Robert Habeck war in Israel zu Gast.
Foto: imago images/Sven Simon

SderotDas erste Elektroauto in Israel sieht Robert Habeck an der Grenze zum Gazastreifen. Habeck steht auf einem Sandhügel, von dem aus man weit übers Land blicken kann. Links befindet sich ein Militärstützpunkt, rechts ein Denkmal für einen gefallenen Soldaten, „und da vorne“, sagt Omer Egozi, der Führer der Delegation, „da liegt Gaza.“ Habeck blinzelt in die Sonne. Die weißen Würfel auf der anderen Seite seien ein Hamas-Stützpunkt, fährt Egozi fort und vergisst nicht, darauf hinzuweisen, „dass sie uns sehen von da drüben“.

Da nähert sich von hinten ein Gefährt mit bunten Fahnen. Eher ein Golfkarren als ein Auto, Omer Egozi geht trotzdem los, um herauszufinden, ob es ein Sicherheitsrisiko sein könnte. Habeck sagt: „Das ist das erste Elektroauto, das ich hier sehe.“

Er ist am Mittwoch in Israel gelandet, nicht als Umweltpolitiker, sondern als Chef einer Partei, die wächst wie keine andere in seinem Land, von der AfD mal abgesehen. Aber der Grünen-Vorsitzende kann schlecht aus seiner Haut. Er weiß, dass Israel für seine innovativen Technologien und Start-ups berühmt ist, er hat damit gerechnet, die ersten E- und Tesla-Autos schon am Flughafen zu sehen, stattdessen: verstopfte Straßen, kaum Radwege, Müll und Plastikflaschen. Es gebe hier andere Prioritäten, sagt er, Sicherheit sei das Wichtigste im Nahen Osten. Aber aus Habecks Mund klingt das nicht besonders überzeugend, eher fragend, tastend. Er ist das erste Mal in Israel, und das Wichtigste hat er schon gelernt, bevor er ankam: Man kann hier viel falsch machen als deutscher Politiker.

Habeck ist ruhig – und vorsichtig

Es sollte eine „Low-level“-Reise werden, so nennt er es, nicht so wichtig. Aber dann wollten alle mitreden, sagen, was auf dem Programm stehen muss und wen man unbedingt treffen sollte. Aber auch, wen nicht. Israel, das merkte Habeck bald, ist „high level“. Hochwichtig. Hochkompliziert. Es geht um Deutschlands Verantwortung für den Mord an sechs Millionen Juden, aber auch um die Menschenrechtsverletzungen an den Palästinensern heute. Yad Vashem muss sein, Präsident Rivlin ist eine Ehre, um die palästinensischen Gebiete kommt ein Grüner, der sich für Menschenrechte einsetzt, nicht herum – im Gegensatz zu Annegret Kramp-Karrenbauer, die es bei ihrem Antrittsbesuch vor ein paar Monaten gerade nach Ostjerusalem schaffte.

Robert Habeck am Grenzstreifen zu Gaza.
Foto: Anja Reich

Habeck spricht offen über seine Zweifel, gibt zu, dass er viel zu wenig weiß. Er sagt Rivelin statt Rivlin, Palästina statt „palästinensische Gebiete“, an der Grenze zu Gaza stellt er sich fürs Foto mit dem Rücken zum Grenzzaun, damit es nicht so aussieht, als interessiere er sich nur für das Leid der Palästinenser. Einmal nimmt er einen Vergleich zurück, weil er ihm im Nachhinein zu flapsig erscheint. Und immer wieder erzählt er von der Rede, die er für den letzten Tag vorbereitet hat. Wenn irgendwas schiefgehen sollte, hat er immer noch diese Rede.

„Es kann immer passieren“

Im Bus durch Sderot, der Grenzstadt am Gazastreifen, zeigt ihm Omer Egozi Schutzräume auf der Straße und den einzigen Bahnhof der Welt, in dem man vor Bomben sicher ist, wenn man auf den Zug wartet. Der letzte Raketenbeschuss ist gerade mal zwei Wochen her. „Es kann immer passieren, auch jetzt“, sagt Egozi. „Wenn wir die Sirenen hören, haben wir 15 Sekunden Zeit, in einen Shelter zu laufen oder, wenn wir das nicht schaffen, uns am Straßenrand auf den Boden zu legen, die Hände über dem Kopf.“

Habeck sitzt in der vorletzten Reihe des Busses, die Beine schräg im Gang, jederzeit bereit aufzuspringen. Raketen sind nicht so seine Sache. Er hat den Wehrdienst verweigert und Zivildienst beim Spastikerverein in Hamburg gemacht.

Viele offene Fragen

Als der Bus an Feldern vorbeifährt, erzählt Egozi von den Feuern, die entstehen, wenn von der anderen Seite brennende Drachen über die Grenze geschickt werden. Er sagt das oft, „die andere Seite“. Robert Habeck will wissen, warum er das sagt, ob das positiv oder negativ gemeint sei. „Weder noch“, sagt Egozi, er versuche ganz bewusst, neutral zu bleiben. Habeck hat noch mehr Fragen, viel mehr. Wie schaffen es die Leute, in 15 Minuten in den Schutzraum zu rennen? Wo befinden sich die Rampen für das Raketenabwehrsystem Eisenkuppel? Wie funktioniert die Wasserversorgung in Gaza?

Wie ein Schuljunge hebt er die Hand, ruft über die Köpfe seiner Delegation hinweg, fragt nach, wenn er etwas nicht versteht. Als Omer Egozi sagt, das Kraftwerk in Aschkelon werde ständig von Raketen bedroht, fragt Habeck: „Das Kraftwerk ist kohlebetrieben, richtig?“

„Nein“, sagt Egozi.

„Doch“, sagt Habeck, „zu 30 Prozent wird es noch mit Kohle betrieben. Ihr versucht, ganz damit aufzuhören und auf Gas umzusteigen, aber ihr seid noch nicht so weit.“ Umweltthemen sind sein Anker bei dieser Reise, damit kennt er sich aus, da kann er nichts falsch machen. Egozi sagt: „Vielleicht klappt das mit dem Umsteigen, wenn wir endlich eine Regierung haben.“ Ein Witz, der gut ankommt in diesen Tagen, da gerade wieder Neuwahlen ausgerufen wurden, zum dritten Mal innerhalb eines Jahres.

Vielleicht klappt das mit dem Umsteigen, wenn wir endlich eine Regierung haben.

Omer Egozi, israelischer Führer der Delegation

Die Delegation ist auf dem Sandhügel angekommen, Omer Egozi berichtet von den Freitagsdemonstrationen, die seit anderthalb Jahren „auf der anderen Seite“ stattfinden – Palästinenser, die den Grenzzaun durchbrechen wollen, israelische Scharfschützen, die sie daran hindern. Mehr als 200 Palästinenser sind dabei ums Leben gekommen.

„Heute ist Freitag“, murmelt Habeck.

„Ja, aber heute findet nichts statt“, sagt Egozi.

„Warum nicht?“

„Wegen des Wetters.“ Das ist eine merkwürdige Erklärung, zumal die Sonne scheint, aber niemand fragt nach, nicht einmal Habeck. Bevor er zurück in den Bus steigt, will er noch schnell durch den Bunker laufen. Der Bunker ist ein Betonrohr auf freiem Feld. Habeck geht rechts rein und links wieder raus, das dauert drei Sekunden und bringt nichts außer ein paar Schnappschüssen der Delegationsteilnehmer. Aber er hat es gemacht, darum geht es wohl.

Die Reise ist auch ein Test

Fragt man Robert Habeck, warum er nach Israel gekommen ist, ausgerechnet jetzt, sagt er, zwischen Grünen-Parteitag, Landtagswahlen und Wahlkampf in Hamburg habe sich ein „Zeitkorridor“ ergeben, den er für Auslandsreisen nutzen wolle, „und Israel musste unbedingt dabei sein“. Dass zur gleichen Zeit die Weltklimakonferenz in Madrid stattfindet, ist für ihn kein Problem. „Häppchen essen kann ich auch woanders“, sagt er, als habe er keine Zeit mehr für endlose Diskussionen. Vor ein paar Jahren hat er noch mit seiner Frau zusammen Kinderbücher geschrieben, heute ist er – an der Seite von Annalena Baerbock– Grünen-Vorsitzender und morgen vielleicht Außenminister oder Kanzlerkandidat. Habeck musste lernen, wie der Osten tickt, jetzt ist das Ausland dran. Und diese Reise, so viel steht fest, ist auch ein Test, ob er das kann: Weltpolitiker sein.

Die Zusammenstellung seiner Delegation ist ihm schon mal gelungen. Omid Nouripour, im Iran geboren, in Frankfurt am Main aufgewachsen, Außenpolitiker der Grünen, ist dabei, aber auch Sergey Lagodinsky, ein Jude aus der ehemaligen Sowjetunion, der in den 90er-Jahren nach Deutschland kam und heute für die Grünen im Europa-Parlament sitzt. Drei Männer, drei Perspektiven. „Boygroup“ nennt Robert Habeck das deutsche Herrentrio. Es klingt wie eine Rockband auf Tournee.

Die Boygroup ist jetzt im Traumazentrum von Sderot angekommen. Omer Egozi von der Israelischen Trauma-Koalition und seine Kollegen sind Experten auf diesem Gebiet, beraten Krankenhäuser, Ärzte, Therapeuten weltweit. In Deutschland haben sie Flüchtlingshelfern beigebracht, wie man mit traumatisierten Syrern umgeht, jetzt erklären sie der grünen Delegation, wie wichtig es für die Menschen in Sderot ist, dass zerstörte Häuser sofort wieder aufgebaut werden, und wie man schon Dreijährigen das Gefühl geben kann, dem Terror nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Indem man ihnen kleine Aufgaben gibt, sie bittet zu prüfen, ob genug Wasser da ist oder die Tür richtig verschlossen ist.

Die Grünen sind beeindruckt, nur Habeck hat schon wieder eine Frage: Warum Sderot diesen Weg gehe? Immer wieder aufbauen, therapieren? Ob es nicht Leute gebe, die sagten: „Fuck them! Wir schlagen zurück!“

Die Selbstsicherheit kommt

„Das gibt es, wir behandeln auch Aggressionen“, sagt Egozi und führt die Gruppe in den Therapieraum des Zentrums, der eher an eine Tierhandlung erinnert. Vögel, Hamster, Hasen, zwei Hunde, Käfer, sogar eine Schlange ist dabei. Die Deutschen gehen von Tier zu Tier, so begeistert, als brauchen sie selber Therapie nach zwei Tagen im Land. Sergey Labodinsky lacht sich halbtot, als der syrische Hamster in seinem Ärmel verschwindet, Robert Habeck kriecht fast in den Hasenkäfig hinein und nimmt die Schlange auf den Arm. Sie heißt Goldie und zieht bei Gefahr den Kopf ein, erklärt ein Therapeut. Habeck sagt leise: „Wenn sie den Kopf einzieht, habe ich verloren.“ Aber Goldies Kopf bleibt draußen, sie hat keine Angst vor Habeck – und der wieder einen Test bestanden.

Robert Habeck und der grüne Europa-Abgeordnete Sergey Lagodinsky lassen sich im Traumazentrum der Grenzstadt Sderot erklären, wie die Ängste israelischer Kinder mit Hilfe von Haustieren therapiert werden. Habeck hat einen syrischen Hamster in der Hand, Lagodinskys Hamster ist gerade in den Jackettärmel gekrochen.
Foto: Felix Rettberg

Nach jedem Termin, jedem Gespräch wird Habeck sicherer. Beim Mittagessen entwirft er bereits eine Vision davon, wie Energiepolitik die Probleme in der Region lösen kann. Israel könne die umliegenden arabischen Länder an seine Energieversorgung mit anschließen, schlägt er vor, Abhängigkeit verbindet, schiebt aber gleich nach, dass es ihm als Deutschen nicht zustehe, in diesem schwierigen Konflikt Lösungen zu liefern.

Die große außenpolitische Rede wird zu einer kleinen

Es ist Freitagnachmittag, zwei Tage liegen hinter ihm, zwei vor ihm. Heute Abend zieht er nach Ostjerusalem um, morgen geht es nach Hebron und Ramallah. Habeck trifft sich mit dem palästinensischen Premierminister, mit ehemaligen israelischen Soldaten, die sich gegen die Besatzung einsetzen, besichtigt eine Deponie im Westjordanland, auf der israelischer Müll abgeladen wird und das Beduinendorf Khan al-Ahmar, das seit Jahren vom Abriss bedroht ist, weil es israelischen Siedlungen im Weg steht. Der Nahostkonflikt im Schnelldurchlauf. Die andere Seite.

Als er am Sonnabend im Hotel ankommt, in Tel Aviv diesmal, schreibt er die Rede, die er vorbereitet hat, noch einmal neu, „bis zwei Uhr morgens in einer fürchterlichen Lobby bei süßem Wein“, erzählt er später. Und steht trotzdem am nächsten Tag mit Manuskript in der Hand in der Tel Aviver Universität, so frisch und voller Elan, als gehe die Reise gerade erst los. „Mega“, sei es gewesen, sagt er, schwärmt von den Vertretern der zivilgesellschaftlichen Organisationen, Ramallahs moderner Innenstadt, sogar der Geruch von Tränengas in Hebron scheint ihn irgendwie beflügelt zu haben.

Er würde jetzt gerne seine Rede halten, er ist bereit. Allerdings fehlt das Publikum. Nur 25 Studenten und Lehrkräfte sind zur Veranstaltung am Porter Institut für Umweltstudien gekommen. Damit es nicht so auffällt, wird sie schnell in einen kleineren Seminarraum verlegt. Robert Habeck macht das nichts aus, er spricht über die Krise der liberalen Demokratie, über Gefahr und Ursachen von Populismus, Parallelen und Unterschiede zwischen Europa und Israel, beantwortet Fragen zum Umweltschutz oder stellt selber welche.

Er spricht gut Englisch, sagt „wir“, nicht „ich“, wirkt ruhig, selbstbewusst, optimistisch, furchtlos. Die Zuschauer hängen an seinen Lippen und wollen ihn gar nicht mehr gehen lassen. Ein Politiker, der nicht hetzt, keine Angst verbreitet, keine Sprüche klopft und auch noch Spaß an seiner Arbeit zu haben scheint – sowas erlebt man auch in Israel nicht oft.

Aber Habeck muss weiter, zum Flughafen, zurück nach Deutschland. Er verabschiedet sich von den Studenten und läuft zum Bus, das Manuskript mit der Rede unter dem Arm. Vielleicht wird er sie ein anderes Mal halten. Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Amt.