufzeit. Nur sechs Millionen habe die DEG vergangenes Jahr an langfristigen Krediten und Unternehmensbeteiligungen in Brasilien bewilligt, 2010 seien es noch 112 Millionen gewesen.

Dass Geld für einen Teil der brasilianischen Gesellschaft nach wie vor keine Rolle spielt, lässt sich in São Paulos besseren Vierteln besichtigen. In den Quartieren zwischen dem Parque Ibirapuera und dem Sportclub Pinheiros, der hinter Sichtschutzwänden Tennisplätze und Pools verbirgt, stehen moderne Hochhäuser mit aufmerksamem Wachpersonal und polierten Granitverkleidungen im Foyer. Hier liegt auch eine von 43 Filialen der Weinhandlung Grand Cru. Tausende Flaschen lagern in den Regalen des dazugehörenden Restaurants. Die Preise pro Flasche liegen umgerechnet zwischen neun und 5 200 Euro. Zum Vergleich: Brasiliens Mindestlohn liegt bei 240 Euro monatlich, der Durchschnittlohn bei etwa 800 Euro.