Berlin - Die Reaktionen des Westens waren nicht gerade von sachlicher Kritik geprägt, als Russland im August 2020 den weltweit ersten Impfstoff gegen Corona präsentierte. Man las von „Impfstoff-Murks aus Moskau“, „übler Impfstoff-Propaganda“, vom Verdacht auf „plumpe Manipulationen“, von einem „hochriskanten Experiment am Menschen“. Man spürte Misstrauen, Häme und Verdächtigungen. Eine Zeitung witzelte, Sputnik V wirke nicht nur gegen das Virus, sondern auch gegen „Homosexualität sowie Fall- und Nesselsucht“.

Nun, ein halbes Jahr später, hat sich das Blatt gewendet. Die halbe Welt scheint auf Sputnik V zu hoffen. Bundeskanzlerin Merkel sprach von „guten Daten“ – mit einer angegebenen Wirksamkeit des russischen Impfstoffs von 91,6 Prozent. Gesundheitsminister Jens Spahn überlegte bereits, den Impfstoff in Deutschland produzieren zu lassen, etwa bei der Firma IDT Biologika in Dessau. Angesichts des gerade konstatierten Versagens der EU bei der Impfstoffbeschaffung käme der russische Impfstoff gerade recht. Eine Dosis kostet etwa 10 Dollar. Zum Vergleich: Der Impfstoff von AstraZeneca kostet in der EU knapp zwei Euro pro Dosis, der von Biontech/Pfizer 12 Euro. Ein Vorteil von Sputnik V gegenüber RNA-Impfstoffen wie dem von Biontech wäre auch: Man braucht dafür keine Tiefkühlmonster. Sputnik V kann im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad gelagert werden.

Aber Europa kommt offenbar zu spät. Viele andere Länder der Welt stehen schon in der Schlange. So schrieb auf Twitter ein Lateinamerikaner auf einen Tweet des Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach: „Sie sagten gestern bei ,Lanz‘, der Sputnik V sei der ,Lada‘ unter den Impfstoffen. Ich würde ihn eher einen ,Volkswagen‘ im besten Sinne nennen. Leichter zu produzieren und logistisch einfacher zu handeln und erschwinglich. Gerade das braucht Lateinamerika, wo ich selbst lebe.“

Offenbar ist die russische Verkündung, Sputnik V sei ein „Impfstoff für die Welt“, wahr geworden, jedenfalls in großen Teilen der Welt. Während Europa über das Versagen bei der Impfstoffbestellung debattiert, hatten bereits Anfang Februar 2021 etwa 20 Länder den russischen Impfstoff zugelassen, darunter Argentinien, Bolivien, Uruguay, Venezuela, Mexiko, Algerien, Guinea, Iran, Ungarn, Serbien und Palästina. Weitere Impfstoffe, die in Schwellen- und Entwicklungsländern eingesetzt werden, kommen von AstraZeneca und aus China.  

Unter Forschern selbst gibt es so gut wie keine Vorurteile

Man könnte sagen, dass es der Westen in seiner Überheblichkeit verpasst hat, auch mithilfe von Sputnik V die Pandemie schneller und großräumig zu bekämpfen. Konkret stellt sich die Frage: Hätte die EU frühzeitig große Mengen des russischen Impfstoffs vorbestellen sollen – sozusagen auf Verdacht, wie es andere machten? Und wurde dies durch die Vorurteile bestimmter Kreise verhindert, die noch immer glauben, Russland sei ein unterentwickeltes „Obervolta mit Atomraketen“, wie es Bundeskanzler Helmut Schmidt einst nannte, mitten im Kalten Krieg.

Viele wissen, dass dies nicht so ist. Vor allem in Forscherkreisen, wo es eine zum Teil sehr enge Zusammenarbeit gibt. Auf die Frage, ob es unter den Forschern, die er kenne, grundlegende Vorbehalte gegen einen Impfstoff aus Russland gebe, antwortet der Berliner Systembiologe Emanuel Wyler ganz klar: „Nein. Die Technologie ist ja dieselbe wie bei AstraZeneca/Oxford und bei Johnson & Johnson.“ Es sei eine schon mehrfach verwendete Technologie, wenn auch noch nicht in dieser großen Zahl angewendet wie jetzt.

Es handelt sich um einen Vektorimpfstoff, bei dem harmlose Erkältungsviren – in dem Fall ein Adenovirus – benutzt werden, um einen Teil der genetischen Information des Coronavirus in die Zellen des Körpers einzuschleusen, auf dass dagegen Antikörper und T-Zellen gebildet werden. Man müsse nur die zum Teil schon existierende Immunität gegen diese Transportviren austricksen, weil sich die meisten Menschen schon irgendwann mit irgendwelchen Adenovirus-Subtypen angesteckt haben. „Da hatte die Oxford-Idee, ein Schimpansen-Virus zu nehmen, erst mal mehr Charme, aber zwei verschiedene Subtypen für die Erst- und Zweitimpfung, wie bei Sputnik V, scheinen eventuell besser zu funktionieren“, sagt Emanuel Wyler.

Kurz gesagt: Die Russen verstehen ihr Handwerk. Nur zur Erinnerung: Der Russe Anatoli Smorodinzew produzierte 1936 den ersten Lebendgrippeimpfstoff der Welt. Am Moskauer Gamaleja-Institut wurden bereits Impfstoffe gegen Ebola und Mers entwickelt. Das Problem für viele deutsche Wissenschaftler war nicht, dass sie das bezweifelten. Sondern, dass konkrete Informationen zur Bewertung der Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs nur spärlich und spät zur Verfügung standen. Daraus erklärt sich die Zurückhaltung auch bei seriösen Forschern.

Russland wählte nämlich ein Vorgehen, das so manchem heute unerklärlich scheint. Es verkündete die Zulassung des Impfstoffs Sputnik V im August 2020, bevor überhaupt ausreichend Tests dazu stattgefunden hatten. Im Grunde gab es bis dahin nur einige unveröffentlichte Daten aus zwei Testphasen mit 76 Probanden. Die notwendigen Tests der sogenannten Phase 3 mit Zehntausenden Probanden liefen gerade an. Doch erst mit diesen lassen sich in größerem Umfang feststellen, wie gut der Impfstoff schützt und welche selteneren Nebenwirkungen es gibt.

Ungewöhnliches Vorgehen bei der Zulassung des Impfstoffs

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte: Potenzielle Impfstoffe müssten durch alle Testphasen gehen, bevor sie auf den Markt kämen. Doch da hatte Präsident Putin schon verkündet: „Das russische Vakzin gegen das Coronavirus ist effektiv und bildet eine beständige Immunität.“ Eine seiner Töchter sei bereits geimpft.  Ebenso ließen sich der Moskauer Bürgermeister und der russische Verteidigungsminister impfen, um für die Impfung zu werben. Für Ende des Jahres wurden bereits Massenimpfungen angekündigt.

Hierzulande wäre solch ein Vorgehen nicht möglich gewesen. Den offiziellen Antrag zur Zulassung ihres Impfstoffs konnten Biontech/Pfizer bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zum Beispiel erst stellen, als im Dezember die Ergebnisse der Phase-3-Tests mit 43.500 Probanden im New England Journal of Medicine veröffentlicht worden waren. Und auch da gab es noch eine Reihe von wissenschaftlichen Fragen zur Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs. Für Sputnik V bedeutet das: Erst mit der Veröffentlichung der Zwischenergebnisse der Testphase 3 mit bis dahin etwa 22.000 Probanden am 2. Februar 2021 im Fachblatt Lancet wurde es für die Entwickler überhaupt möglich, einen Antrag auf Zulassung stellen.

Russland muss klar gewesen sein, dass es mit seinem Vorgehen keine Chance auf eine frühe Zulassung auf dem europäischen Markt hatte. Offenbar war das aber auch gar nicht geplant.  Oder, wie es ein deutscher Forscher ausdrückt: „Ich glaube, dass es aus russischer Sicht egal war, was man im Westen über ihr Vakzin denkt, auch wenn es da sicher auch unterschiedliche Ansichten gibt.“

Obwohl man mit den russischen Behörden kooperiere, habe man von der weitreichenden Impfstoffentwicklung zuvor nichts gehört, beklagte zum Beispiel im August Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), das für die wissenschaftliche Prüfung von Impfstoffen in Deutschland zuständig ist. Es sei üblich, dass Impfstoffentwickler über Medien oder durch wissenschaftliche Publikationen schon erste Daten bekanntgeben, sagte er – „das ist hier nicht erfolgt“. 

Aber einen frühen Datenaustausch über eine Entwicklung, mit der die Welt überrascht werden sollte, hatten die Russen wohl nicht im Sinn. Zumal Daten überhaupt ein recht heikles Problem sind. Auch die westlichen Impfstoffentwickler achten sehr darauf, dass ihre Forschungsdaten nicht „in falsche Hände“ geraten. Und in diesem Fall sah Russland offenbar eine besonders ausgeprägte Konkurrenzsituation, neben einer einmaligen Chance.

Um das nachvollziehen zu können, muss man auf die Situation im Frühjahr 2020 zurückblicken. Die Pandemie breitete sich aus. Von Russland hörte man zunächst nicht viel. Doch Statistiken zeigen, dass auch hier im April/Mai die Zahl der Infektionen anstieg. Bis zum September gab es mehr als eine Million offiziell registrierte Infizierte. Die Zahl der Toten wurde Ende Juli offiziell mit 14.000 angegeben. Moskau war besonders stark betroffen. Hier herrschten seit April strenge Ausgangsbeschränkungen. „Aufgrund der raschen weltweiten Ausbreitung der SARS-CoV-2-Infektion und der hohen Sterblichkeitsrate ist die Entwicklung eines Impfstoffs eine dringende Aufgabe“, schrieben die russischen Forscher in ihrer ersten Lancet-Veröffentlichung vom September 2020. Es war also auch eine Notsituation, in der man sehr unkonventionell vorging.

Foto: Imago/Ahmad Halabisaz/Xinhua
Impfung mit Sputnik V in einer Klinik in Teheran, Iran.

Weltweit gab es etwa 170 Impfstoffprojekte. Es war klar: Wer als Erster einen Impfstoff hat, der kann seine Bevölkerung schnell schützen, international an Prestige gewinnen, seinen Einfluss ausbauen und auf ein Milliardengeschäft hoffen. Auch der Westen denkt so. „Wir werden am Westbalkan und in Afrika mitimpfen können“, sagte die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen noch im November in einer Videokonferenz.

Russland jedoch redete nicht viel, sondern machte einfach. Die Impfstoffentwicklung hatte höchste staatliche Priorität. Das Geld floss über den Russischen Fonds für Direktinvestitionen (RDIF), einen 10-Milliarden-Dollar-Staatsfonds. Vorantreiber des Ganzen war der RDIF-Generaldirektor Kirill Dmitrijew. Der 1975 in Kiew geborene  Finanzmanager hatte bereits die Produktion des Corona-Medikament Avifavir gefördert, das in mehr als 15 Länder der Welt exportiert wird. Und er setzte früh auf einen Impfstoff, der auf der bewährten Vektor-Technologie beruht. Entwickelt wurde der Impfstoff am Gamaleja-Forschungsinstitut auf der Grundlage der Erfahrungen, die man bei der Entwicklung von Vakzinen gegen Ebola und Mers sammelte, wie die Forscher im Fachblatt Lancet ausführten.

„Wir werden die Ersten sein“, sagte RDIF-Chef Kirill Dmitriew dem US-Sender CNN. Und der Name Sputnik wurde für den Impfstoff offenbar ganz bewusst gewählt. Die Verkündung sollte für die Welt ein „Sputnik-Moment“ sein, wie Dmitriew es nannte – genau wie 1957, als die Sowjetunion den ersten Satelliten namens Sputnik ins All geschossen hatte.

Im Wettstreit um die Entwicklungsländer hat Russland die Nase mit vorn

Zum Teil war es auch ein solcher Moment. Die Verkündung der ersten staatlichen Zulassung eines Corona-Impfstoffs im August 2020 stieß zumindest schnell auf ein internationales Echo. Und zwar zumeist auf ein interessiertes, aufgeschlossenes. Offenbar gibt es in einem Großteil der Länder der Welt kein grundsätzliches Misstrauen in die russische Forschung. Es seien vorläufige Bestellungen aus mehr als 20 Ländern eingegangen, sagte RDIF-Chef Kirill Dmitrijew damals – für mehr als eine Milliarde Dosen des Impfstoffs. Das Interesse kam vor allem aus Lateinamerika, Nahost und Asien. So registrierte sich Vietnam schon mal für bis zu 150 Millionen Dosen. Auch Israel zeigte Interesse und nahm Kontakt auf. „Wenn wir zu der Überzeugung gelangen, dass es sich um ein ernsthaftes Produkt handelt, werden wir auch versuchen, Verhandlungen aufzunehmen“, sagte der israelische Gesundheitsminister Juli Edelstein. Und er dachte dabei strategisch: „Der Impfstoff wird nicht morgen kommen.“

Im Wettstreit um die Entwicklungsländer hatte Russland nun die Nase mit vorn. Denn diese Länder können sich eine überhebliche Skepsis gegenüber Impfangeboten nicht leisten. Zumal der Impfstoff auch noch relativ preiswert und gut transportierbar sein sollte und Russland auch noch eine Light-Variante von Sputnik V entwickelte, bei der bereits eine einzige Impfung einen guten Schutz bieten soll. Gewiss geht es dabei auch um einen möglichst großen Anteil am Weltmarkt für Impfstoffe. Einem zweistelligen Milliardenmarkt.

Ja, das Vorgehen Russlands entsprach nicht den internationalen Standards für die Zulassung von Impfstoffen. Auch in Russland gab es Kritiker, die bemängelten, dass bereits von Dezember an, vor dem Abschluss der Phase 3, begonnen wurde, die russische Bevölkerung flächendeckend zu impfen – in Kliniken, Kaufhäusern, ja sogar in der Oper. Und es gibt offenbar auch eine recht weit verbreitete Impfskepsis in der Bevölkerung. Im Grunde kann man sagen, dass – um der Beschleunigung willen – Tests und Impfpraxis nebeneinander liefen. Offenbar waren sich die Verantwortlichen angesichts der bewährten Technologie sicher, einen guten und nebenwirkungsarmen Impfstoff zu haben.

Genau dies bestätigen dann auch die am 2. Februar im Fachblatt Lancet veröffentlichten Zwischenergebnisse der Phase 3. Die Meinungen dazu waren recht klar. „Die Entwicklung des Sputnik-V-Impfstoffs wurde wegen der unerhörten Eile, Abkürzungen und mangelnder Transparenz kritisiert“, erklärte der britische Virologe Ian Jones gemeinsam mit einer Kollegin. „Das hier berichtete Ergebnis ist jedoch eindeutig.“ Jetzt könne sich ein weiterer Impfstoff dem Kampf gegen Covid-19 anschließen.

Dennoch suchen immer noch einige Forscher nach dem „Impfstoff-Murks“ und den „plumpen Manipulationen“. Die Zeitschrift Der Spiegel titelte jüngst: „Kritik an russischem Impfstoff“. Berichtet wird über die Suche nach Fehlern, die eine Gruppe um den italienischen Molekularbiologen Enrico Bucci vorantreibt. Dazu gehören Zahlendreher, Ungereimtheiten bei der Anzahl der Probanden, fehlende Rohdaten. Die Forscher formulieren einen „Anlass zur Sorge“. Auch über mögliche Datenfälschung wird spekuliert.

Dazu sagt ein Berliner Forscher: „Die Reports von den Phase-3-Studien von Moderna und Biontech waren vielleicht etwas besser, aber auch kein Glanzstück in Sachen Qualität, auch da fehlten viele Details, aber so ist es eben, wenn es schnell gehen muss. Umso wichtiger ist es auch, genau hinzuschauen, was in Phase 4 geschieht, also in der tatsächlichen Anwendung.“ Und diese läuft bei Sputnik V bereits seit einer ganzen Weile. Eine offene Schlüsselfrage ist noch, wie der Impfstoff gegen neue Virusvarianten wirkt.

In Notzeiten ist ein Zusammengehen besonders wichtig

Wie geht es nun weiter? Für Europa ist der Zug abgefahren, früh mit Sputnik V zu impfen. Aus Russland kam die Nachricht, dass man nicht vor Mai an die EU liefern könne – möglicherweise 100 Millionen Dosen. Als einziges EU-Land hat Ungarn bereits eine Zulassung erteilt. Auch Tschechien bekundete Interesse. Allerdings kann der Weg zurzeit nur über Notzulassungen einzelner Länder laufen. Europaweit gibt es noch keine reguläre Zulassung von Sputnik V. Die zuständige EMA, die die Empfehlung dafür geben muss, erklärte erst am 10. Februar, dass bisher auch noch kein offizieller Zulassungsantrag gestellt worden sei. Und erst dann würde auch das Verfahren beginnen.

Selbstverständlich müssen Impfstoffe sicher sein. Gerade hierzulande gibt es einen besonders kritischen Blick darauf, obwohl erfahrungsgemäß schwere Nebenwirkungen sehr selten sind. Dennoch fragt man sich, was aus dem Ganzen zu lernen ist. Denn die Menschheit wird vielleicht in der Zukunft weitere Notlagen erleben – seien es Pandemien, Klimakatastrophen oder anderes. Da wäre es wichtig, aufeinander zuzugehen und Barrieren abzubauen, einander als Partner zu sehen, nicht als Gegner. Einander als gleichwertig zu akzeptieren und sich nicht moralisch über andere zu erheben.

Trotz politischer Differenzen sei eine Zusammenarbeit bei der Pandemie im humanitären Bereich möglich, sagte Angela Merkel jüngst. Ein gutes Beispiel dafür ist das im Dezember angekündigte Zusammengehen des russischen Gamaleja-Instituts mit dem schwedisch-britischen Pharmakonzern AstraZeneca. Getestet werden soll, ob eine Kombination beider Impfstoffe zu einer besseren Langzeit-Immunität führt. Die russischen Forscher hatten Ende November getwittert: „Sputnik V teilt gerne einen seiner beiden humanen adenoviralen Vektoren mit AstraZeneca, um die Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffs zu erhöhen.“