Die Tote liegt vor der Couch auf dem Rücken. Das linke Bein ist unter dem Sofa, das rechte auf dem Sitzpolster. Der Rock des anthrazitfarbenen Kostüms ist hochgerutscht und entblößt einen Nylonstrumpf an Strapsen. Auf der Couch liegt eine schwarze Handtasche. So fand die Polizei vor 50 Jahren in Frankfurt die Leiche von Rosemarie Nitribitt. Das Tatortfoto, das in einem Schaukasten im Kriminalmuseum des neuen Frankfurter Polizeipräsidiums hängt (über ihrem Original-Schädel); zeigt nur die untere Hälfte der Leiche.

Andere Tatortfotos sind der breiten Öffentlichkeit nicht zugänglich, aus gutem Grund: Die Tote ist schon in Verwesung übergegangen, das Gesicht nur eine aufgedunsene Masse. Aus Mund, Ohren und Nase ist Blut gedrungen. Am Hinterkopf eine blutende Wunde von einem harten Gegenstand. Der Tod freilich kam anders: Der Hals weist bis zum Dekolleté Würgemale auf. Die Polizisten, denen sich am 1. November 1957, gegen 17.30 Uhr dieser Anblick bietet, sind eineinhalb Stunden zuvor alarmiert worden. Nachbarn ist aufgefallen, dass eine Tüte mit Brötchen seit Tagen vor der Tür der Wohnung im vierten Stock des Apartmenthauses Stiftstraße 36 liegt. Trotz des warmen Herbstwetters ist die Fußbodenheizung voll aufgedreht. Wegen der hohen Zimmertemperatur ist eine genaue Messung der Körpertemperatur und damit die Bestimmung des Todeszeitpunkts kaum möglich.

Die Kripo versucht es trotzdem und legt die Tatzeit auf " Dienstag, 29. Oktober, zwischen 15.45 und 17 Uhr" , vor Gericht wird dies allerdings keinen Bestand haben. Nadja Tiller im Kopf Dieser Mord wird die Bundesrepublik erschüttern, eine Republik, die noch keine neun Jahre alt ist, in der die Aufarbeitung der Nazizeit im Stress des " Wirtschaftswunders" auf der Strecke blieb. In der Süddeutschen Zeitung erscheint eine Glosse von Erich Kuby unter der Überschrift " Ein Fräulein namens Nitribitt" , in der es heißt: " Der Name ist nicht erfunden, obwohl er wie die Bezeichnung eines Sprengstoffs klingt.

In der Tat würde dieser Sprengstoff namens Rosemarie, kurz die blonde Rosi genannt, einen ansehnlichen Teil der westdeutschen Gesellschaft in die Luft sprengen, wenn es außer einer wirtschaftlichen Krise etwas gäbe, was diese Gesellschaft wirklich berühren könnte. Die Klientel des Mädchens setzte sich ausschließlich aus Erfolgsbürgern zusammen " Kuby veröffentlicht im Jahr darauf einen Roman, der " Das Mädchen Rosemarie" heißt, Untertitel: " Des Wirtschaftswunders liebstes Kind" . Bald wird er verfilmt, mit der österreichischen Schönheitskönigin Nadja Tiller in der Titelrolle. (1995 wird es ein Remake geben, 2004 gar ein Musical.)

Dieser Stoff, von Kuby eindeutig als Fantasieprodukt angekündigt, prägt dennoch bis zum heutigen Tage die öffentliche Vorstellung von der " Edelhure" Nitribitt, deren Name auch 50 Jahre nach ihrem Tod in aller Munde ist. Dabei war sie nicht annähernd so schön wie die Tiller, die FAZ beschrieb sie uncharmant so: " Ihr durchschnittliches Gesicht mit der kurzen, etwas plumpen Nase und der leicht zynisch geschürzten Oberlippe wäre hinter keinem Ladentisch und keiner Ausschanktheke aufgefallen." Und sie war sicher auch keine intelligente Intrigantin, die ihre Kunden erpresste. Dass sich das ganze Land in der der Adenauer-Ära das Maul über sie zerriss, hat wohl zwei Gründe.

Die Propaganda von der Leistungsgesellschaft wurde ad absurdum geführt: Nitribitt, ein ehemaliger Fürsorgepflegling ohne jede (Aus)Bildung, horte 120 000 Mark, während ein Facharbeiter damals mit einem Jahresbruttoeinkommen von rund 5000 Mark auskommen musste. Zum anderen tat sich plötzlich eine sündige Welt in der prüden Nachkriegszeit auf, eine Zeit, in der in Zeitungsberichten über den Mord nie das Wort " Prostituierte" zu lesen war, sondern nur verschämt " Lebedame" oder " Kokotte" . Später, beim Prozess, wurden Öffentlichkeit (und Presse!) an einem Tag ausgeschlossen, wegen " Gefährdung der Sittlichkeit" . Es ging da um das Sexualverhalten der Nitribitt, die ihren ja meist älteren Kunden privat junge Männer - und Frauen - vorzog. Immer wieder konnte man später lesen, die Frau, die im Mercedes 190 SL (den Kaufpreis 17 700 Mark bezahlte sie bar) auf Kundensuche ging, sei eine " stadtbekannte Erscheinung" gewesen. Mag ja sein, dass sie mit ihren wagenradgroßen Hüten und ihrem Sportwagen auffiel - nur eben als das, was sie im Telefonbuch zu sein vorgab, als " Mannequin" .

Von ihrem wahren Job unter dem Künstlernamen " Rebecca" wussten außerhalb ihrer Kundschaft jedoch nur eine Handvoll Polizisten - und Journalisten. Rosemarie Nitribitt wird am 1. Februar 1933 als uneheliches Kind in Düsseldorf geboren. Sie und ihre Halbschwester kommen bald zu Pflegeeltern in die Eifel. Die 14-Jährige bandelt mit US-Besatzungssoldaten an. " Rosemarie schon mit 14 Jahren völlig verwahrlost" , titelt die FR später. Das Mädchen kommt in die Fürsorgeerziehung, flieht aber ständig aus den Heimen. Auch in einer " Absteige" in Frankfurt wird sie aufgegriffen und erkennungsdienstlich behandelt. Kaum volljährig, ist sie wieder in Frankfurt.

In einem einschlägig bekannten Café in der Kaiserstraße im Bahnhofsviertel wartet sie auf Kunden, die Portiers feiner Hotels haben ihre Adresse. Später fährt sie mit einem Ford 12 M durch die Stadt, dann mit einem Opel Kapitän. Dass dieses Gefährt der Luxusklasse mehr Kunden bringt als der Ford, begreift sie schnell. Im Mai 1956 kauft sie den schwarzen Mercedes- Sportwagen. Im März ist sie in das " Luxusapartment" in die Stiftstraße 36 gezogen, gegenüber dem Rundschau-Haus. Für 75 Quadratmeter - zwei Zimmer, Küche, Bad- zahlt sie 150 Mark Miete und 4960 Mark Baukostenzuschuss. Geheimnisvoller Grabstein Im Oktober 1957 endet jäh das Leben auf der Sonnenseite.

Die Kripo findet Kampfspuren in der Mordwohnung, aber Schmuck, Pelze und auch Bargeld sind vorhanden. Kein Raubmord also? Oder doch, weil die Nitribitt, wie Zeugen bestätigen, bis zu 30 000 Mark im Schrank hortete, bevor sie das Geld auf Sparbüchern anlegte, auf denen 90 000 Mark waren? Schnell gerät ihr " platonischer Freund" , der 34-jährige Heinz Pohlmann, ins Visier der Fahnder, der kurz nach dem Mord über 20 000 Mark " Erspartes" verfügte. Dass er nur ein vages Alibi hat, ist eigentlich nicht relevant, da ja die genaue Todeszeit der Nitribitt nicht ermittelt werden kann, wobei ein halbes Dutzend glaubwürdiger Zeugen Rosemarie Nitribitt gar noch am 30. Oktober gesehen haben will. Dass er unglaubwürdige Angaben über das Geld macht, erklärt sich erst später. Der Handelsvertreter hat Kundengelder veruntreut, was er erst zugibt, als man ihm es nachweist. Dafür bekommt er 16 Monate Haft. Pohlmann wird dennoch des Mordes an der Nitribitt angeklagt.

Der Prozess zieht sich 1960 über Monate hin und endet mit einem sensationellen Freispruch. Zwar bestehe weiter erheblicher Verdacht gegen ihn, aber das " Gericht hat nicht mit letzter Überzeugung die Täterschaft Pohlmanns erkennen können" , sagt Amtsgerichtsrat Dreysel in der Urteilsbegründung. Pohlmann zieht nach München (und stirbt dort 1990). Eine Serie über Rosemarie in der Illustrierten Quick wird abgebrochen, nachdem " interessierte Kreise" ihm 50 000 Mark Schweigegeld bezahlt haben. Aus diesen " Kreisen" kam auch jener anonyme Auftraggeber des Düsseldorfer Grabsteins der Nitribitt, der das falsche Todesdatum " 1. 11. 1957" trägt. Der Gönner und " väterliche Freund" , von dem sie oft geredet hatte - " er ist einer der reichsten Männer Deutschlands" - wurde anhand von Briefen von der TV-Journalistin Helga Dierichs im Jahr 2000 als Harald von Bohlen und Halbach, der Bruder des Kruppwerke-Chefs, enttarnt. Auf dem Grabstein steht der Bibelspruch: " Nichts Besseres darin ist denn fröhlich sein im Leben."