Berlin - Wer die öffentlichen Auftritte von Lothar Wieler regelmäßig verfolgt hat, dem muss dieser Tage auffallen, dass sich etwas verändert hat. Auch für ihn, den Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, der seit einem Jahr über den Stand der Pandemie berichtet. Ruhig, nüchtern, ohne Alarmismus in der Stimme und immer mit einem Zahlengerüst im Hintergrund. Lothar Wieler, 60 Jahre alt, von Beruf Fachtierarzt für Mikrobiologie, ist kein Mann fürs Dramatische. Warum auch? Die Daten, davon muss er anfangs fest überzeugt gewesen sein, würden schon für sich sprechen und den Ernst der Lage angemessen illustrieren. 

Ein Jahr und fast drei Pandemiewellen später hat sich Wielers Rolle gewandelt. Der ernste Mann mit dem graumelierten Haar und der randlosen Brille ist vom Berichterstatter zum Erklärer und vom Mahner zum Warner geworden. In letzter Zeit werden die Warnungen immer eindringlicher. Und sie richten sich immer häufiger an die Politik.

Seine betont neutrale Haltung gibt der RKI-Chef immer mehr auf

Gewiss, immer noch betont Wieler bei jedem Auftritt beinahe mantraartig die Bedeutung, die die Hygiene-Regeln im Alltag für jeden Einzelnen haben: Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz tragen, Lüften, Kontakte reduzieren. Doch seine betont neutrale Haltung gegenüber den politischen Entscheidungsträgern gibt der RKI-Präsident mehr und mehr auf.

Das wurde auch am Donnerstag wieder deutlich, als Wieler – auch das ist ein inzwischen gewohntes Bild – an der Seite von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor die Hauptstadtpresse trat. Die Lage in den Krankenhäusern drohe dramatischer zu werden, als während der zweiten Infektionswelle im Winter, sagte Wieler. „Wir müssen jetzt handeln. Die Entscheider sind jetzt gefragt.“ Gemeint war damit auch der CDU-Minister zu seiner Linken – auch wenn dieser eher nicht den Eindruck vermittelte, dass er sich angesprochen fühlte und stattdessen selbst die langsamen politischen Entscheidungsprozesse kritisierte, ungeachtet der Tatsache, dass er ja selbst ein Teil davon ist.

Wieler: „Verantwortung der Pandemiebewältigung wird an die Einzelnen abgegeben“ 

In Wielers Gesicht war keine Reaktion zu lesen. Doch es muss ihn gewurmt haben. Monatelang hatte Lothar Wieler den Politikern, die mit ihm auf dem Podium Platz nahmen, die Bühne für Wertungen und Warnungen oder auch Durchhalteparolen überlassen, selbst getragen von seiner immer noch offensichtlichen Überzeugung oder doch zumindest der Hoffnung, dass es schon reichen werde, die Zahlen zu präsentieren und einzuordnen. Die Politik werde schon die richtigen Schlüsse daraus ziehen.

Zuletzt schien sich der RKI-Chef da nicht mehr so sicher zu sein. Schon bei seinem Auftritt vor der Presse in der vergangenen Woche hatte Wieler bemängelt, dass durch die Unentschiedenheit der Politik und fehlende Konzepte die „Verantwortung der Pandemiebewältigung an die Einzelnen“ abgegeben werde.

Am Donnerstag nun verglich der RKI-Präsident die aktuelle Pandemielage mit einer Autofahrt auf einer schmalen Straße in den Dolomiten. „Stellen Sie sich vor, die Straße ist kurvenreich und an einer Seite ist ein steiler Abhang“, sagte Wieler. „Jeder weiß, in diese Kurve kann ich nur mit 30 km/h fahren. Wenn ich mit 100 km/h da hineinfahre, dann ist das lebensgefährlich. Man kommt nämlich von der Straße ab. Und ehrlich gesagt hilft dann auch keine Notbremse mehr.“

Am Ende heißt das: Ja, wir können alle versuchen, so langsam wie möglich zu fahren. Doch über die Verkehrsregeln zu entscheiden und die Warnschilder aufzustellen, das liegt in der Verantwortung der Politik. Eine Verantwortung, die sie nicht wird abgeben können.