Der Wirbel um die umstrittene Rockband Frei.Wild und ihr Ausschluss von der jüngsten Echo-Preisverleihung zeigt: Die Frage, ab wann ein Liedtext rechtsradikal ist, ist umstritten - und sie erregt die Gemüter. Die Südtiroler Frei.Wild seien zwar keine offen faschistische Nazi-Band, sagt der Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Aber die Gruppe stehe für massentauglichen, latent völkischen Nationalismus. Frei.Wild distanziert sich nach eigenen Angaben von jeder Form des politischen Extremismus.

Hindrichs hat am musikwissenschaftlichen Institut das Projekt „Musik und Jugendkulturen“ auf den Weg gebracht. Ein Aspekt: Rechtsrock. „Die Anziehungskraft dieser Gruppen funktioniert über Schwarz-Weiß-Denken und die einfachen Erklärungsmodelle „unten-gegen-oben““, sagt der Wissenschaftler. Die Blut- und Heimatideologie in ihren Texten rechtfertigten die Bands meist mit Argumenten wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.

Musik spielt in der Szene eine große Rolle. Konzerte und Liederabende sollen den Zusammenhalt fördern oder Neulinge anziehen - nicht zuletzt über Schulhof-CDs, die etwa von der rechtsextremen NPD an Schüler verteilt werden. Im rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzbericht 2011 heißt es: „Insbesondere (unpolitische) Jugendliche können durch das Medium für die rechtsextremistische Szene empfänglich gemacht und später langfristig integriert werden.“

Aber was macht Musik zu diesem Klebstoff für die Szene und zum Lockstoff für Einsteiger? Die Musiksoziologin Sarah Chaker von der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien erklärt: Musik könne dem Gruppenerhalt dienen und erlaube gleichzeitig eine Abgrenzung nach außen, von „den anderen“. „Musik zeigt an, wer oder was Menschen sein wollen, welcher Gruppe sie zugehören wollen, und vor allem auch: wer oder was sie nicht sein wollen.“ Dies gelte nach Expertenmeinung besonders für Jugendliche.

Anzahl der rechten Musikgruppen steigt

2011 waren in Rheinland-Pfalz laut Verfassungsschutz zwei rechtsextremistische Bands bekannt, es gab in dem Bundesland ein Skinheadkonzert im pfälzischen Herschberg mit rund 40 bis 60 Teilnehmern. Im Vorjahr fanden noch vier Skinheadkonzerte und vier Liederabende statt.

Deutschlandweit gingen 2011 laut Bundesamt für Verfassungsschutz 131 rechtsextremistische Konzerte über die Bühne (2010: 128). Die meisten wurden von etwa 50 bis 150 Menschen besucht, insgesamt habe sich der Trend zu Veranstaltungen mit eher geringer Teilnehmerzahl deutlich verstärkt. Die Anzahl aktiver rechtsextremistischer Musikgruppen stieg 2011 auf 178 an (2010: 165).

„Es ist schon längst nicht mehr nur Rumpel-Rock wie von den Bands Störkraft und Endstufe auf dem Markt“, sagt Hindrichs. Inzwischen sei sogar Rap in der rechten Szene angekommen, etwa mit der Formation „Sprachgesang zum Untergang“. Daneben gibt es zahllose weitere Musikrichtungen am rechten Rand wie den Liedermacher und ehemaligen NPD-Kandidaten für das Bundespräsidentenamt Frank Rennicke. Frei.Wild bewege sich in einer rechten Grauzone, die Bands wie die Böhsen Onkelz hinterlassen hätten, sagt der Musikwissenschaftler.

Viele rechtsradikale Songs sind zwar für Käufer bis zu einem Alter von 18 Jahren verboten, aber längst nicht alle. „Indiziert wird nur das, was angezeigt wird, und dieses Verfahren ist kompliziert“, sagt Hindrichs. „Besitzen dürfen Erwachsene fast alles - hier greift das Recht auf freie Meinungsäußerung.“

So vielfältig die rechte Musik, so uneinheitlich ist auch die Szene insgesamt. Woran erkenne ich überhaupt noch einen Neonazi? Glatze, Springerstiefel und ein gegröltes Horst-Wessel-Lied? Nein, so einfach ist das schon lange nicht mehr. „Bis zur Jahrtausendwende war rechts eine klare Sache, Rechtsradikale waren meist allein schon durch ihr Äußeres zu erkennen“, sagt der Wissenschaftler. Seit den vergangenen Jahren bedienten sich Rechtsradikale vieler verschiedener Styles und Codes - sogar aus der linken Szene. „Nazis von heute hingegen erkennt man längst nicht mehr so leicht.“ (dpa)