Ruprecht Polenz war knapp 20 Jahre Bundestagsabgeordneter.
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BerlinRuprecht Polenz leitete viele Jahre den Auswärtigen Ausschuss. Heute ist der 73-Jährige einer der einflussreichsten CDU-Politiker in den sozialen Netzwerken. Seine Beiträge auf Twitter werden so oft geteilt wie die keines anderen Christdemokraten – im vergangenen Jahr etwa eine Million Mal. Im Interview mit der Beliner Zeitung  spricht der 73-Jährige über den Einzug der Grünen in den Bundestag, ihre Entwicklung  und mögliche Koalitionen.

Herr Polenz, als Sie 1994 zum ersten Mal in den Bundestag einzogen, kehrten auch die Grünen zurück, die 1990 gescheitert waren. Haben Sie damit gerechnet, dass es ihnen gelingen würde?

Ja, im Grundsatz schon. Sie hatten ja ein Themenspektrum, das schon damals genügend Wählerinnen und Wählern wichtig war, vor allem die Umweltfragen. Und sie standen für eine neue politische Kultur, was ebenfalls für manche attraktiv war. Das rührte aus ihrer Herkunft aus der 68er-Studentenbewegung, die dann während der ersten Großen Koalition zu einer außerparlamentarischen Opposition, der APO, geworden war. Die Trennung von Amt und Mandat, die Rotation der Abgeordneten, ein imperatives Mandat, das war alles neu in der deutschen Politik und für viele interessant. Heute sind davon allenfalls Spuren übrig geblieben.

Es gab ja auch einige frühere Anhänger von K-Gruppen, dem Kommunistischen Bund zum Beispiel, die eine wichtige Rolle bei der Gründung der Grünen spielten.

Ja, die Geschichte von Joschka Fischer zeigt beispielhaft, von wie weit her man kommen konnte, um dann bei den Grünen zum Realo zu werden – und Karriere zu machen. Ähnliche Entwicklungen haben auch Leute wie Winfried Kretschmann, Jürgen Trittin oder Ralf Fücks genommen.

Das könnte man auch als gelungene Integrationsleistung der Grünen im Sinne der parlamentarischen Demokratie verstehen, oder?

Es ist auf jeden Fall ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit der parlamentarischen Demokratie. Das war damals ja nicht vorhersehbar, wie die Grünen sich entwickeln würden. Man sieht das am Beispiel der Haltung zu Kampfeinsätzen der Bundeswehr, die sie anfangs kategorisch abgelehnt haben.

Es heißt immer, Angela Merkel habe die CDU sozialdemokratisiert, aber hat sie sie in Wirklichkeit nicht grün eingefärbt? Atomausstieg, Abschaffung der Wehrpflicht, Ehe für alle – das waren doch alles grüne Themen.

Ich denke, es waren Themen der Zeit, die die einen schneller und die anderen nicht ganz so schnell aufgegriffen haben. Merkel hat diese gesellschaftlichen Strömungen dann zum Teil relativ spät aufgenommen, aber so, dass sie mit unseren Wertvorstellungen vereinbar sind. Die Grünen waren da schneller.

Sehen Sie als Konservativer in den Grünen auch konservative Anteile?

Die CDU tritt als christlich orientierte Partei für die Bewahrung der Schöpfung ein. Man kann das auch als Nachhaltigkeit gegenüber der Umwelt bezeichnen, aber es ist ein im Kern konservatives Anliegen. Das ist eine wichtige Schnittstelle zwischen Union und Grünen, wo man gemeinsam über die richtigen Wege nachdenken kann.

Nach der Koalition in Österreich gilt Schwarz-Grün auch in Deutschland als Perspektive. Ist das realistisch?

Nach meiner Einschätzung werden die Grünen, wenn sie eine andere Option haben, als mit der Union zu regieren, diese andere Option wählen. Das liegt daran, dass die ganze politische Sozialisation der Grünen sehr stark in Frontstellung zur CDU entwickelt worden ist. In dem Moment, wo die CDU als einzige Alternative infrage kommt, um regieren zu können, werden die Grünen sich das überlegen. Sie waren 2017 bei den Jamaika-Verhandlungen ja schon einmal so weit. Wenn es nach den nächsten Wahlen nicht zu Grün-Rot-Rot reichen würde, werden wir irgendeine Form einer schwarz-grünen Zusammenarbeit bekommen.

Das wäre dann also auch aus Unions-Sicht der richtige Weg?

Es verhält sich in beiden Parteien spiegelbildlich. Für etliche Unionsanhänger sind die Grünen noch das Gegenbild, an dem man sich politisch immer wieder abgearbeitet hat. Aber es gibt ja schon verschiedene Beispiele guter Zusammenarbeit auf Länderebene, auch da, wo man es nicht erwartet hätte, wie in Hessen. Die grundsätzlichen Probleme, die es vielleicht noch vor zehn Jahren gegeben hätte, sind überwunden. Sicher würden sowohl in der Union als auch bei den Grünen Mitglieder und Wähler erst einmal schlucken, wenn es auf Bundesebene zu so einer Zusammenarbeit käme. Aber am Ende würde es in beiden Parteien überwiegend akzeptiert werden.

Haben 40 Jahre Grüne der deutschen Politik gutgetan?

Jede Partei, die sich auf dem Boden des Grundgesetzes darum bemüht, aus ihrer Sicht unsere Gesellschaft voranzubringen und Dinge zu verbessern, tut der deutschen Politik gut. Auch die Grünen.