LONDON - Welche musikalische Untermalung sich Ronnie Biggs für seine Beerdigung gewünscht hat, wussten am Tag seines Todes zunächst nur die Familie und der Bestatter. Frank Sinatras „I did it my way“ würde als Vorschlag passen: Denn bedauert hat Biggs, der berühmteste Posträuber Britanniens, wenig. Zumindest kaum etwas, das er der Rede wert fand.

Vor fünfzig Jahren, am 8. August 1963, hielten Biggs und seine 16 Kumpanen den Postzug zwischen Glasgow und London an und erbeuteten 2.631.784 Millionen Pfund Sterling in gebrauchten Scheinen. Bei dem Überfall wurde dem Zugführer eine Eisenstange über den Kopf gezogen, eine Verletzung, von der er sich nie wieder erholte. Das hat Biggs tatsächlich Gewissensbisse bereitet, wie er zugab: „Ich wünschte, es wäre nie passiert; die Uhr ist nun mal nicht zurückzudrehen.“ Doch der Postraub selbst? Der war für ihn offenbar ein großer Spaß: Er sei nun mal „ein Mann mit enormer Gier“, teilte er einmal feixend mit. Vom Löwenanteil der Beute, die heute etwa 60 Millionen Euro entspricht, wurde kaum etwas gefunden. Biggs gab zum Besten, er habe seinen Teil binnen drei Jahren durchgebracht.

Bis heute gehen im Vereinigten Königreich die Meinungen auseinander, ob Ronnie Biggs ein eiskalter Bandit oder doch eher eine Art liebenswerter Halunke war. Den Status eines der berühmtesten Kriminellen der britischen Geschichte jedenfalls erwarb er weniger durch sein Verbrechen als durch die spektakuläre Art und Weise, wie er sich der Justiz entzog. Nach seiner Verurteilung zu dreißig Jahren Haft stieg er eines Nachts mithilfe einer Strickleiter über die Mauer des Gefängnisses von Wandsworth. Er floh nach Paris und Australien, zahlte 40.000 Pfund für eine Gesichtsoperation und drehte den britischen Behörden fortan eine lange Nase.

Als Interpol ihm auf die Spur kam, setzte er sich mit Frau und Kindern nach Südamerika ab. Schließlich ließ er sich in Brasilien nieder, wo er von seinem Ganoven-Image lebte: Er veranstaltete Grillabende mit Touristen, nahm eine Platte mit der Punk-Band Sex Pistols auf, gab Zeitungsinterviews gegen Honorar und verkaufte T-Shirts mit seinem Konterfei. 1974 überraschte ihn der Scotland Yard-Detektiv Jack Slipper in Rio de Janeiro mit den berühmt gewordenen Worten: „Es ist eine Weile her.“ Doch die Polizei musste erkennen, dass sie machtlos war. Biggs nutzte eine Gesetzeslücke aus: Weil er mit einer brasilianischen Tänzerin einen Sohn gezeugt hatte, war er gegen Auslieferung gefeit. Inspector Slipper kehrte Jahre später zurück, um Biggs vergeblich zur freiwilligen Rückkehr zu überreden.

Es war seine sich rapide verschlechternde Gesundheit, die Biggs schließlich zum Meinungsumschwung bewog. 2001, 36 Jahre nach Beginn seiner Flucht, stieg er in England aus dem Flugzeug. Als die Handschellen klickten, war er schwerkrank und mittellos. „Ich möchte noch mal ein Pint Bier in einem Pub in Margate trinken“, erklärte er in einer sentimentalen Anwandlung dem Boulevardblatt The Sun. Im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh heiratete er seine Freundin Raimunda, die Mutter seines Sohns. Nach einer Reihe von Schlaganfällen wurde er zur besseren medizinischen Betreuung nach Norwich verlegt.

Eine vorzeitige Entlassung lehnte das britische Justizministerium 2009 zunächst mit der Begründung ab, dass Biggs auf „infame Weise die Medien für sich instrumentalisiert habe“; zwei Monate später, als er sich nur noch mit Buchstabenkärtchen verständigen konnte und künstlich ernährt werden musste, gab der Minister dem Gnadengesuch statt. Ronnie Biggs ist am Mittwoch im Alter von 84 Jahren in einem Pflegeheim in Nord-London gestorben.