Erfurt - Vor ein paar Tagen war Paul-Josef Raue bei seiner Physiotherapeutin. Der 64-Jährige war bei einem Waldspaziergang gefallen und hatte sich dabei einen Trümmerbruch zugezogen, was eine krankengymnastische Nachbehandlung erforderte. Dabei kam er mit der Frau ins Gespräch über Thüringen und die geplante Bildung der rot-rot-grünen Koalition unter Bodo Ramelow. Irgendwann sagte die Physiotherapeutin: „Ich bedauere, dass ich nicht zur Wahl gegangen bin.“ Gerade mal jeder Zweite war ja am 14. September zur Urne geschritten. Daraus folgt nun möglicherweise, was nicht nur der Physiotherapeutin nicht behagt: der erste linke Ministerpräsident seit dem Mauerfall 1989. An diesem Freitag will Ramelow sich ins Amt wählen lassen.

Raue ist Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen. Das ist die größte Zeitung des Landes. Außerdem ist er ein alter Bekannter Ramelows. Die beiden Westdeutschen mögen sich nicht besonders. Doch während wir im fünften Stock des modernen Verlagsgebäudes fernab des historischen Erfurter Zentrums sitzen, sagt Raue: „Das finde ich prinzipiell gut.“ Er meint nicht Ramelow, den voraussichtlich nächsten Regierungschef und dessen Koalition, denn das Land sei gespalten. Er meint die Tatsache, „dass wir ein so starkes Interesse an Politik haben wie schon lange nicht mehr“.

Endlich geht es wieder ums Ganze

Ganz ähnlich hatte es zuvor Christian Dietrich ausgedrückt. Der Mann mit dem Titel „Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ hatte in seinem Büro im Erfurter Landtag erklärt: „Prinzipiell begrüße ich, dass wir das Politische wieder gewinnen. Das heißt nicht, dass ich das Ergebnis goutiere.“ Doch in Thüringen sei zuletzt bloß noch über Personen und Affären geredet worden. Und jetzt gehe es endlich wieder ums Ganze.

Übrigens wird die Einschätzung der Physiotherapeutin, des Chefredakteurs und des Aufarbeitungsbeauftragten vom Volk bestätigt. Am 9. November gab es auf dem Erfurter Domplatz eine Demonstration gegen Rot-Rot-Grün. Bei der Thüringer Allgemeinen hatten sie getippt, dass sich vielleicht 500 Menschen einfinden würden. Schlussendlich gingen nach Einschätzung der Polizei 4 000 Menschen mit Kerzen auf die Straße. Es war ein bisschen so wie im Herbst 1989, und für den Tag vor der Wahl war noch einmal eine solche Kundgebung angemeldet. Das zeigt die Zäsur an.

Lange war es im Freistaat stabil und geruhsam zugegangen. 1992 wurde der von der Aufgabe überforderte ostdeutsche Ministerpräsident Josef Duchac von dem alten West-Haudegen Bernhard Vogel abgelöst. Vogel blieb bis 2003 und übergab das Amt an seinen Ziehsohn Dieter Althaus, der nach einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung dann unhaltbar wurde; Althaus war auf der Skipiste so schwer mit einer anderen Skifahrerin kollidierte, dass sie an den Folgen starb.

Seit 2009 amtiert Christine Lieberknecht. Doch egal, ob Duchac, Vogel, Althaus oder Lieberknecht: Immer war die CDU am Ruder – mal mit der FDP, mal mit der SPD, mal allein. Und das Land ist nicht schlecht damit gefahren, wenn man von der Verfilzung absieht, die in 24-jähriger Herrschaft unweigerlich entsteht. Das landschaftlich und kulturell ohnehin reich beschenkte Thüringen ist nicht bloß schön, sondern auch stolz geworden – auf Eisenach mit der Wartburg, auf das nahezu makellos sanierte Erfurt, auf Jena mit seinen teuren Immobilien und auf Weimar mit Goethe und Schiller sowieso. Es ist auch stolz auf naturwissenschaftlich beschlagene Schüler und eine Arbeitslosenquote, die niedriger ist als die in Nordrhein-Westfalen. Wenn der Thüringer gerade mal nicht stolz sein kann auf irgendwas, dann ist er im Stillen doch zufrieden mit sich und seiner Rostbratwurst.

Das Blatt wendet sich

Allerdings hat sich die Christdemokratie abgenutzt. Mit der SPD ging es in den vergangenen fünf Jahren gar nicht mehr gut, weshalb die mit der CDU Schluss gemacht hat und sich anderen Partnern zuwendet. Seither diskutieren über zwei Millionen Thüringerinnen und Thüringer, was das bedeutet.

Paul-Josef Raue sagt, das, was anstehe, habe „fast Shakespeare’sches Format“. Seine Zeitung hat zuletzt nahezu ausschließlich über die kleinen und die großen Skandale berichtet. Dazu gehörte, dass Lieberknecht ihren Regierungssprecher Peter Zimmermann völlig unnötig in den einstweiligen Ruhestand versetzte und ihm damit ziemlich üppige Versorgungsansprüche sicherte, obwohl der noch nicht einmal 40 Jahre alt war und einen anderen hoch dotierten Job längst sicher hatte. Der profilierteste Journalist des Blattes, Martin Debes, hat eine Lieberknecht-Biografie veröffentlicht, in der ihre Rolle zu DDR-Zeiten mit der Vokabel „Mitläuferin“ beschrieben wird. „Wir haben Ramelow den Weg geebnet“, sagt der Chefredakteur.

Nun wendet sich das Blatt. Denn Raue und Ramelow kennen sich, seit der erste von beiden Chefredakteur der Oberhessischen Presse im linken Marburg war, während der zweite dort als Gewerkschaftsfunktionär amtierte. Und weil sie sich kennen, hat Raue ausgiebig Ramelows vermeintliche oder tatsächliche Verbindungen zur Deutschen Kommunistischen Partei untersuchen lassen. Der fand das gar nicht lustig. Die Zeitung sitzt zwischen den Stühlen.