Rockergangs in Deutschland: "Wie bei der Mafia"

Von wegen Freiheit und Ehrlichkeit: Unter Rockern dreht sich alles um Gewalt, Erpressung, Nötigung, sagt Kriminaldirektor Thomas Jungbluth, 55. Er leitet im Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen die Abteilung Organisierte Kriminalität.

Herr Jungbluth, in Bottrop wird ein Bandido auf der Straße erschossen, in Berlin ein Hells Angel von Kugeln durchsiebt. Was ist da los in der Rockerszene?

Die Szene ist massiv in Bewegung geraten, es herrscht offenbar größere Verunsicherung durch die polizeilichen Maßnahmen der letzten Wochen und Monate. Momentan haben wir die Sorge, dass das weiter eskaliert.

Die Polizei geht gerade in ganz Deutschland konzertiert gegen die Rockerclubs vor. Wollen Sie ein für alle Mal in der Szene aufräumen?

In Nordrhein-Westfalen war die Rocker-Problematik immer auf der Agenda, spätestens, seit 2007 ein Hells Angel in Ibbenbüren und 2009 ein Bandido in Duisburg erschossen wurden. Seither haben wir ständig ein Auge auf diese Clubs. Das ist in anderen Bundesländern ähnlich. Jedes Bundesland führt seine Maßnahmen aber in eigener Zuständigkeit durch.

Im Bundeskriminalamt und in den 16 LKA betrachtet man die Rockerszene unter dem Schlagwort Organisierte Kriminalität (OK). Was genau werfen Sie den Clubs eigentlich vor?

Wir finden dort etliche Anzeichen für Organisierte Kriminalität, zum Beispiel den Einsatz von teilweise massiver Gewalt. Wir stellen ein konspiratives Verhalten fest. Die Clubs versuchen, milieutypische Geschäftsfelder zu kontrollieren. Da geht es vor allem um Waffen, Betäubungsmittel und das Rotlichtmilieu. Das sind alles klassische OK-Strukturen, die uns signalisieren: Halt, Stopp, hier müssen wir einen genaueren Blick drauf werfen.

Das klingt nach Mafia.

Zumindest finden wir die gleichen Indikatoren vor wie bei der Mafia.

Sind es einzelne Charter, die das betrifft? Oder sind es die Clubs als Ganzes?

Wir haben mehrere Ermittlungsverfahren gegen Mitglieder einzelner Charter bearbeitet. Inwieweit es so etwas wie eine zentrale Steuerung der Clubs gibt, ist schwierig zu beurteilen.

Die Rocker sprechen von Einzelfällen, kriminelle Mitglieder würden immer sofort aus den Clubs entfernt.

Ich habe noch nie mitbekommen, dass Rocker, die massive Gewalttaten begangen haben, aus einem Club rausgeflogen wären. Ich persönlich gehe davon aus, dass das eine Schutzbehauptung ist. Die Clubs brüsten sich ja selbst damit, dass Gewalt Teil ihrer Kultur sei.

Apropos Kultur: Der Freiheits- und Männlichkeitsmythos der Rocker übt nach wie vor auf viele Menschen eine merkwürdige Faszination aus.

Ja, aber ich glaube, der Versuch der Rockerbanden – zumindest der outlaw motorcycle gangs –, sich als freiheitsliebende Motorradfahrer darzustellen, scheitert immer öfter. Der Mythos bröckelt und es kommt zum Vorschein, wie sehr sich alles um Gewalt, Erpressung und Nötigung dreht.

Die Hells Angels pochen darauf, ihre Grundwerte seien Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt und Freiheit.

Wenn sie wirklich so freiheitsliebend sind, frage ich mich, wieso sich die Mitglieder den fast schon militärischen Clubregeln unterwerfen und diese strenge Hierarchie akzeptieren.

Gibt es wichtige Unterschiede zwischen den vier großen Clubs, den Angels, Bandidos, dem Gremium MC und den Outlaws?

In Teilbereichen schon. Aber welcher jetzt der schlimmste ist, dazu würde ich nie etwas sagen, dann würde ich Gefahr laufen, den einen zu adeln und den anderen anzuspornen, noch zuzulegen.

Es gibt auch Charter, die mit Kunst- oder Benefizaktionen auf sich aufmerksam machen. Das klingt nicht so sehr nach Gewalt.

Ich persönlich gehe davon aus, dass das Fassade ist. Auch für diese Clubs gilt: Sie gehören zu einer Bruderschaft, in der jeder verpflichtet ist, bei Auseinandersetzungen Flagge zu zeigen.

Sollten diese vier Rockerclubs verboten werden?

Für ein Verbot muss ich nachweisen, dass einzelne Charter im Interesse und in Kenntnis des Gesamtclubs gehandelt haben. Das ist im Einzelfall sehr schwierig.

Inwiefern?

Weil meistens alle Beteiligten schweigen. Die Angeklagten sagen, wenn überhaupt, sie hätten auf eigene Kappe gehandelt. Und für uns ist es sehr schwierig, in einem Szenario, das geprägt ist von Gewalt und Einschüchterung, glaubwürdige Zeugen zu finden.

Oft zeigen Zeugen vor Gericht ja auch erstaunliche Gedächtnislücken. Hängt das damit zusammen, dass dort meist eine ganze Clique muskelbepackter Kuttenträger herumsitzt?

Das ist ein Instrument, das Rocker bewusst einsetzen, um Militanz auszustrahlen. Das wirkt natürlich – sowohl intern auf denjenigen, der aussteigen will, als auch auf Externe, die sich bedroht fühlen.

Es wird aktuell auch wieder gegen Polizeibeamte ermittelt, die Rockern Geheimnisse anvertraut haben sollen. Wie verbreitet ist unter Ihren Kollegen die Sympathie für das archaische Männerbild der Rocker?

Ich kann nicht ausschließen, dass es den ein oder anderen gibt, der sich davon angezogen fühlt. Aber in Nordrhein-Westfalen haben wir damit bisher keine negativen Erfahrungen. Wir haben hier alle Polizeibeamte sehr breit über die Rockerszene informiert. Polizisten, die meinen, sie müssten sich dennoch in deren Nähe begeben, wissen also, worauf sie sich einlassen.

Das Gespräch führte Jörg Schindler.