Ungarns Präsident Victor Orban.
Foto: AP/Tamas Kovacs

BerlinWegen des umstrittenen ungarischen Notstandsgesetzes steigt der Druck auf die Regierung in Budapest. Es sei "nicht akzeptabel", dass die Corona-Krise genutzt werde, um Grundrechte unverhältnismäßig einzuschränken, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) am Freitag nach einer Videokonferenz mit EU-Kollegen. Die EU-Kommission prüfe nun richtigerweise die Vereinbarkeit der ungarischen Maßnahmen mit EU-Recht. Das berichtet die nachrichtenagentur AFP.

Künftig müsse die "Nichteinhaltung von Grundrechten" in der EU "finanzielle Auswirkungen" haben, fügte Maas hinzu. Dafür setze sich die Bundesregierung in den Verhandlungen zum mehrjährigen Finanzrahmen ein. "Nur so wird es uns möglich sein, auch mit dem notwendigen Druck dafür zu sorgen, dass in allen Staaten Grundwerte und Grundrechte eingehalten werden."

Umfassende Vollmachten für Orban

Orban hatte sich am Montag vom ungarischen Parlament umfassende Vollmachten geben lassen, um die Coronavirus-Krise zu bekämpfen. Der Rechtspopulist kann nun per Dekret regieren und den Notstand wegen der Pandemie ohne Zustimmung des Parlaments beliebig verlängern. "Die Abgeordnetenkammer ist damit auf unbestimmte Zeit entmachtet und die Gewaltenteilung ausgesetzt", sagte die SPD-Europaabgeordnete Katarina Barley.

Die ehemalige Bundesjustizministerin kritisierte die bisherige Reaktion der EU-Kommission als "zu zaghaft" und "zu spät". Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte zunächst eine direkte Konfrontation mit Budapest vermieden und lediglich allgemein die Verhältnismäßigkeit bei Notfallmaßnahmen in allen EU-Ländern angemahnt. Erst am Donnerstag nannte sie Ungarn als Grund zur Sorge wegen der Rechtsstaatlichkeit.

"Was uns besonders Sorge bereitet ist die unbegrenzte Dauer des verhängten Gefahrenzustands", sagte nun der für Rechtsstaatlichkeit zuständige EU-Kommissar Didier Reynders. "Die Regierung entscheidet selbst darüber, wann der Notstand aufgehoben wird." Das sei "ziemlich einzigartig" im Vergleich zu den Maßnahmen, die andere EU-Länder ergriffen hätten, sagte er dem belgischen Nachrichtensender LN24.

Andernorts seien Notstandsgesetze "zumeist im engen Schulterschluss mit Opposition und Parlament" erlassen worden, sagte EU-Haushaltskommissar Johannes Hahn dem "Spiegel". "Ich verstehe nicht, warum Ungarn einen anderen Weg beschreitet, zumal Orbans Regierung ja ohnehin mit einer Zweidrittelmehrheit regiert." Die Entwicklung sei "absolut besorgniserregend".

"Er hat bewusst ein Gesetz vorgelegt, dem wir unmöglich zustimmen konnten", sagte die ungarische Sozialdemokratin Klara Dobrev. Orban gehe es darum, später sagen zu können 'Seht her, die Opposition wollte nichts gegen die Epidemie tun', befürchtet die EU-Abgeordnete.

Die Bundesregierung hatte am Donnerstag gemeinsam mit zwölf anderen EU-Ländern in einer nur implizit auf Ungarn bezogenen Erklärung vor nachhaltigen Eingriffen in die Grundrechte im Zuge der Corona-Krise gewarnt. Bis Freitag schlossen sich fünf weitere Länder der Erklärung an - darunter auch Ungarn. Regierungssprecher Zoltan Kovacs hatte zuvor noch eine "politische Hexenjagd und koordinierte Schmierenkampagne" gegen Budapest beklagt.

Der EVP-Vorsitzende Donald Tusk will derweil das Verfahren zum Ausschluss von Orbans Fidesz-Partei aus der EVP neubeleben. Bisher waren drei Versuche gescheitert, die Fidesz auszuschließen - nach Angaben aus Parteikreisen auch, weil die deutschen Mitgliedsparteien CDU und CSU sich weigerten, dies mitzutragen.

Am Donnerstag forderten 13 EVP-Mitgliedsparteien den Ausschluss der Fidesz. Neben der CDU und CSU fehlten in der Liste aber große nationale Parteien wie Spaniens Partido Popular und Frankreichs Les Républicains. Auch von östlichen EVP-Mitgliedern kam bislang wenig Zuspruch. Die EVP stellt die mit Abstand größte Fraktion im EU-Parlament und hat insgesamt über 80 Mitgliedsparteien.

Die Regierung in Serbien zog nach heftiger Kritik unterdessen am Freitag ein Dekret zurück, durch das die Freiheit der Medien in der Berichterstattung über die Coronavirus-Epidemie stark eingeschränkt worden war. Der am Mittwoch in Kraft getretene Erlass sah vor, dass nur der Krisenstab der Regierung über Ausbreitung von und Maßnahmen gegen das neuartige Virus informieren durfte.