MagdeburgEs war eine jämmerliche Aktion, mit der sich Stephan B. wohl endgültig aus der Öffentlichkeit verabschiedete. Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens hatte gerade ihre Urteilsbegründung abgeschlossen und den letzten Verhandlungstag im Prozess gegen den Attentäter von Halle mit guten Wünschen für das bevorstehende Weihnachtsfest beendet. Da sprang der Angeklagte auf und schleuderte wortlos einen zu einer Rolle geformten Schnellhefter auf die ihm gegenüber sitzenden Nebenkläger. Sofort griffen die hinter ihm stehenden Wachleute ein, überwältigten B. und führten ihn aus dem Saal.

Wollte der Angeklagte damit noch einmal einen Eklat provozieren, dann ging dieses Vorhaben gründlich daneben. Was Richterin Mertens zu verdanken ist, die in den zweieinhalb Stunden zuvor den 28-jährigen B. nicht nur zu einer lebenslangen Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt, sondern ihm in ihrer Urteilsbegründung sein gescheitertes Leben schonungslos vor Augen geführt hatte. „Sie sind ein Menschenfeind“, sagte Mertens abschließend an den Angeklagten gewandt. „Wenn Sie ihre Grundhaltung nicht ändern, werden Sie wohl nie mehr in Freiheit leben können.“

Nach diesem letzten Auftritt des Attentäters im Gerichtssaal ist man geneigt, sich genau das zu wünschen – dass B. nie mehr aus dem Gefängnis freikommt. Auch dass man seinen Namen vergisst, aber nicht die Taten, die er begangen hat. Den Mord an der 40-jährigen Jana Lange nicht, die am 9. Oktober vergangenen Jahres zufällig die Humboldtstraße entlangging, wo der Attentäter an der verschlossenen Tür zur Synagoge verzweifelte und vor lauter Frust der jungen Frau in den Rücken schoss. Den Mord an dem 20-jährigen Kevin Schwarze nicht, der sich in einem Döner-Imbiss hinter einem Kühlschrank versteckte und wimmernd um sein Leben flehte, bevor ihn B. mit mehreren Schüssen geradezu hinrichtete. Und natürlich auch nicht die Bedrohung der 51 Juden in der Synagoge. Der Täter wollte sie erschießen, Männer, Frauen und Kinder, so viele wie möglich, wie er im Gerichtssaal noch einmal sagte.

Aus dem Nichts heraus gravierende Straftaten begangen

Sie habe in den 13 Jahren als Richterin in der Großen Strafkammer am Landgericht Halle viele schlimme und schwer zu ertragende Momente erlebt, sagte Richterin Mertens. „Aber dieses Verfahren stellt alles in den Schatten.“ Der Angeklagte habe an jenem 9. Oktober als jemand, der vorher nie straffällig gewesen sein, in nur eineinviertel Stunden quasi aus dem Nichts heraus gravierende Straftaten begangen: Morde, versuchte Morde, schwere Körperverletzungen, schwere räuberische Erpressung.

Die Verbrechen habe man auf dem nur schwer zu ertragenden Tatvideo sehen können, das der Angeklagte gefilmt hatte. „Hier vor Gericht haben Sie nicht einmal einen Ansatz von Reue oder Einsicht gezeigt, aber mehrmals gesagt, dass Sie den Kampf fortsetzen wollen“, sagte die Richterin fassungslos. Selbst auf die Frage einer Nebenklägerin, ob er in der Synagoge auch Kinder erschossen hätte, wären dort welche gewesen, habe er mit ja geantwortet. „Sie sind für die Menschheit gefährlich, für Bürger jeder Religion oder Herkunft“, sagte Mertens. Deshalb sei eine Sicherungsverwahrung unumgänglich. „Denn eine lange Freiheitsstrafe allein wird nicht dazu führen, Sie auf den richtigen Weg zu bringen.“

B. hatte während der gesamten Urteilsbegründung still und nahezu regungslos auf seinem Platz gesessen. Dabei heftete er seinen Blick die meiste Zeit auf die Richterin, die ihn auch mehrfach direkt ansprach. Ab und zu schien er zu lächeln, als wollte er Gelassenheit demonstrieren. Eine Reaktion auf Mertens’ Worte zeigte er jedoch nicht. B., dieser Eindruck drängte sich auf, scheint mit seinem Leben abgeschlossen zu haben.

„Feige und ohne Spur einer Gefühlsregung“

Ihre insgesamt zweieinhalbstündige Urteilsbegründung hatte die Richterin mit der Schilderung der beiden Morde an Jana Lange und Kevin Schwarze begonnen. Dabei las sie Wort für Wort vom Blatt ab – was ungewöhnlich für sie sei, wie sie erklärte. „Üblicherweise trage ich Urteilsbegründungen mündlich vor. Diesmal aber musste ich mich dazu zwingen, sie aufzuschreiben, um die Fassung zu bewahren.“

Was Ursula Mertens damit meinte, war ihr anzuhören. Manchmal schien ihre Stimme zu brechen, dann hielt sie inne und man spürte ihre Anstrengung, zu einem sachlichen, distanzierten Vortrag zurückzukehren. Etwa als es um Kevin Schwarze ging, den 20-jährigen, geistig behinderten Lehrling, den B. im Döner-Imbiss tötete. „Er hat den Angeklagten angefleht, ihn nicht zu ermorden“, sagte die Richterin und wandte sich dann direkt an B. „Doch feige und ohne Spur einer Gefühlsregung haben Sie, Herr B., einen hilflosen Menschen hingerichtet. Diese Tat ist von einer Niedertracht, die ihresgleichen sucht.“ Der 20-jährige Kevin habe sich trotz aller Schwierigkeiten in seinem Leben durchgekämpft, einen Schulabschluss geschafft und sogar eine Ausbildung begonnen. „Er hat sich nicht wie Sie in sein Kinderzimmer zurückgezogen. Alles was er geschafft hat, ist Ihnen in Ihren 27 Jahren nicht gelungen.“

Foto: AFP/Ronny Hartmann
Richterin Ursula Mertens.

Auch der – glücklicherweise gescheiterte – Anschlag auf die Synagoge, in der sich zum Tatzeitpunkt 51 jüdische Gläubige aufhielten, war nach Mertens’ Worten eine abscheuliche, feige, menschenverachtende Tat. Der Angeklagte sei dabei getrieben gewesen von Hass gegen Menschen, die er nicht kannte und die sein Leben auch nicht einmal in Ansätzen beeinträchtigt hätten. Seine Tat erfülle drei Mordmerkmale, sagte sie: niedrige Beweggründe, Heimtücke und der Einsatz gemeingefährlicher Mittel.

Viel Sorgfalt verwendete die Richterin überdies auf die Begründung des Tatvorwurfs des versuchten Mordes. B.s Verteidiger hatte in seinem Plädoyer noch argumentiert, dass sein Mandant von der geplanten Tat abgelassen habe, als er die hölzerne Tür in der gemauerten Umfriedung des Synagogengartens nicht geöffnet bekam. Zum Mordversuch habe er daher nicht unmittelbar angesetzt, weil er ja nicht einmal zur Synagogentür, hinter der sich seine potenziellen Opfer verschanzt hatten, gelangt war.

Richterin Mertens überzeugte diese Argumentation nicht. Der Angeklagte habe sehr wohl unmittelbar angesetzt zum Mordversuch, als er sieben Minuten lang auf komplexen Wegen versuchte, in das Innere des Gotteshauses zu gelangen, um dort so viele Menschen wie möglich zu töten. B. habe „alle Hemmschwellen und menschlichen Gefühle abgelegt, als er finster entschlossen mit seinem Anschlag begann“, sagte sie. Damit habe er unter den betenden Juden in der Synagoge unermessliches Leid verbreitet und Todesängste geschürt.

In den vergangenen sechs Monaten habe das Gericht in Abgründe des menschlichen Lebens geschaut, sagte Mertens. Dabei seien wichtige Fragen allerdings ungeklärt geblieben. „Wie kommt es, dass Bildung, soziales und familiäres Umfeld so versagten wie bei dem Angeklagten? Wie kommt es, dass jemand keine Herzensbildung erfahren hat?“, fragte sie. Sie wisse nicht, warum niemandem aufgefallen sein soll, was B. getrieben hat, warum ihn niemand gestoppt habe. „Aber jeder in seinem Umfeld muss sich fragen lassen, wie das passieren konnte.“

Den vielen Zuhörern im Gerichtssaal, die an den 26 Verhandlungstagen dabei waren, werden außer dieser stellenweise bewegenden Urteilsbegründung auch die Auftritte vieler Nebenkläger in Erinnerung bleiben. So etwa die Zeugenbefragung der 30-jährigen Rebecca B., einer aus New York stammenden Jüdin, die zusammen mit ihrem Mann und ihrer 15 Monate alten Tochter nach Halle gereist war, um mit der dortigen jüdischen Gemeinde den Feiertag Jom Kippur zu feiern.

Während des Anschlags war eine Babysitterin gerade mit dem Kind in einem nahen Park spazieren. Die Stunden in der Synagoge und die Trennung von ihrer Tochter hätten in ihr ein tief sitzendes Familientrauma reaktiviert, sagte Rebecca B., denn sie stamme aus einer Familie von Überlebenden der Schoah. Sie erzählte vom Schicksal ihrer Großmutter, die als 16-Jährige mit ihren beiden Schwestern und der Mutter nach Auschwitz deportiert wurde, wo man sie an der Rampe von der Mutter trennte. „Als wir in Halle in der Synagoge eingesperrt waren, ohne zu wissen, was dort draußen passiert, war ich panisch“, berichtete Rebecca B. „Da war die normale Angst einer Mutter, die von ihrem Kind getrennt ist. Und gleichzeitig spürte ich das Trauma meiner Großmutter, die an den Toren von Auschwitz von ihrer Mutter getrennt wurde.“ Deutschland müsse anerkennen, fügte Rebecca B. noch hinzu, dass auch Kinder, Enkel und Urenkel der Verfolgten mit dem Trauma der Schoah leben.

Den 32-jährigen Roman Remmis, Kantor der Jüdischen Gemeinde in Halle, beschäftigt seit dem 9. Oktober 2019 der Gedanke, vielleicht zu wenig getan zu haben, um Menschenleben zu retten. „Ich werfe mir noch heute vor, an diesem Tag nicht mit anderen Männern zusammen aus der Synagoge rausgelaufen zu sein, um den Täter anzugreifen“, sagte er vor Gericht. „Vielleicht hätten wir die Toten verhindern können, frage ich mich seitdem.“

Schlafstörungen und Angstattacken

Auch bei Rifat Tekin hat der Anschlag ein Trauma hinterlassen. Der junge Mann stand hinter der Theke, als B. mit seinem Gewehr in den Dönerladen stürmte. Der 32-Jährige warf sich zu Boden und nutzte die Gelegenheit zur Flucht auf die Straße, als der Angreifer eine Ladehemmung an der Waffe beheben musste. Bis heute kann er nur stundenweise in dem Imbiss arbeiten, er hat Schlafstörungen und Angstattacken. „Mein Leben ist ein anderes als vor dem 9. Oktober“, sagte er vor dem Gericht.

Einig waren sich vor Gericht alle Zeugen, die den Anschlag in der Synagoge und im Kiez-Döner miterleben mussten, darin, dass sie eine solche Tat in Halle nicht für möglich gehalten hätten. Einerseits. Andererseits sprachen alle von einem gesellschaftlichen Klima, das in den vergangenen Jahren immer stärker von Hass, Ausgrenzung, Antisemitismus und Rassismus geprägt gewesen sei. „Meine Sicht auf Deutschland hat diese Tat verändert“, sagte etwa Ismet Tekin, der inzwischen deutscher Staatsbürger ist und zusammen mit seinem Bruder den Dönerladen betreibt. „Jetzt sehe ich: So lange ich dunkle Haare habe und einen dunklen Teint, macht es keinen Unterschied, ob ich einen deutschen Pass in der Tasche habe.“ Und die 29-jährige Naomi H. aus Israel, die am 9. Oktober 2019 in der Halleschen Synagoge war, sagte: „Ich möchte mich gern zu Hause und geborgen fühlen in einer Synagoge. Aber kann man sich in einem Zuhause, das kugelsichere Fenster und Türen braucht, wirklich wohl fühlen? Je höher der Polizeischutz für uns Juden ist, desto mehr frage ich mich, ob in der Gesellschaft nicht etwas falsch läuft.“

Diese Gedanken werden den Prozess überdauern.