Vielleicht hat das Ganze ja auch mit Erotik zu tun. Mit der Erotik der Macht sowieso. Aber auch mit der anderen, sprich der Anziehung, die auf Sinnlichkeit beruht. Das jedenfalls legen Tweets wie jener von Simone Schmollack nahe. „Soll ich Euch sagen, warum jetzt alle den Text von Robert Habeck soooo toll und sooooo neu finden?“, schrieb die Chefredakteurin der Wochenzeitung „Freitag“ kürzlich via Twitter. „Weil da sooooo viel Gefühl drin steckt. Von einem MANN. Das ist sooooo irre.“

Robert Habeck, 48, hatte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ seine Sicht auf die gescheiterten Jamaika-Verhandlungen und den vorherigen Wahlkampf beschrieben. Der Text war in den sozialen Netzwerken tagelang geliked, geteilt und im Sinne Schmollacks gefeiert worden. Der Königsweg zur Lösung der politischen Probleme war darin nicht zu finden.

Dafür allerdings Sätze wie diese: „Ich erlebte ein Sommerland, das sich für alles interessierte, nur nicht für Politik. Ich sah die Armut in den Bahnhöfen und saß mit müden Schichtarbeitern im Ruhrpott morgens um fünf in der S-Bahn. Ich flog von München nach Hamburg und ging an den Flughafenshops mit ihren Edelmarken vorbei, wo Wohlstand pervers wird. Ich besuchte Tierställe und streichelte die Kälber, die bald geschlachtet werden würden, und sah die Menschen bei McDonald’s Schlange stehen. In mir wurde das Gefühl immer stärker, hier passt irgendetwas nicht zusammen.“

Am Sonnabend will Habeck zum Vorsitzenden gewählt werden

Die Zeilen waren illustriert mit einem Foto, das Habeck vorne auf einem Schiff zeigt, die Nase im Wind. Es erinnerte an das Cover-Foto seines Buches „Wer wagt, beginnt“, auf dem Schleswig-Holsteins Umweltminister an einem Strand entlang läuft, die Arme ausgebreitet. Unwillkürlich hat man das Lied von Freddy Quinn im Ohr: „Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus.“

Robert Habeck möchte am Sonnabend in Hannover zum neuen Vorsitzenden der rund 65 000 Grünen gewählt werden. Zwar gibt es da noch ein handfestes Problem mit der Parteisatzung. Habeck wollte „Pi mal Daumen“ ein Jahr lang Vorsitzender und Minister bleiben. Eigentlich. Das sieht die Satzung nicht vor.

Grüne wollen die Trennung von Amt und Mandat. Eigentlich. Führende Parteifreunde haben Habeck jetzt auf eine Übergangsfrist von acht Monaten und eine entsprechende Satzungsänderung heruntergehandelt. Ob zwei Drittel der Parteitagsdelegierten dabei mitmachen, ist jedoch ungewiss.

Habeck war auf der Grünen Woche in Berlin unterwegs

Noch ungewisser ist, was geschieht, wenn sie es nicht tun. Außerdem gibt es ja zwei weitere Kandidatinnen: Annalena Baerbock und Anja Piel. Sie könnten es im Prinzip auch allein. Oder es tritt doch der grüne Europaabgeordnete Sven Giegold an – dann, wenn Habeck seine Satzungsänderung nicht bekommt und stur bleibt. So hat es Giegold in Aussicht gestellt.

Gleichwohl hoffen viele Grüne, dass das Problem mit der Satzung irgendwie gelöst wird. So oder so sind die allermeisten Augen auf den Philosophen, Schriftsteller und vierfachen Vater gerichtet, der erst 2002 scheinbar zufällig in die Partei stolperte, zwei Jahre später Landesvorsitzender wurde, 2012 Minister, sich mittlerweile zum grünen Bundeshoffnungsträger emporarbeitete – und mit normalen Maßstäben des politischen Betriebs ohnehin kaum zu fassen ist.

Am Freitag zum Beispiel ist Robert Habeck auf der Grünen Woche in Berlin unterwegs gewesen. In Halle 22 präsentiert sich das Land Schleswig-Holstein, in dem der Minister nicht allein für die Umwelt, sondern auch für die Landwirtschaft zuständig ist – und damit für die Ernährung.

Habeck weiß, was das Publikum will

Nahrhaftes wird in Halle 22 reichlich geboten. Der Grüne trägt ein blaues Jackett über einem schwarzen T-Shirt, dazu eine Jeans und schwere braune Boots. Aus der Gesäßtasche lugt irgendein Flyer. Mit anderen Worten: Robert Habeck ist mal wieder sehr, sehr lässig unterwegs. Und er kann sich diese Lässigkeit nicht mehr nur leisten. Er muss sie liefern.

Die Grüne Woche ist für einen Grünen eine tückische Veranstaltung. Eher kleinbürgerlich spießig als akademisch modern – und ökologisch schon gleich gar nicht. Die Leute kommen zum Essen und Trinken nicht zuletzt alkoholischer Getränke hierher.

Trotzdem schmeißt Habeck sich voll rein, ein bisschen Augen zwinkernd. Er weiß: Das Publikum will das. Und dann stehen da einige Journalisten in dem Pulk, die die Szene hinterher für ihre Habeck-Porträts verwenden werden, die vor dem Parteitag erscheinen sollen. So läuft das Spiel. Was soll er machen?

"Er ist sehr bodenständig"

Habeck zieht also seine Bahn, trinkt hier ein Schnäpschen und da ein Bier. Um nicht betrunken zu werden, gießt er einem Passanten den größeren Rest eines Bier-Glases in dessen Glas – und zwar nach einem Schnack und derart auf die joviale Tour, dass sich der Mann geehrt fühlt.

Der Minister hält ein Tablett mit Wurst in die Kameras. Er lässt sich von Herren den Stand erklären, an dem er sich gerade befindet, und posiert mit Damen, von denen die meisten Kostüme tragen und eher auf eine dekorative Funktion verwiesen sind. Ja, ziemlich chauvinistisch ist diese Grüne Woche auch.

Schließlich lässt sich Habeck in die Kunst einweisen, Crêpes zu backen. Christel Fries, die in Eckernförde Stadtführungen auf Plattdeutsch anbietet, sagt unterdessen über den Besucher: „Er ist sehr bodenständig. Er hat ein offenes Ohr. Ich würde es schade finden, wenn er uns verlässt.“ Gemeint ist: wenn er die Landesregierung und damit Schleswig-Holstein verlässt und in die Bundespolitik gen Berlin weiterzieht.

Es wirkt wie eine eilte Erpressung

Die drei Stunden verraten einiges über Habecks Aufstieg. Er kann mit den Leuten. Und er kann durch seine Schwiegersohn-Begabung Milieugrenzen überspringen. Das können viele andere Grüne nicht. Manche wollen es auch gar nicht. Weil aber selbst diese Grünen wissen, dass sie einen wie Habeck brauchen, um Erfolg zu haben, kann er es überhaupt wagen, eine Satzungsänderung zur Bedingung seiner Wahl zu machen. Jeder andere könnte sich das abschminken.

Der Kandidat, so heißt es zudem parteiintern, habe noch im Januar im Kreise jener 14 grünen Spitzenvertreter, die Jamaika sondierten, erklärt, sein Nachfolger in Schleswig-Holstein stehe längst fest. Es handele sich um eine hochrangige Persönlichkeit, die das Ministeramt im Norden nicht früher antreten könne. Nach außen kommuniziert wurde dies bisher nicht. Die Folge ist, dass Habecks Ansinnen auf viele wie eine eitle Erpressung wirkt. In diesem Eindruck steckt die eigentliche Gefahr.

Drei Tage nach dem Rundgang auf der Grünen Woche folgt ein Termin in Hamburg. Dort warten am Montag im fünften Stock der GLS-Bank um 18.30 Uhr vielleicht 200 Parteimitglieder, um die Kandidatinnen und Kandidaten für den Parteivorsitz zu sehen und zu hören. Der Saal ist ringsum verglast und voll. Alle sind pünktlich, nur Habeck nicht. Irgendeine Verspätung mit dem Zug.

Grüne sollen mitten hinein in die Gesellschaft

Auch hier tritt der Kandidat betont leger auf. Er entledigt sich seines Anoraks, seines Jacketts und seiner Umhängetasche und setzt sich allein in Hemd und Jeans auf einen der Stühle in der Mitte, neben ihm Annalena Baerbock und Anja Piel. Die Moderatorin sagt: „Robert fällt aus dem Rahmen. Du fängst nicht mit A an. Wir haben dich trotzdem gern.“

Die drei sollen auf Flipcharts ihre grüne Vision für die nächsten fünf Jahre malen. Habeck malt mit rotem Stift ein Fußballfeld. So typisch Mann ist er dann doch. Und dann malt er ein paar grüne Männchen, die von außerhalb auf das Feld laufen – und zwischen Mittellinie und 16-Meter-Raum auf das Tor zuzustürmen scheinen.

Die Botschaft ist sehr klar und sehr einfach: Der womöglich kommende Vorsitzende will, dass sich seine Partei mitten hinein begibt in die Gesellschaft. Er will keine Besserwisser-Riege anführen, die am Rande steht und gute Ratschläge erteilt. „Man muss sich für den Kompromiss nicht verstellen“, sagt Habeck in Hamburg. „Auch die radikalste grüne Position muss sich irgendwann in der Wirklichkeit einlösen.“

Robert Habeck bleibt unkonventionell

Überdies müsse man nicht auf jede Frage gleich eine Antwort geben. Und das Gefühl einer gewissen moralischen Überlegenheit – das, sagt Habeck, „brauchen wir nicht mehr. Das macht uns eher klein.“ Bemerkenswert ist, was der Flensburger an dieser Stelle zur Grünen Woche sagt – „dass da eine Woche lang Alkohol getrunken“ werde und despektierliche Sprüche über Frauen an der Tagesordnung seien. Er habe im Gegensatz dazu „kein Problem damit, zu sagen, dass auch Männer Feministen sein müssen“.

In der Summe spiegeln beide Auftritte, was den Emporkömmling ausmacht. Äußerlich bleibt Robert Habeck unkonventionell. Und das, weil er das Hochseil mag, die Extrawurst liebt. Und weil das Publikum das Unkonventionelle goutiert, ja, regelrecht sucht. Politische Erneuerer liegen derzeit schwer im Trend.

Habeck wirkt dadurch auch irgendwie links. Er ist indes so wenig links, wie der Amtsinhaber Cem Özdemir links ist, dem er bei der Urabstimmung über die Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl mit lediglich 75 Stimmen Abstand unterlag. Habeck will ins Zentrum. Und eine Koalition mit CDU und FDP wie in Schleswig-Holstein scheint allemal besser zum etwaigen Parteichef zu passen, als ein Linksbündnis mit Sahra Wagenknecht und Martin Schulz, wie es das aktuelle Cover des Spiegels insinuiert.

Alles halb so wild

In der Mischung aus linkem Habitus und realpolitischem Kern ähnelt Robert Habeck dem einstigen informellen Grünen-Chef Joschka Fischer – mit dem Unterschied, dass Habeck nicht so autoritär ist wie dieser und seinen Erfolg nicht zur Schau stellen würde, indem er sich in einen Dreiteiler zwängt. Das wiederum bedeutet nicht, dass Habeck nicht machtbewusst wäre. Das ist er durchaus. Das Pochen auf eine Satzungsänderung wird geradezu als Machtdemonstration verstanden, der weitere Machtdemonstrationen folgen könnten.

Nach dem Rundgang über die Grüne Woche und dem letzten von ihm selbst gezapften Bier nimmt sich der vielleicht Auserwählte noch fünf Minuten Zeit für die Journalisten und signalisiert dabei, dass hinter der Satzungssache aus seiner Sicht nichts weiter stecke. Die Botschaft: alles halb so wild.

Auf die Frage, ob er Angst habe, mit überzogenen Erwartungen konfrontiert zu werden, antwortet Robert Habeck deutlich präziser und sagt sehr bestimmt nur ein Wort: „Ja.“ Dann schweigt er.