Ritchie Blackmore ist einer der letzten großen Exzentriker des Rock’n’Roll. Der britische Gitarrist gründete Deep Purple, schrieb mit seinem Riff zu „Smoke On The Water“ Musikgeschichte, überwarf sich mit seinen Mitmusikern, tauschte auch bei seiner Nachfolge-Band Rainbow unzählige Musiker aus, bevor er den Rock zugunsten von Renaissance-Musik vorrübergehend ganz an den Nagel hängte. An diesem Sonnabend wird Blackmore 73 Jahre alt – und ist zumindest am Telefon ein sehr umgänglicher und unterhaltsamer Typ. Während des Gesprächs, das er von seinem Zuhause in New York aus führt, hört man seine Katze Rumpelstilzchen auf seinem Schoß miauen.

Was ist das Tolle an deutschen Frauen?

Wollen Sie mich verlegen machen?

Ich frage, weil Sie in den Sechzigern gleich zwei deutsche Damen ehelichten.

Nicht zur selben Zeit! Ich kann da nicht so ins Detail gehen, sonst wird meine jetzige Frau sauer. Aber der offensichtliche Unterschied zu den englischen oder amerikanischen Mädchen war, dass sie sehr hart arbeiteten. Die Engländerinnen waren hingegen ziemlich faul. Das war der erste Eindruck, den ich hatte, als ich nach Deutschland kam.

Ist das gut oder schlecht?

Gut. Die Deutschen sind nun mal diszipliniert. Aber es verändert sich gerade ein bisschen. Ich merke, wie viele amerikanische Einflüsse ins Land getragen werden – zumindest wird mir dieses Bild durch die Medien vermittelt. Und ich finde, die Deutschen sollten ihre Identität bewahren. Ich mag das traditionelle Zeug wie Dirndl zum Beispiel. Nur das Oktoberfest, das hat mir gar nicht gefallen.

Warum nicht?

Es war einfach zu laut.

Lustig, wenn ausgerechnet Sie das sagen. Wo Sie doch berühmt sind für Ihr lautes Gitarrenspiel.

Ich spiele gerne laut, aber ich gehe nicht gerne irgendwohin, wo es laut ist. Ich trinke gerne deutsches Bier, aber das Oktoberfest ist einfach irrsinnig, voll und überbewertet. Aber zurück zu meinen Frauen...

Gerne.

Ich habe mit 19 das erste Mal geheiratet, eine Deutsche, aber ich war zu jung für die Ehe. Ich bedaure das heute. Es ist Zeitverschwendung, wenn du mit der Falschen verheiratet bist. Aber man lernt aus seinen Fehlern.

Immerhin haben Sie so Ihre Verbindung zu Deutschland intensivieren können.

Das stimmt. Ich erinnere mich gut, wie ich 1963 das erste Mal mit dem Rock ’n’ Roll-Pianisten Jerry Lee Lewis nach Hamburg kam. Ich spielte mit ihm und Gene Vincent im Star-Club. Ich hatte sofort viele Freunde und blieb einfach dort. Ich lebte drei Monate auf der Großen Freiheit in einem Apartment neben dem Gruenspan. Ich fühlte mich sofort willkommen. Ich fühlte mich in Deutschland sogar lange Zeit mehr zu Hause als in meiner englischen Heimat und betrachte es heute noch als mein zweites Zuhause. Ich war in Hamburg auch Mitglied einer deutschen Band.

Was für eine Band war das?

Eine wie jede andere, so eine typische Blues-Pop-Kapelle. Wir hatten einen schrecklichen Schlagzeuger, der allerdings viel zu tun hatte. Ich tourte mit der Band durch die Clubs der Stadt und später auch als Support von den Rattles. So lernte ich die Sprache, denn alle um mich herum sprachen Deutsch.

Können Sie noch Deutsch?

Ich bemühe mich. Ich habe eine Satellitenschüssel, mit der ich in den USA vier deutsche Fernsehsender empfangen kann. Ich verstehe meist nicht im Detail, worum es geht. Aber ich höre es mir an oder lasse es einfach laufen, damit ich mit meinem Deutsch am Ball bleibe. Meine Familie findet das ziemlich verrückt.

Haben Sie ein deutsches Lieblingswort?

Nur in Verbindung mit meinem deutschen Lieblingsessen.

Welches ist das?

Ich liebe Bratheringe. Ich kann das Wort nicht korrekt aussprechen. Das „r“ ist einfach zu hart. Aber Bratheringe und Pommes Frites am Schnellimbiss sind perfekt. Und ich mag Kohlrouladen – aber auch da habe ich Probleme mit dem „rrrr“. Die Kohlrouladen müssen richtig gemacht sein und am besten zwei Tage liegen. Denn erst dann ist der Kohl so richtig schön durchgeweicht.

Haben Sie damals auch in Berlin gespielt?

Schon, allerdings war die Erfahrung nicht die Beste. Ich sollte 1964 mit einer Band für ein Engagement nach Berlin reisen. Wir verließen England, aber an der Grenze fiel den Kontrolleuren auf, dass wir keine Arbeitserlaubnis hatten. Also zogen sie uns aus dem Zug. Das muss im Großraum Aachen gewesen sein. Wir mussten die Nacht über in einem Hotel bleiben. Dem Polizeibeamten tat es leid, er lud uns sogar zum Essen ein. Schließlich bekamen wir die Arbeitserlaubnis ausgestellt, um in Berlin auftreten zu können. Aber das Glück war nur von kurzer Dauer.

Warum?

Wir sollten zwei Wochen lang in einem kleinen Berliner Club namens Tiki auftreten. Aber wir spielten so laut, dass der Manager des Clubs uns nach dem ersten Abend nach Hause schickte. Wir wären nicht die richtige Band für den Club, hieß es. Wir waren also arbeitslos und hungerten uns durch die Straßen von Berlin. Ich weiß seither, was es bedeutet, den Leuten, die in den Restaurants sitzen, beim Essen zuzusehen. Aber weil der Club-Manager mich mochte, zahlte er mir schließlich das Zugticket nach Hamburg.

In Hamburg lernten Sie Ian Paice kennen den späteren Schlagzeuger Ihrer Band Deep Purple.

Ich sah ihn im Star-Club spielen und versprach, dass ich ihn als Drummer engagieren würde, sollte ich jemals genug Geld haben, eine Band zu unterhalten. Denn um dieses Konstrukt zusammenzuhalten, brauchst du am Anfang Geld. Andernfalls werden die Musiker immer auch mit anderen Leuten zusammenarbeiten. Es dauerte noch ein weiteres Jahr, bis der Geschäftsmann Tony Edwards uns unter die Arme griff. Ich sagte ihm, wenn er Geld besorgt, könnte ich ihm eine Supergroup aus den besten Musikern zusammenstellen. Und genau so kam es. Ian Paice stieg ein. Alles ging ziemlich schnell. Das ist genau fünfzig Jahre her.

Erinnern Sie sich an den Tag, als Sie das legendäre Gitarrenriff von „Smoke On The Water“ das erste Mal gespielt haben?

Natürlich! Wir waren in einem Ballsaal in der Schweiz, wo wir ein mobiles Studio aufgebaut hatten. Ian Paice hatte gerade angefangen, einen Rhythmus vorzugeben. Und ich habe sofort das Riff dazu gespielt. So einfach war das. Es waren nur er und ich. Als wir uns klar darüber waren, dass wir etwas gefunden hatten, das es wert war, verewigt zu werden, holten wir die anderen dazu, damit sie ihre Parts einüben konnten. Die Schweizer Polizei hätte „Smoke On The Water“ jedoch fast verhindert.

Wie das?

Wir spielten sehr laut. Es gab Beschwerden von Nachbarn. Irgendwann stand die Polizei vor der Halle, um uns daran zu hindern, weiter zu spielen. Während wir also „Smoke On The Water“ aufnahmen, hämmerten sie wie wild an die Hintertür. Wir wussten, dass sie da waren, um uns zum Aufhören zu bringen. Aber wir machten einfach weiter – noch vier, fünf Minuten, um den letzten Take zu Ende zu bringen. Wenn wir aufgehört hätten, hätten wir den Song nicht gehabt.

Welcher Verlust das für die Geschichte des Rock ’n’ Roll gewesen wäre!

Ja, dabei ist das Riff absurd einfach. Ich bin da wirklich über meinen Schatten gesprungen. Denn mir war aufgefallen, dass viele Songs in den Sechzigern recht simpel waren. „Satisfaction“ von den Stones oder „You Really Got Me“ von den Kinks haben sehr simple Riffs. Wenn du die Menschen ansprechen willst, musst du es einfach halten, andernfalls begeisterst du nur andere Mukker – und die kaufen sowieso keine Musik. Mein Motto war deshalb immer: „Wenn es der Briefträger pfeifen kann, während er die Post ausliefert, dann ist es groß.“ Mir haben schon Menschen das Riff vorgesungen, also hat es funktioniert – auch wenn es sehr merkwürdig ist, für die paar Noten bekannt zu sein.

Hört man da etwas Bitterkeit?

Nein. Es ist jedoch erstaunlich, dass die Öffentlichkeit diesen simplen Song allem anderen, was wir aufgenommen haben, vorzieht. Es ist wie bei Beethoven – auch wenn ich mich nicht mit ihm auf eine Stufe stellen will. Aber der ist auch in erster Linie bekannt für die vier Töne aus seiner Fünften: da-da-da-daaa. Er wäre vermutlich auch leicht genervt, dass man ihn überwiegend dafür wahrnimmt.

Das Riff von „Smoke On The Water“ soll überaus beliebt sein bei jungen Gitarrenschülern.

Das wurde mir auch zugetragen. Einige Instrumentenläden haben Schilder aufgehängt mit dem Aufdruck: „Das Riff von ‚Smoke On The Water‘ zu spielen, ist streng verboten.“ Die Leute, die dort arbeiten, sind es leid, sich das immer wieder anzuhören – und dann noch schlecht gespielt. Ich habe Verständnis dafür. Aber ich beschwere mich nicht. Ich kann damit meine Rechnungen bezahlen.