In der Moskauer Metro
Foto: dpa/Alexander Zemlianichenko

MoskauDer Vater des Moskauers Iwan N. starb nach zwei Wochen Koma, angeschlossen an ein Gerät zur künstlichen Beatmung. Offizielle Todesursache: Krebs. „Er hatte wirklich Krebs“, zitiert Radio Swoboda seinen Sohn. „Aber man erlaubte uns nicht, ihn in einem offenen Sarg zu beerdigen.“ Der Körper lag in einem hermetisch verschlossenen Kunststoffsack, noch in der Leichenhalle schweißte man den Sarg zu. Das Opfer war vorher positiv auf Covid-19 getestet worden.

Am Donnerstag stieg die amtliche Zahl der infizierten Russen wieder um knapp 10.000 und liegt jetzt bei 252.000. Nur in den USA gibt es mehr Coronavirus-Fälle. Aber gestorben sind in Russland bisher nur 2305 Patienten – nach amtlichen Angaben. Die Todesrate hier lag am Donnerstag mit 14,6 Fällen auf eine Million Einwohner mehr als sechsmal niedriger als in Deutschland (93,3) und 35-mal niedriger als in Italien (511,6).

Anna Popowa, Chefin der Aufsichtsbehörde Rospotrebnadsor, erklärt das mit „rechtzeitiger Erkennung und Behandlung“. Allerdings häufen sich seit Wochen Klagen von Russen, man habe ihnen trotz Fiebers und Atemnot Corona-Tests verweigert. Das medizinische System scheint Probleme zu haben. Das zeigt auch die Zahl von 190 an Covid-19 gestorbenen Ärzten und Krankenpfleger, die Kollegen auf einer „Liste des Gedenkens“ im Internet gesammelt haben. Selbst in Italien sind es nur 163.

Offenbar ist weniger die Medizin als die Statistik Russlands für die minimale Todesrate verantwortlich. Der Moskauer Chirurg Alexander Wanjukow sagte in einem Podcast des Rechercheportals proekt.media, in seinem Krankenhaus stürben täglich zehn bis 20 Corona-Patienten. Amtlich zählte ganz Moskau am Donnerstag 58 Tote.

„Wenn Coronavirus-Infizierte, die noch an anderen Krankheiten leiden, sterben, attestiert man ihnen nicht Covid-19, sondern eine andere Krankheit“, erklärt Iwan Konowalow, Sprecher der Ärztegewerkschaft Allijanz Wratschej, der Berliner Zeitung. Das Gesundheitsministerium selbst habe das bestätigt. Es veröffentlichte Coronavirus-Richtlinien für Pathologen: Sei der Tod eines Infizierten durch eine zweite schwere Krankheit verursacht worden oder durch Nebenwirkungen der Behandlung, solle man als Todesursache nicht Covid-19- angeben. Die meisten anderen Länder zählen alle verstorbenen Infizierten als Corona-Opfer.

Schon jetzt führen mehrere russische Regionen parallele Listen. Tscheljabinsk meldete am Donnerstag sechs Todesfälle „durch Covid-19“, aber auch neun Todesfälle mit „Covid-19 als Begleitkrankheit“. In den Regionen Swerdlowsk und Saratow war ihre Zahl mehr als doppelt so groß wie die der Corona-Opfer. Und nach Angaben der Moskauer Behörden starben diesen April 20 Prozent mehr Hauptstädter als im selben Monat 2019. Ein Plus von über 1700 Toten, die Covid-19-Opfer im April aber wurden laut BBC auf 642 Fälle beziffert. Der Demograf Sergej Timonin schätzt gegenüber der Zeitung Moscow Times, die amtliche Zahl der Corona-Toten betrage nur 35 Prozent der tatsächlich verstorbenen Infizierten in Moskau.

Demografen und Mediziner glauben außerdem, die geringe Lebenserwartung männlicher Russen von durchschnittlich 66 Jahren drücke auf die Corona-Todesrate. „Männer über 60 gelten als die am meisten gefährdete Gruppe“, sagt Gewerkschaftler Konowalow, „in Russland gibt es nur wenige davon.“

Putin lockert Isolation

Aber vor allem traut die Ärztegewerkschaft den amtlichen Zahlen nicht. „Anfang Mai erklärte Präsident Putin, es gelte den Gipfel der Epidemie zu erreichen, dann könne man über erste Schritte zur Normalisierung nachdenken“, sagt Konowalow. „Am Tag darauf ging die Infektionskurve in vielen Regionen steil aufwärts.“

Am Montag aber verkündete Wladimir Putin eine neue Phase im Kampf gegen die Pandemie: die schrittweise Lockerung der Selbstisolierung. Danach fiel die Zahl der neu Infizierten wieder, täglich um etwa 500 Fälle. Covid-19 scheint in Russland wieder aus der Mode zu kommen.