Berlin - Ein altes Mütterchen mit orthodoxem Kopftuch, Filzstiefeln und dickem dunkelrotem Rock geht mit der roten Sowjetfahne Soldaten entgegen. Die reichen ihr eine Tüte Lebensmittel. Sie nehmen ihr die Fahne ab, werfen diese auf den Boden und treten darauf herum. Die Frau ist empört, gibt den Soldaten die Tüte zurück. Ein Video mit dieser Szene ging Anfang April über Instagram viral. Die Soldaten sind als Ukrainer zu erkennen.

In dem Filmchen fand die russische Kriegspropaganda alle Zutaten zur Konstruktion einer Legende: ein menschliches Gesicht, Widerstand, Seele. Eine authentische Frau, die den Zusammenbruch der Sowjetunion betrauert. „Babuschka Z“ war geboren, Großmütterchen plus russisches Kriegszeichen, als lebender Beweis, dass sich die ukrainische Bevölkerung der Befreiung durch Russland entgegensehnt.

Innerhalb weniger Tage spuckte die Moskauer Propagandamaschine das Abbild der Frau, die sich mit roter Fahne ukrainischem Militär entgegenstellt, zigtausendfach aus: auf Plakaten, als Wandgemälde, Sticker, Aufkleber und verteilte sie im ganzen Land. Den Höhepunkt der Babuschka-Z-Verehrung setzte Wladimir Putins Stabschef am 4. Mai im eroberten und zerstörten Mariupol, als er eine Skulptur der Babuschka Z enthüllte und sie in einer Rede ein „Symbol für das Mutterland und die ganze russische Welt“ nannte. Leider wisse man den Namen der Frau nicht, aber den werde man herausfinden und sich vor ihr verneigen.

Gefunden haben die mysteriöse Oma nun Reporter der BBC, und sie erfuhren von ihr selbst die wahre Geschichte. Die klingt sehr anders als die „alternative“ russische Wahrheit.

Anna Ivanovna erzählt

Immerhin: Es handelt sich um eine real existierende Person: Anna Ivanovna, 69 Jahre alt. Die Journalisten trafen sie in ihrem Dorf Velyka Danylivka in der Nähe von Charkiw, wo sie mit Mann, Hunden, Katzen und Kaninchen lebt, die Front in hörbarer Nähe.

Das Foto von der Statue, die sie als Kriegsheldin verewigt zeigt, sieht sie aus der Hand der Reporter zum ersten Mal.

Anna Ivanovna erzählt nun keineswegs von Kriegsfreude: „Wie könnte ich wollen, dass meine Leute sterben“, sagt sie den BBC-Reportern. Ihre Enkel und Urenkel seien nach Polen geflohen, „wir leben in Angst und Schrecken“. Als damals Soldaten an ihr Haus kamen, habe sie die verwechselt und für Russen gehalten.

„Putin, Du hast einen Fehler gemacht“

Froh sei sie gewesen, dass sie sich friedlich benahmen. Und die rote Fahne? Ein Zeichen „von Liebe und Glück in jeder Familie, Stadt und Republik“. Als die Soldaten sie in den Schmutz warfen, habe sie denen gesagt, dass ihre Eltern für diese Fahne im Krieg gekämpft hätten. Ihre Botschaft an Putin: „Du hast einen Fehler gemacht. Womit haben wir einfache ukrainische Arbeiter das verdient?“

Die Journalisten sahen im Dorf brennende Häuser. Mehrmals wurde es von russischen Flugzeugen bombardiert. In Anna Ivanovnas Haus beschädigten sie Dach und Fenster; ein Schrapnell schlug im Gras vor dem Haus ein, und Anna sagt den Journalisten: „Jetzt sehe ich: Die scheren sich nicht um die Leute hier in der Ukraine, die wollen nur unser Land erobern.“