Auch sibirische Frauen lassen sich gern fotografieren. Tatjana Kuwschinnikowa, Lehrerin aus dem westsibirischen Barnaul, hat auf ihrer Seite im Sozialnetz Vkontakte 603 Fotos platziert: Tatjana im Pelz, Tatjana in Volkstracht, Tatjana im Minirock, auf Skiern und beim Joggen. Aber vor allem Tatjana im Badeanzug.

Denn die Russisch- und Literaturlehrerin ist begeisterte Eisschwimmerin, sie zieht auch bei minus 30 Grad im großen Eisloch auf dem Barnauler Pionerskoje-See ihre Bahnen. „Im Januar bin ich hundert Meter in 2,15 Minuten geschwommen“, erzählt sie unserer Zeitung.

„Ein Schandfleck für unsere Schule“ 

Ihr Hobby am Gefrierpunkt kostete Kuwschinnikowa, 38, jetzt ihren Job: Anfang Februar zitierte die Direktorin die Extremsportlerin zu sich. Sie warf Kuwschinnikowa vor, sie kleide sich wie eine Schlampe, da sei es bis zur Pädophilie nicht mehr weit. „Ein Schandfleck für unsere Schule.“ Und sie schlug ihr vor, selbst ihre Kündigung einzureichen.

Stein des Anstoßes war eines der 603 Sozialnetz-Fotos Kuwschinnikowas, kurz vor Silvester am Pionerskoje-See aufgenommen. Dort posierte sie in einem kurzen Kleid und Stöckelschuhen an einem Barren, schüchtern lächelnd. „Das Foto war witzig gemeint“, versichert sie, „und hat bestimmt niemanden beleidigt.“

Schüler und Eltern stellten sich hinter ihre Lehrerin, aber die Schulleitung setzte sie mit massiven Unterrichtskontrollen unter Druck. Mitte Februar bat Kuwschinnikowa selbst um ihre Papiere. „Entlassen wegen ihrer tollen Figur“, titelt die Massenzeitung Moskowski Komsomoljez empört. Dabei hat Tatjana Kuwschinnikowa ihre Schüler und auch deren Eltern anstiften wollen, sich zusammen mit ihr ins Eiswasser zu wagen. „Diese Entlassung ist ungerecht“, klagt sie. „Wenn ein Lehrer jene gesunde Lebensweise zeigt, die auch der Staat propagiert, sollte das begrüßt werden.“

Nackte Pädagoginnenhaut gilt vielen in der Branche als abartige sexuelle Aggression

Aber an vielen vaterländischen Schulen herrscht eine Moral, die etwa hundert Jahre hinter dem Selbstverständnis junger Russinnen herhinkt. In der Regel riskieren Pädagogen im heutigen Russland Abmahnungen oder Entlassungen, wenn sie Anti-Putin-Plakate reposten oder für die Opposition im Stadtrat sitzen und den Bürgermeister laut kritisieren. Vor allem aber, wenn sie die falsche sexuelle Orientierung besitzen. Der berüchtigte Petersburger Schwulenfeind Timur Bulatow etwa rühmt sich, er habe im Verlauf mehrerer Jahre die Entlassung von über 60 homosexuellen Lehrern erwirkt.

Tatjana Kuwschinnikowa aus Barnaul aber ist Ehefrau und Mutter, Nichtraucherin und politisch erklärtermaßen konservativ. Eigentlich jemand, der zu den Kandidaten beim staatlichen Wettbewerb „Lehrer des Jahres“ gehören sollte.

Und Jungbuchhalterinnen, Studentinnen oder auch Abiturientinnen präsentieren sich auf Facebook oder in der Disco freizügig bis lasziv. Nackte Pädagoginnenhaut aber gilt vielen in der Branche als abartige sexuelle Aggression. Auch jenseits der Klassenzimmer. Vergangenes Jahr wurde eine 26-jährige Englischlehrerin in Omsk gefeuert, sie hatte sich auf der Website einer Agentur für mollige Models im gepunkteten Retrobadeanzug präsentiert. Die Frau wurde wieder eingestellt, nachdem Kolleginnen aus ganz Russland einem Flashmob im Internet veranstaltetet hatten, sie zeigten sich in zum Teil eher winzigen Bikinis. Hashtag: „Auch Lehrer sind Menschen.“

Tatjana Kuwschinnikowa will nicht mehr zurück

Tatjana Kuwschinnikowa winkt jetzt ebenfalls eine neue Anstellung. Der Bildungsminister der Region Altai sagte dem Kanal TV-Ren, man dürfe nicht mit solch sportlichen und gesund lebenden Kadern herumwerfen. Die Entlassung sei wohl ein Missverständnis zwischen den Generationen gewesen, er habe auf dem umstrittenen Foto nur das „energische, schöne Gesicht einer jungen Frau und Lehrerin gesehen“.

Kuwschinnikowa gab man schon zu verstehen, sie solle im Ministerium wegen einer neuen Stelle vorsprechen. Aber sie selbst will kein Russisch mehr unterrichten. „Ich würde lieber an einer Kunstschule anfangen.“ Die eisschwimmende Pädagogin ist nebenher noch ausgebildete Porträtmalerin. Auch sibirische Frauen haben mehr Interessen, als sich nur fotografieren zu lassen.