Herr Neudeck, Sie haben die griechische Insel Lesbos, die direkt vor der Westtürkei liegt, besucht. Fanden Sie viele Flüchtlinge vor?

Es war so, dass es zu dieser Zeit einen Staatsbesuch auf Lesbos gab. Die Insel war von Flüchtlingen leer gefegt. Es schien so, als wäre die Bitte von Brüssel an Erdogan, keine Flüchtlinge mehr durchzulassen, realisiert worden. Aber das war natürlich Unfug. Kurz nach dem Staatsbesuch war der Strom von Schlauchbooten mit Flüchtlingen unübersehbar.

Die Zahl der Flüchtlinge, die sich Richtung Europa aufmachen, ist ungebrochen hoch?

In der Tat. Wir hörten auch, dass in den an den türkischen Küsten gelegenen Wäldern viele Menschen ausharren. Es kommt eine neue Qualität hinzu: Es sind nicht nur Syrer, sondern auch viele junge Afghanen, die nach Europa streben. Sie hatten einschneidende Erlebnisse hinter sich, wie viele uns erzählten, dass zwei islamisch geprägte Länder, der Iran und die Türkei, sich unglaublich brutal ihnen gegenüber verhalten haben sollen. Jetzt sind sie Europa gegenüber sehr dankbar, weil sie zum ersten Mal nicht mehr geschlagen werden. Das wird in den sozialen Netzwerken in den arabischen Ländern eine große Wirkung haben.

Wie ist die Erfahrung der Flüchtlinge, lassen die Türken die Überreise zu?

Sie scheinen es nicht zu verhindern. Die Schleuseraktivität ist immens hoch. Möglich erscheint, dass türkische Polizisten mit involviert sind. Das Geschäft ist groß.

Wie sind die Zustände für die Flüchtlinge auf Lesbos?

Das Lager, das ich besucht habe, war in einem unbeschreiblich schlechten Zustand. Ich habe noch nie ein Lager in einem solchen Zustand gesehen. Eigentlich verbietet sich das Wort „Lager“. Die Menschen werden einfach nur dort hineingekarrt. Sie müssen sich irgendwo hinlegen und wenn sie Glück haben, bekommen sie von irgendwem noch eine Iso-Matte. Familien mit Kleinkindern müssen auf dem Boden liegen. Ich habe in allen Flüchtlingslagern dieser Welt Helfer gesehen, die besorgt waren und sich um Kleinkinder gekümmert haben. Das ist einfach ungeheuer wichtig. Nicht einmal das ist dort der Fall. Nebenan befindet sich ein frei stehendes Gebäude, in das die Flüchtlinge aber nicht hineindürfen. Keiner weiß, warum. Griechenland nimmt die Flüchtlinge kaum wahr, als Regierung nicht und auch nicht die griechischen Bürger. Zudem müssen die Flüchtlinge für Essen und anderes zahlen. Ich habe so eine brutale Ausbeutung von Flüchtlingen noch nie erlebt.

Das Gespräch führte Michael Hesse