Eine hanebüchenere Handlung vermag man sich kaum vorzustellen: Damit ein mittelmäßiger Schauspieler Erfolg hat, verspricht er seine Frau einer Satanssekte. Diese empfängt daraufhin ein Kind von Luzifer persönlich.

Was klingt wie ein billiges Schauermärchen aus der Feder des Schriftstellers Ira Levin („Die Frauen von Stepford“), wurde unter der Regie Roman Polanskis zum Welterfolg und gilt bis heute als einer seiner besten Filme: „Rosemary’s Baby“ kam am 17. Oktober vor 50 Jahren in die deutschen Kinos und ist bis heute stilbildend, angefangen von Polanskis mitreißender Erzählweise und moderner Kameraführung bis hin zur herausragend spielenden Mia Farrow, die mit ihrer Vidal-Sassoon-Kurzhaarfrisur im Anschluss an den Film Heerscharen von Frauen unter die Trockenhauben trieb.

Nun zeigt ein wunderbar gestalteter und detailreicher Bildband in englischer Sprache Hintergründe und viele ungesehene Fotos vom Dreh des cineastischen Meisterstücks: „This is no dream – making Rosemary’s Baby“ (James Munn und Bob Willoughby, Reel Art Press)

Beklemmende Stadt

Lässt man das Schauermärchen beiseite, so ist Polanskis Film eine zeitlose Parabel auf das moderne Leben, auf die Nöte des Einzelnen in der anonymen Masse. Denn Polanskis Star ist nicht der Teufel, sondern die Höllenstadt New York, Zentrum der westlichen Welt und überdimensionales Sinnbild für jede Art von Metropole, in der der Einzelne, hier die ätherische Rosemary Woodhouse, verloren zu gehen droht und sich täglich mit einem nicht geringen Maß an nervenzerrüttender Paranoia konfrontiert sieht. Die Stadt frisst Kinder und Polanski scheucht seine sich am Rande des Wahns befindende Protagonistin genüsslich durch das hochsommerlich heiße New York.

„Rosemary’s Baby“ , zweiter Teil einer Trilogie über Wahnsinn in der Großstadt, ist so förmlich ein Muss für Bewohner einer Metropole, eine mittelgroße wie Berlin macht da keine Ausnahme.

Der schmale Grat der Unsicherheit

Denn genau genommen überlässt Polanski die Deutungshoheit immer dem Betrachter und lässt ihn die Aufgabe lösen, was Wahn und Wirklichkeit sein könnte – wurde Rosemary wirklich vom Teufel geschwängert, oder leidet sie einfach nur an Wahnvorstellungen? Sind die ältlichen Nachbarn Satanisten oder einfach nur Nervensägen?

Spukt es im legendären Dakota-Haus, dem Gebäude, vor dem John Lennon erschossen wurde, wirklich, oder sind die Gruselgeschichten, die man sich ängstlich im Waschkeller des monströsen Gebäudes erzählt, nur das Futter für die Furcht der ohnehin überspannten und vom Großstadtleben überforderten Rosemary? Die zentrale Frage lautet: Wer spinnt hier? Ich oder die anderen? Es ist dieser schmale Grat der Unsicherheit, auf dem die wunderbare Mia Farrow als Rosemary täglich wie in Trance dem Ende entgegenstolpert.

Allzeit moderne Parabel

Der Großstädter kennt das Gefühl, das einen beschleicht an schlechten Tagen. Die komischen Blicke der Mitreisenden im öffentlichen Nahverkehr, die seltsamen Zufälle. Das Gefühl der ständigen Anstrengung, sich gegenüber den Mitmenschen, mal gleichgültig, mal aggressiv, abgrenzen zu müssen. Und dann dieser dröhnende Verkehr! Dieser Dreck! Diese furchtbaren Nachbarn!

Es ist der urbane und suburbane Raum, von dem in Polanskis Trilogie („Ekel“, „Rosemary’s Baby“ und „Der Mieter“) der wahre Schrecken ausgeht. Der Moloch, der – bösartig beseelt und höhnisch – verhindert dass der Einzelne sich auf seine Sinne verlassen darf. So irren und wanken die Protagonisten in allen drei Filmen ab einem gewissen Punkt durch die Metropolen, verwirrt und ängstlich, paranoid und unfähig zu unterscheiden, wer Freund ist und wer Feind. Der Fluchtreflex ist längst gelähmt, Heim und Heimat sind zum Ort des Horrors geworden und Polanskis Großstadthelden ergeben sich ermattet ihrem Schicksal. Der Sieger ist die Stadt.