Leeres Manhattan: In New York steht das Leben seit Wochen weitgehend still.
Foto: AFP

New York CityIn anderen Jahren ist dies vielleicht die schönste Zeit in New York. Die Bäume in den Parks stehen in voller Blüte, das Wetter ist angenehm, aber noch nicht drückend, und die Stadt freut sich auf den bevorstehenden Sommer. Am letzten Maiwochenende, dem offiziellen Start in die Saison, strömt man an die Strände, um durch das noch etwas frische Wasser zu waten, Hotdogs und Eis zu essen.

In diesem Jahr sieht die Stadt dem verlängerten Feiertagswochenende – der letzte Montag im Mai ist Memorial Day – jedoch mit einer komplizierten Gefühlslage entgegen. In New York City ist die Coronakrise alles andere als überwunden. Obwohl die Infektionsraten deutlich abgeflacht sind, infizieren sich noch immer täglich mehr als 1000 New Yorker mit dem Virus. Mehr als 20.000 Covid-19-Tote wurden in der Metropole bereits registriert.

Nicht überall geht es so diszipliniert zu wie im Domino Park in Brooklyn: Hier wurden Kreise aufgemalt, damit Besucher die Abstandsregeln einhalten.
Foto: Imago Images/Bryan Smith

Ausgangssperre bis Ende Mai verlängert

Der Gouverneur des Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, ist ein besonnener und vorsichtiger Mann. Er hat ein Programm mit sieben Kriterien für eine Lockerung aufgestellt. Bislang erfüllen lediglich fünf weniger dicht besiedelte Regionen des Bundesstaates diese Bedingungen. Dort dürfen bestimmte Wirtschaftszweige jetzt schrittweise wieder hochfahren. Ansonsten wurde die Ausgangssperre bis zum 28. Mai verlängert – auch in New York City, das bislang erst vier Kriterien erfüllt. Die Zahl der neuen Patienten pro Tag ist noch deutlich zu hoch und es gibt noch nicht ausreichend freie Krankenhausbetten. Niemand weiß, wie lange es noch dauert, bis in Manhattan Geschäfte und Restaurants zumindest einen eingeschränkten Betrieb wieder aufnehmen können.

Und so sieht eine angespannte Stadt noch unruhigeren Zeiten entgegen. Die ersten warmen Wochenenden im Mai haben einen Vorgeschmack darauf gegeben, was New York in den kommenden Wochen bevorsteht. Die Parks waren restlos überfüllt, in den Straßen von Harlem standen die Menschen zusammen, als habe es Corona nie gegeben.

Das führte zum Teil zu tumultartigen Szenen. Während die Polizei in den Parks der besseren Gegenden der Stadt Masken verteilte, wurden in den ärmeren Bezirken die Menschen teils rabiat voneinander getrennt. In den sozialen Medien kursierten Videos, in denen schwarze Männer von vier oder fünf Polizisten brutal zu Boden geworfen wurden.

Polizeistatistiken bestätigten den Eindruck, den solche Videos vermitteln. Von den New Yorkern, die wegen Verstößen gegen die Social-Distancing-Anordnungen angehalten wurden, gehörte die überwiegende Mehrheit zur schwarzen und Latino-Bevölkerung. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio entschuldigte sich für das Verhalten seiner Polizisten und kündigte an, dass die Polizei nun nicht mehr für die Durchsetzung der Verhaltensregeln verantwortlich sei. Nachbarschaftsorganisationen sollen übernehmen.

Diese Maßnahme entspannt die Lage auf den Straßen New Yorks jedoch kaum. Es geht die Furcht um, dass nun die Anarchie ausbricht und sich niemand mehr sicher sein kann, wenn er auf die Straße tritt. Immerhin versucht de Blasio mit anderen Maßnahmen, die Lage zu entschärfen. In den nächsten Wochen sollen 200 Kilometer Straße für den Autoverkehr gesperrt werden, um den gestressten New Yorkern mehr Raum an der frischen Luft zu geben. Was die Strände angeht, ist der Politiker deutlich weniger großzügig. Knapp 25 Kilometer Strand liegen auf dem Stadtgebiet – vom legendären Strand auf Coney Island bis hin zum Orchard Beach in der Bronx. Doch de Blasio findet nicht, dass die Zeit reif ist, die New Yorker am kommenden Wochenende ans Wasser zu lassen.

Schutzmasken gehören inzwischen auch in New York zum neuen Alltagsbild.
Foto: AFP

Mit dieser Meinung kommt er seinem alten Widersacher Andrew Cuomo in die Quere. Die beiden arbeiten sich seit Jahren leidenschaftlich aneinander ab. In Corona-Zeiten haben sie zwar bislang einen strategischen Frieden geschlossen. Doch nun kündigte Cuomo an, die Strände des Bundesstaates unter strengen Auflagen wieder zu öffnen. Das hatte er gemeinsam mit den Gouverneuren der Nachbarstaaten Connecticut, New Jersey und Delaware beschlossen, um keinen dieser Staaten zu überlasten. Brisant ist die Entscheidung vor allem deshalb, weil mehrere vom Staat verwaltete Strände auf dem Gebiet der Stadt New York liegen. So droht nun die Situation, dass New Yorker etwa den Staatsstrand in Far Rockaway sowie die Fähre dorthin überfluten könnten, während Coney Island unter Polizeibewachung gesperrt bleibt.

In der Stadt selbst stellt man sich unterdessen auf eine lange, zähe Durststrecke ein. So schrieb Andrew Sullivan, Kolumnist des New York Magazine, jüngst: „Ich kann kaum mehr schlafen, mein Appetit hat sich verabschiedet. Es ist unmöglich, sich zu konzentrieren und ich suche beinahe stündlich die Presse nach guten Nachrichten ab. Aber es ist nicht viel am Horizont zu erkennen.“

Wintermode im Schaufenster

In der Tat wird die Stimmung auf den Straßen immer bedrückender. Der zentrale Geschäftsbezirk von Manhattan bleibt eine Geisterstadt. Auf dem Broadway hat man als Fahrradfahrer am helllichten Tag eine ganze Fahrbahn für sich. Viele Geschäfte haben ihre Schaufenster vernagelt. In anderen Auslagen ist noch immer Wintermode zu sehen. In den Hauseingängen und auf den Bürgersteigen machen sich immer mehr Obdachlose breit. Vor Corona waren sie aus dem Stadtbild verschwunden, jetzt prägen sie es. Man hat den Eindruck, dass immer mehr der rund 70.000 Wohnungslosen aus den überfüllten Notunterkünften fliehen.

Die wohlhabenderen Viertel sind derweil dramatisch entvölkert. Geschätzte 420.000 New Yorker sind dauerhaft aus der Stadt geflohen – sie gehören meist der gut verdienenden weißen Oberschicht an. Ihre Arbeitgeber, die Finanzfirmen in den Midtown-Wolkenkratzern etwa, denken mittlerweile laut darüber nach, gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt zurückzukehren.

So sorgen sich immer mehr New Yorker darüber, wie ihre Stadt wohl aussehen wird, wenn die Krise vorbei ist. Die Fotografin Sally Randall Brunger, die in New York aufgewachsen ist und schon viele Krisen mitgemacht hat, bleibt optimistisch: „Es wird wie nach der Pleite der Stadt in den 70ern. Die Stadt wird bezahlbar, es kommen wieder junge und kreative Leute und wir fangen von vorne an.“ Bis es so weit ist, stehen jedoch noch lange, harte Monate bevor.