Vatikanstadt/Sidney - Der Finanzchef des Vatikans ist wegen eines Missbrauchsskandals ins Visier von Ermittlern geraten. Eine australische Untersuchungskommission lud Kurienkardinal George Pell am Montag offiziell zu einer Anhörung. Der von Papst Franziskus in die Kinderschutzkommission des Vatikans berufene Brite Peter Saunders warf Pell vor, die Missbrauchsopfer durch Abstreiten der Vorwürfe zu „verhöhnen“. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi erklärte indes, Pell habe „stets“ mit der Justiz kooperiert.

Pell sei gebeten worden, bei der nächsten Sitzung in der Stadt Ballarat in Australiens Bundesstaat Victoria zu erscheinen, teilte die Untersuchungskommission mit. In dem Verfahren geht es um Vorwürfe des Australiers David Ridsdale, im Alter von elf Jahren von seinem Onkel, dem katholischen Priester Gerald Ridsdale, missbraucht worden zu sein. Der Geistliche soll sich zwischen 1950 und 1980 an mindestens 50 Jungen vergangen haben, bevor er 1993 aufflog und zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Schweigegeld angeboten

Sein Neffe David Ridsdale sagte vor der Untersuchungskommission zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche aus, er habe sich Pell 1993 anvertraut. Dieser habe ihn daraufhin gefragt, für welchen Geldbetrag er die Vorwürfe für sich behalten würde. Zudem soll Pell die Versetzung Gerald Ridsdales zwischen Gemeinden gefördert haben.

Der 73-Jährige bestreitet alle Vorwürfe. Der Kurienkardinal ist seit gut einem Jahr Chef des neu gegründeten vatikanischen Finanzministeriums. In der vergangenen Woche hatte er sich zu einer Aussage bereit erklärt. Saunders, einst selbst Opfer von Kindesmissbrauch, forderte am Montag Pells Rücktritt.

„Keine andere Wahl gehabt“

Der Kardinal habe durch das Abstreiten der Vorwürfe „gefühllos, kaltherzig, fast soziopathisch“ gehandelt, sagte Saunders dem australischen Sender Channel Nine. Pell sei ein „massiver Stachel im Fleisch des Pontifikats von Papst Franziskus, wenn es ihm erlaubt wird zu bleiben.“ Der Kardinal müsse zurücktreten, in Australien aussagen und entschieden vom Papst sanktioniert werden.

Vatikansprecher Lombardi stärkte Pell am Montag den Rücken. Saunders habe lediglich „seine Privatmeinung“ geäußert, erklärte Lombardi. Pell habe stets mit der Justiz seines Heimlandes zusammengearbeitet. Es sei außerdem nicht Aufgabe der Vatikan-Kommission, „Nachforschungen und Urteile über Einzelfälle“ zu liefern. Aus Pells Büro hieß es, der Kardinal habe seine Anwälte eingeschaltet. Angesichts der „falschen und irreführenden“ Vorwürfe habe er „keine andere Wahl“ gehabt. (afp)