Ein beschädigter Stolperstein.
Foto: Meldung an Rias Berlin

BerlinIn Berlin ist die Zahl der bekannt gewordenen antisemitischen Vorfälle um 19 Prozent zurückgegangen. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) zählte im vergangenen Jahr 881 Vorfälle. Für Jüdinnen und Juden habe sich die Bedrohungssituation in Berlin dennoch nicht entspannt, teilte die Recherchestelle mit. Denn nach ihren Zahlen waren mit 213 fast genauso viele jüdische oder als jüdisch wahrgenommene Menschen von antisemitischen Vorfällen betroffen wie im Vorjahr, als 220 Menschen betroffen waren. Während Online-Pöbeleien oder Sachbeschädigungen zurückgingen, erhöhte sich laut Rias die Zahl der erfassten Angriffe auf Juden und als solche wahrgenommene Menschen von 19 auf 25.

Die vom Senat geförderte Recherchestelle sammelt ihre Daten auf Grundlage von Meldungen über das Internet, Beobachtungen und einer Zusammenarbeit mit Opferberatungsstellen und der Polizei. Demnach stieg auch die Zahl der registrierten antisemitischen Bedrohungen deutlich um 28 Prozent auf 59 Fälle. Gut die Hälfte der Vorfälle konnte Rias einem politischen Spektrum zuordnen. 29 Prozent aller Fälle kämen aus dem rechtsextremistischen Milieu. Auch die Zahl rechtsextremer antisemitischer Vorfälle sei – trotz insgesamt rückläufiger Tendenz – von 251 auf 258 angestiegen.

Mit 9,5 Prozent folgt sogenannter antiisraelischer Aktivismus. 2,3 Prozent der Vorfälle hatten Rias zufolge islamistischen Hintergrund. Dazu zählt Rias zum Beispiel die Tat eines 23-jährigen Mannes, der im Oktober mit einem Messer bewaffnet über die Absperrung vor der Neuen Synagoge in Mitte stieg. Er rief „Allahu akbar“, bis Polizisten ihn mit gezogenen Pistolen stoppten. Die Staatsanwaltschaft sah keine Haftgründe und ließ den Mann laufen.

Laut Rias werden täglich mehr als zwei antisemitische Vorfälle gemeldet. Zu den bekannteren Fällen gehört der eines Rabbiners Jehuda Teichtal, der im Juli in Charlottenburg-Wilmersdorf aus dem Fenster einer Wohnung von zwei Männern auf arabisch beschimpft wurde. Wie die Berliner Zeitung erfuhr, wurde das Ermittlungsverfahren inzwischen eingestellt. Die Polizei konnte die Täter nicht ermitteln.

Im Oktober wurde ein 70-Jähriger beim Spazierengehen mit seinem Hund in Pankow  von einem Mann beschimpft: „Was guckst Du mich an, jüdisches Arschloch.“ Dieser antwortete, „selber Arschloch“. Daraufhin schlug der Mann auf den Betroffenen ein und verwundete ihn an Kinn und Kopf.  

Im November hielten drei Männer einen Israeli fest, der in der U-Bahn-Linie 8 auf Hebräisch eine Nachricht in sein Telefon sprach. Sie beschimpften ihn auf arabisch und folgten ihm, als er sich losriss und ausstieg. „Weiterhin beobachten wir, dass Täter auf die bloße Anwesenheit hebräischer Sprache, jüdischer Symbole oder religiös konnotierter Kleidung antisemitisch und potentiell gewalttätig reagieren“, sagte Rias-Projektleiter Benjamin Steinitz.

„Der quantitative Rückgang ist eine positive Entwicklung, aber qualitativ haben wir eine antisemitische Grundstimmung, die uns weiter wachsam halten muss“, erklärte Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). „Gerade in der Corona-Krise erleben wir ein Erstarken antisemitischer Verschwörungstheorien.“

Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg, erklärte: „Auffällig ist, dass bei antisemitischen Vorfällen seitens offizieller Stellen oft von Einzeltätern die Rede ist, als ob der Hass vom Himmel fallen würde. Hier wäre eine sorgfältigere Einordnung wünschenswert, denn Antisemitismus kommt nicht aus dem Nichts, sondern ist im gesellschaftlichen Umfeld eingebettet.“