Berlin/Erfurt - In Berlin saß Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) am Dienstagabend mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) und anderen beisammen, um über die Perspektiven eines rot-rot-grünen Bündnisses auch auf Bundesebene zu sprechen.

Unterdessen kündigt sich daheim in Erfurt ein kleines Erdbeben an. Die bisherige sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Marion Rosin wechselt die Seiten und läuft zur CDU über.

In einem Schreiben begründet die Frau des früheren SPD-Landesvorsitzenden Richard Dewes ihren Schritt laut Spiegel online damit, dass die rot-rot-grüne Koalition durch „die dogmatisch-ideologischen Führungskader der Linken“ und deren zentralistische Tendenzen geprägt werde. Die Folgen dürften gravierend sein.

Mehrheit in Thüringen schmilzt

In Erfurt schmilzt die rot-rot-grüne Mehrheit damit auf nur noch eine Stimme zusammen. Künftig ist der Linke Ramelow bei allen politischen Vorhaben auf jeden einzelnen Abgeordneten seiner eigenen und der beiden anderen Koalitionsfraktionen angewiesen. Wäre nicht Oskar Helmerich im vergangenen Jahr von der AfD zur SPD gewechselt, wäre Rot-Rot-Grün schon jetzt ohne Mehrheit.

In den Umfragen ist die Koalition das ohnehin. Würde in Thüringen heute gewählt, kämen Linke, SPD und Grüne voraussichtlich auf 42 Prozent, CDU und AfD hingegen auf 52 Prozent, so dass nur noch eine große Koalition übrig bliebe; die Grünen könnten sogar ganz aus dem Landtag fliegen.

Tatsächlich gewählt wird zwar erst im Herbst 2019. Doch als Modell taugt Ramelows bisher recht geräuschlos arbeitende Koalition künftig noch weniger. Es wirkt wieder eher wie das von Anfang an befürchtete Himmelfahrtskommando.

Parteimitglieder diskutieren über künftige Koalition

In Berlin treffen sich seit einigen Monaten rund 90 Abgeordnete aller drei Parteien, um die Chancen einer Linkskoalition nach der Bundestagswahl am 24. September auszuloten.

Aber in allen drei Parteien gibt es auch Skeptiker – bis hinauf in die jeweiligen Führungsriegen. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz machte kürzlich der FDP Avancen. Aufgrund der gegenwärtigen Schwäche von Linken und Grünen ist eine Bundestags-Mehrheit nicht in Sicht. Und wenn, dann fiele sie ähnlich knapp aus wie in Erfurt. Bloß dass es in Berlin um die ganz großen auch außenpolitischen Fragen geht.

Ob weitere rot-rot-grüne Gesprächsrunden in Berlin oder anderswo fortan noch Sinn machen, darf mehr denn je bezweifelt werden. Ramelow hat vorerst sowieso daheim zu tun.