Irgendwo in Meckpomm -  Keine Lust auf Mai-Randale. Genug von Heimarbeit. Frau A. will raus. In Mecklenburg-Vorpommern leben 22 Menschen auf einem Quadratkilometer, so viele wie an einem Sonntagnachmittag um einen Poller auf der Admiralbrücke stehen. In dem Bauernkaten in Mecklenburg-Vorpommern wäre Frau A. der einzige Mensch auf einem Quadratkilometer. Wenn keine Polizeistreife vorbeikommt. Oder ein wachsamer Mitbürger. Frau A. fährt seit fast 40 Jahren in das Dorf. Würden die Nachbarn petzen?

Als einziges Bundesland verbietet Mecklenburg-Vorpommern Landesfremden die freie Einreise, selbst wenn sie im Land einen Garten, eine Ferienwohnung oder ein Boot besitzen. Die Verordnungen gehen weit über Bundesrecht hinaus. Wie viele Menschen betroffen sind, weiß keiner genau. Vielleicht hunderttausend.

Auf den Straßen von Berlin Richtung Norden fing die Polizei Hunderte Autos ab und schickte die Leute wieder zurück – selbst wenn sie zweimal geimpft, dreimal getestet und vierlagig mit Masken bedeckt waren. Eine Einreise über die Straße kommt also nicht infrage. Für Frau A. wird das Fahrrad eine wichtige Rolle spielen. Dazu: wenig Gepäck, Splitten der Zugtickets – eins bis zur Landesgrenze, eins für die Reise im verbotenen Land. Der Regio-Express ist leer, die DB-Streife guckt bloß nach richtig sitzender Maske. Aber in Frau A. lauert Anspannung. Wird sie im Schweriner Corona-Kerker enden?

Das Land geht einen Sonderweg, der in Deutschland einmalig ist. Warum dieser härter ist als das Bundesrecht, wird nicht ausreichend begründet.

Mathias Crone, Bürgerbeauftragter von Mecklenburg-Vorpommern

Bloß nicht auffallen. Was, wenn einer fragt? Sie hat zwar in Rostock studiert, aber nooorddeutsch spricht sie nicht. Wahrscheinlich fühlen sich Leute, die wegen „undeutschen“ Aussehens häufig kontrolliert werden, so wie sie jetzt. Und dann betrachtet der Kartenkontrolleur das Fahrradticket – gezogen am Automaten Jannowitzbrücke. Oh, wie blöd. „Das mit der VBB übersehe ich jetzt einfach mal“, sagt er. Wer klandestin lebt, muss auf Details achten. Der Adrenalinspiegel schoss jedenfalls in Millisekunden hoch.

Das Gefühl, dass hier eine Landesregierung durch besonders scharfes Regiment auffallen will, stört auch den Bürgerbeauftragten von Mecklenburg Vorpommern, Mathias Crone. Er spricht im NDR von „Abschottungsmentalität“. „Per se alle auszusperren, die hier nicht leben“, und das pauschal im ganzen Land statt nur in Hochinzidenzgebieten, gehe „viel zu weit“. Rechtsgüter wie das Eigentumsrecht und die Freizügigkeit stünden nicht dem Gesundheitsschutz entgegen. „Wir müssen darauf achten, dass solche Sonderwege uns nicht zu Sonderlingen machen.“

Wir sind das Land mit den härtesten Reisebeschränkungen – und dazu stehen wir.

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD)

Frau A. öffnet im Häuschen nur die Fensterladen an der wegabgewandten Seite und lässt abends das Licht nicht allzu hell leuchten. Keiner der Dorfleute klopft an. Hat niemand ihre Anwesenheit bemerkt oder hat sie niemanden gestört? Frau A. wird nachfragen, wenn sie mal wieder offiziell einreisen darf. Immerhin: Wiedersehn macht Vorfreude.

Zweimal wird es noch brenzlig: Als Frau A. am Nachmittag des 1. Mai in den Zug steigt, um zwei Stationen bis Ribnitz zu fahren, steht sie plötzlich inmitten von Polizisten in schwerer Ausrüstung. Die kommen vom Demo-Einsatz, machen Platz für das Fahrrad und gucken müde. Anders der Schreckmoment bei der Heimreise nach Berlin: Vier Polizisten durchsuchen stichprobenartig den Zug. Eine Frau mit großen Taschen voller Pflanzen befragen sie streng – und lassen sie weiterreisen. Über Frau A. schauen sie hinweg. Die lobt später ihre Maske, die ihr erschrecktes Gesicht verbarg.

Und dann: Einreise nach Brandenburg. Die Erlösung feiert Frau A. mit dreimaligem Abspielen des Liedes zur Lage: „Illegal in Mecklenburg-Vorpommern“. Im Video huscht Liedermacher Wenzel als graue Kapuzengestalt zwischen Schafen und einsamen Gemäuern umher. Immerhin hat er ein Weinregal.