Nie zuvor und auch nicht danach gab es in der Welt ein solches Ereignis wie den „Erdgipfel“ von Rio de Janeiro. 106 Staats- und Regierungschefs, Delegationen aus 170 Ländern – mehr als 40.000 Menschen – reisten zur Uno-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio an, die vom 3. bis 14. Juni 1992 tagte.

Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Kollaps des Warschauer Pakts war der Kalte Krieg zu Ende gegangen – friedlich! Die Menschheitsgeschichte könnte sich zum Guten wenden, so der Zeitgeist, endlich würde man sich den gravierenden globalen Problemen zuwenden können: Hunger, Armut, Umweltzerstörung, Bildungsmangel, Frauenrechte, Artenschutz und Klimawandel. Eine „Charta der Erde“ sollte der Gipfel erarbeiten, Regeln für eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen aufstellen.

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UN-Generalsekretär Butros Ghali (r) gratuliert dem brasilianischen Präsidenten Fernando Collor de Mello (l), nachdem dieser als Erster die Klimaschutz Konvention unterzeichnet hat.Vom 03.- 14. 06.1992 fand in Rio de Janeiro (Brasilien) die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung statt. Als "Konferenz von Rio", "Umweltgipfel" oder auch "Erdgipfel" bezeichnet, gilt sie als Meilenstein für die globalen Umwelt- und Entwicklungsbestrebungen.

Doch die globale Krise war eben noch nicht eingetreten. Der von den Umweltaktivisten angeschlagene Alarmton klang damals schrill. „Last Exit Rio“, lautete eine Parole, um die Konferenz als letzte Chance zur Gegenwehr gegen Klimawandel, Artensterben und andere Welt-Übernutzungserscheinungen zu kennzeichnen. Heute steht fest: Die Aktivisten hatten recht.

Als neue Realität waren in Rio die neuen globalen Machtverhältnisse zu besichtigen. Statt Ost-West-Konfrontation hieß es jetzt Nord-Süd-Konflikt. Der Westen sah mit seinem Sieg über den Ostblock das „Ende der Geschichte“ erreicht, nun würden sich westliche Werte als universal unwiderstehlich erweisen. Die Vereinten Nationen sollten den Übergang regeln.

US-Präsident George Bush (der Ältere) machte sich über die Anmutung von Graswurzel-Weltdemokratie in Rio lustig. Wegen der nie gekannten Präsenz von Vertretern aus armen Ländern nannte er den UN-Gipfel einen „Zirkus“.

Die Konferenz in Rio eröffnete die Ära der NGOs

Russland wiederum legte es mit Blick auf zu erwartende neue Entwicklungsfonds darauf an, für die ehemaligen Sowjetrepubliken einen Empfängerstatus als Länder im „Übergang zur Marktwirtschaft“ zu erlangen. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) machte die deutschen Prioritäten klar: die neuen Bundesländer aufbauen, die mittel-, ost- und südeuropäischen Länder bei der demokratischen und wirtschaftlichen Transition unterstützen – und die Entwicklungsländer „nicht vergessen“.

Rio de Janeiro erlebte eine bunte globale Folkloreshow als sichtbares Zeichen, dass die große Zeit der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) angebrochen war. Yanomami-Indios aus dem Amazonas-Regenwald und kreuztragende Jesus-Nachfolger traten ebenso auf wie straff organisierte Umwelt-Lobbygruppen aus den USA und Europa.

Es wurde getrommelt, getanzt, getagt und in tropischer Wärme bei Caipirinha die Nächte durchdiskutiert. Auf dem Parallel-Gipfel, genannt Global Forum, traten Tausende NGOs mit hohen ethischen Ansprüchen den staatlichen Akteuren gegenüber. Das Welttreffen der Guten flocht ein globales Netz, das sich unter anderem bei den zahlreichen Rio-Nachfolgekonferenzen als einflussreich erweisen sollte.

Die Globalisierung erlaubte ungeahnte Profitmargen

Bei der eigentlichen Konferenz feilschten die Umweltminister um Dokumente und Formulierungen, die Weltöffentlichkeit erfuhr von der Bedeutung der eckigen Klammern, in denen die ungelösten Fragen lauerten. Medien urteilten pauschal über die Ergebnisse; sie wussten, dass man das Publikum nicht mit vielen Details behelligen konnte. Die Kritik konzentrierte sich in der vieltausendfach in Schlagzeilen wiederholten Formel, die Konferenz produziere „heiße Luft“.

Die reale Entwicklung brachte in den folgenden Jahren Wohlstand für Millionen weltweit durch atemberaubende Globalisierung. Niedriglohnproduktionen in China, Bangladesch und vielen anderen Ländern eröffneten bis dahin ungeahnte Profitmargen für international agierende Firmen. Die wachsende globale Mittelklasse konsumierte und machte sich wenig Gedanken über die Konsequenzen des neuen Glücks. In Deutschland stieg die Zahl der Kfz von sechs Millionen in Jahr 1992 auf 8,3 Millionen – und die sind im Durchschnitt deutlich größer und stärker motorisiert. Spareffekte durch Technologie gingen immer wieder zunichte.

China auf Westniveau

Hatte man in Rio noch sorgenvoll orakelt, was wohl geschähe, wenn viele Millionen Chinesen Auto fahren und auch nur ein Viertel des westlichen Wohlstandsniveaus erreichen würden, so wissen wir heute: China befreite 700 Millionen Menschen aus der Armut, trug 70 Prozent zur Armutsreduzierung bei und näherte sich auch hinsichtlich der Umweltschäden rasant dem „Westniveau“ an. In Rio hatten die reichen Länder den anderen das Recht zum Aufstieg eingeräumt und zugleich dafür gesorgt, dass die eigenen Lasten minimal blieben.

Die Agenda 21, eines der wichtigsten Dokumente von Rio, legte Aktionspläne für das 21. Jahrhundert fest – vor allem für die Ressourcen Wasser, Wald, Boden, Atmosphäre. Misst man den Erfolg an den Kriterien des sogenannten Weltübernutzungstags, so ist das Ergebnis niederschmetternd: Im vorigen Jahr war der Tag am 29. Juli erreicht; in den 1990er-Jahren hatte er noch im Oktober gelegen.

Erde hoffnungslos übernutzt

An diesem Tag sind für das Jahr alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die innerhalb eines Jahres wieder hergestellt werden können und damit nachhaltig zur Verfügung stehen. Auf Deutschland berechnet lag er 2022 am 4. Mai. Das liegt vor allem an viel zu hohem (fossilen) Energieverbrauch, Massentierhaltung, vergifteten Böden. Auf die Weltbevölkerung hochgerechnet, verbraucht der deutsche Lebensstil die Fläche von drei Erden.

Diese unheilvolle Tendenz kannten die Beteiligten von Rio, ebenso kannten sie die physikalischen Grundgesetze, zum Beispiel jenes vom Treibhauseffekt, der Ursache des Klimawandels: Wenn die Konzentration von Kohlendioxid, Methan und ähnlicher Gase in der Atmosphäre steigt, wird eingedrungene Wärmestrahlung der Sonne absorbiert, statt sie wieder ins All abzugeben. So ist immer mehr Energie rund um den Globus unterwegs. Die Folgen sind nicht mehr zu leugnen. 1972 lag der Bericht des Club of Rome zu den „Grenzen des Wachstums“ vor. Fünf verlorene Jahrzehnte.

Der Klimawandel ist in vollem Gang. Klimaaktivisten müssen keine Apokalypse mehr erfinden, jetzt können sie sie beschreiben und aktuelle Bilder dokumentieren Riesenfeuer, Mega-Fluten, Super-Hitzewellen in Indien, Dauer-Dürre in Berlin/Brandenburg. Die alten Forderungen stehen weiter unerfüllt im Raum, darunter ein Spritpreis von fünf Mark (2,50 Euro), weltweite Steuer von drei Dollar pro Barrel Erdöl, massiver Transfer von Umwelttechnologie in die Entwicklungsländer, freiwillig weniger Auto fahren.

Der Uno-Gipfel damals hatte neben dem Aktionsplan Agenda 21 auch Erklärungen über den Waldschutz, die Rio-Deklaration über den gerechten Ausgleich zwischen armen und reichen Ländern und die Klimarahmenkonvention verabschiedet. Als besonders heikel erwies sich die Weltbevölkerungskonferenz von 1994 in Kairo: Es ging um das Recht jeder Frau, die Zahl ihrer Kinder durch Familienplanung selbst zu bestimmen, um die Senkung der Müttersterblichkeit.

Heikle Frage Weltbevölkerung

Aber es ging immer auch darum, das Wachstum der Weltbevölkerung zu bremsen. Der Vatikan boykottierte die Konferenz, weil er keinerlei Verhütung akzeptierte. Islamische Staaten blockierten, weil sie Frauenrechte verabscheuten. Lebten zur Zeit der Rio-Konferenz 5,5 Milliarden Menschen auf der Erde, sind es jetzt acht Milliarden. Die reproduktiven Rechte der Frauen bleiben, vor allem in armen und von religiös-militanten Kräften regierten Ländern, beklagenswert.

Während der Berliner Klimakonferenz 1995 fiel die neue deutsche Umweltministerin Angela Merkel als Tagungsleiterin auf. Durch geschicktes, sachkundiges Verhandeln machte sie den Weg frei für das Kyotoprotokoll, das 1997 erstmals völkerrechtlich verbindliche Zielwerte für den Treibhausgasausstoß festlegte. Erstmals zeigte die spätere Kanzlerin ihr Talent, auch international Kompromisse zu vermitteln.

Unzufrieden mit Klimakanzlerin Merkel

Nach 16 Jahren Amtszeit der „Klimakanzlerin“ lautet die Klage, Angela Merkel habe viel zu wenig getan. Im Mai 2021 antwortete sie der „Fridays for Future“-Aktivistin Luisa Neubauer, warum sie nicht konsequenteren Klimaschutz betrieben habe: „In der Demokratie muss ich immer auch Mehrheiten für etwas bekommen.“ Das sehen Teile der neuen Klimabewegung nicht mehr ein. Junge Leute von „Last Generation“ gehen in den Hungerstreik oder kleben sich auf Autobahnen fest.

2015 feierten sich die Regierungen für das in Paris unterzeichnete Klimaabkommen, das nunmehr alle Staaten verpflichtete, die Emissionen zu senken und Weltwirtschaft klimafreundlich umzubauen – auch Aufsteiger wie China müssen mitmachen.

Deutschland verfehlt die Klimaziele

Die deutsche Klimabilanz bleibt kläglich. Im Januar 2022 stellte Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck fest: Deutschland verfehlt seine Klimaziele. Die bisherigen Maßnahmen seien „in allen Sektoren“ unzureichend. Die rot-grün-gelbe Bundesregierung starte mit einem „dramatischen Rückstand“. Die Aufgabe, die Ziele bis 2030 zu erreichen, sei „gigantisch“.

Das war, bevor Putin-Russland die Ukraine überfiel und die massive Abhängigkeit von russischem Gas und Öl evident wurde. Deutschland erwachte wie aus einem Rausch – russische fossile Brennstoffe waren die Droge, die jahrelang den Blick auf die Probleme trübte. Jetzt wird es einerseits teuer, andererseits lohnen Einsparen und Umrüsten. Erneuerbare bekommen eine Chance als Retter von Wirtschaft, Wohlstand und Klima.

Das hässliche Ende des Umweltgipfels

Greenpeace hatte zum Abschluss der Rio-Konferenz von einem „historischen Scheitern“ gesprochen. Auf die Autorin kam das Elend direkt zu: Nach zwei Wochen Berichterstattung hatte sie die Abreise der Zehntausenden Teilnehmer abgewartet. Ein Extratag Rio sollte einer am Strand werden. Doch im blauen Wasser stand die Journalistin umgeben von braunen Würsten und Klumpen – und ergriff die Flucht. Das Konferenzzentrum hatte die Behälter mit den gesammelten Fäkalien geöffnet. Die brasilianischen Medien berichteten von einem großen Fischsterben. Auch das steht als Bilanz von Rio.