Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine war ein Schock für viele Deutsche. Weniger überrascht waren hingegen viele Experten, die sich mit der Situation und der Geschichte Russlands beschäftigen. Vor allem die deutsche Diskussion um einen Waffenstillstand und Verhandlungen empfinden Osteuropahistoriker wie Franziska Davies von der Ludwig-Maximilians-Universität München für falsch. Aus der Geschichte kennen sie viele Beispiele, dass eine Besatzung durch Russland nicht gleichzusetzen sei mit Frieden.

Wir sprechen beim Begriff Kolonialismus vor allem über die europäischen Kolonien in Afrika oder Amerika. Gab es auch einen Kolonialismus in Osteuropa?

Ja, das gab es und zwar nicht nur durch das Russische Reich. Die Habsburger Monarchie und Preußen waren etwa an den Teilungen Polens im 18. Jahrhundert beteiligt. Russland war damals schon ein Vielvölkerreich und hat koloniale Politik betrieben. Das ist mit den Überseekolonialreichen der anderen europäischen Großmächte durchaus vergleichbar. Jedoch gibt es einen wichtigen Unterschied. Bei den Engländern zum Beispiel gibt es eine klare Abgrenzung zwischen Nation und Imperium. Zur Nation gehörte ein Engländer, ein Inder aber nicht. Die Russen hingegen sehen Ukrainer aber als Teil der russischen Nation an. Der koloniale Blick unterscheidet sich in dieser Hinsicht von jenem auf Polen oder die Bevölkerung Zentralasiens, die galten nicht als integraler Bestandteil der russischen Nation.

Die russische Propaganda stellt die Gebiete der Südukraine, zu denen auch die Krim gehört, als so etwas wie urrussische Erde dar. Stimmt das denn?

Odessa oder die Krim als russisch zu bezeichnen, geht völlig an der Realität vorbei. Einst war die Ukraine multiethnisch und sehr heterogen. Das wurde allerdings durch den deutschen Vernichtungskrieg, der zu großen Teilen in der Ukraine stattfand, geändert.

In der russischen Erzählung spielt ja besonders die Krim eine Rolle und wird als quasi urrussisch dargestellt. Was hat es damit auf sich?

Die Halbinsel war bei der ersten russischen Annexion 1783 ein multireligiöses und multiethnisches Gebiet und blieb dies bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Bis 1783 war das dort herrschende Krimkhanat offiziell selbstständig, aber de facto ein Vasall des Osmanischen Reiches. Der Mythos der Krim, die unter Katharina II. von Russland erobert wurde, als russisches Gebiet hat seinen Ursprung im Krimkrieg 1853 bis 1856, in dem die zarische Armee lange der Belagerung von Sewastopol standhielt. Dieser Mythos verfestigte sich im Zweiten Weltkrieg, als Sewastopol wieder zur Heldenstadt in der Verteidigung gegen die deutsche Wehrmacht wurde.

Imago/Sergei Malgavko
Auf der Krim leben heute wieder Krimtataren. 1944 ließ Stalin die Krimtataren von der Halbinsel deportieren. Dieses Denkmal in der Nähe von Bachtschyssaraj erinnert daran.

Auf der Krim lebt ja immer noch die Minderheit der Krimtataren. Welche Rolle spielen sie in der Geschichte der Halbinsel?

Vor allem ab dem Krimkrieg wurden die hier angestammten Krimtataren immer weiter marginalisiert und aus wichtigen Posten verdrängt. Ihnen wurde im Verlauf der Geschichte immer wieder Illoyalität vorgeworfen. Deshalb strebten nach den Revolutionen von 1917 die wenigsten eine Union mit Russland an. Sie kamen dann aber zur Sowjetunion. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs beschuldigte Stalin die Krimtataren, mit Nazideutschland kollaboriert zu haben, und ließ das ganze Volk nach Zentralasien deportieren. Viele Krimtataren starben. Erst dann wurden Russen und Ukrainer dort dominant. Die Krimtataren durften offiziell erst kurz vor dem Ende der Sowjetunion zurückkehren. Diese Erfahrung hat sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt.

In der russischen Propaganda wird ja immer vom Brudervolk der Ukrainer gesprochen beziehungsweise, dass man eigentlich eins sei. Sind Russen gegenüber Ukrainern schon immer rassistisch gewesen?

Als die ukrainische Nationalbewegung entstand, wurde sie von der russischen Intelligenzija durchaus begrüßt. Der ukrainische Nationaldichter Taras Schewtschenko wurde von russischen Intellektuellen aus der Leibeigenschaft freigekauft. Umso stärker aber die ukrainische Nationalbewegung wurde, umso mehr fühlte sich Russland als Imperium angegriffen. Irgendwann hieß es dann, die ukrainische Sprache und Kultur gibt es nicht. Sie wurde im Zarenreich verboten und bekämpft. Russische Nationalisten und auch der Staat empfanden die Idee der Ukraine als eigenständiges Volk als Angriff auf die eigene Nation.

Die Sowjetunion stellte sich hingegen immer als das Anti-Imperium dar. Wurde die ukrainische Kultur denn in der Sowjetunion geachtet?

Zu Beginn gab es sogar eine kurze Phase der Ukrainisierung. Die Sowjetunion erkannte die ukrainische Nationalbewegung an, weil man sie nach dem Ersten Weltkrieg auch gar nicht mehr ignorieren konnte. In der Ukrainischen Sowjetrepublik mit der Hauptstadt Charkiw gab es eine starke Förderung der ukrainischen Kultur, überhaupt wurden in diesem Zeitraum die nationalen Sprachen der Sowjetunion gefördert. Die Formel Lenins war „national in der Form, sozialistisch im Inhalt“. Das änderte sich aber nach einem knappen Jahrzehnt.

Sie meinen den Holodomor?

Nicht nur. Es gab eine Russifizierungspolitik unter Stalin. Es setzte ein Massenterror ein, der sich gegen die nationalen Eliten nicht nur, aber besonders in der Ukraine richtete – auch das ein Phänomen in der gesamten Sowjetunion. In den 1930er-Jahren wurden Russen wie Nichtrussen massenhaft Opfer dieses Terrors, in den nicht russischen Regionen aber erhielt er eine antinationale Stoßrichtung. In der Ukraine und auch in Kasachstan ging es schon zu Beginn der 1930er-Jahre los. Die Mitglieder der ukrainischen Intelligenz wurden als Nationalisten gebrandmarkt, auf Listen gesetzt und erschossen. Der Holodomor, also die künstliche Hungersnot in der Ukraine, war ein Teil davon. Allein dadurch starben fast vier Millionen Ukrainer.

Stichwort Listen: Es gab schon vor der großflächigen Invasion Russlands in der Ukraine Presseberichte, dass Russland Listen mit Zielpersonen angelegt hat, die in den nach einer Invasion besetzten Gebieten dann festgenommen oder gar ermordet werden sollten. Halten Sie das aus historischer Perspektive für glaubwürdig?

Absolut. Dafür gibt es aus Sowjetzeiten ein Muster. In der ganzen Sowjetunion hat man die nationalen Eliten verschleppt, um einem nationalen Widerstand das Rückgrat zu brechen und Unterwerfung zu erzwingen. Das wurde auch bei den Polen so gemacht, Stichwort: Massaker von Katyn. Genau dieses Vorgehen sah man nun auch seit 2014 auf der Krim und im Donbass. Nehmen Sie das Beispiel Oleg Sentsow, der festgenommen und in einem Schauprozess verurteilt wurde und dann mehrere Jahre in einem Straflager in Sibirien verbrachte, bis er 2019 von der ukrainischen Regierung freigetauscht wurde. Krimtatarische Aktivisten wurden verhaftet, sind verschwunden oder wurden ermordet aufgefunden. In den seit Februar besetzten Gebieten verschwinden ukrainische Politiker. Das Bildungssystem wird russifiziert und staatliche Symbole der Ukraine werden durch russische und sowjetische ersetzt.

AP/Natacha Pisarenko
Friedhof mit Gräbern der während der russischen Besatzung ermordeten Einwohner von Butscha

Stattdessen haben deutsche Intellektuelle sich in einem offenen Brief gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen. Sie fordern einen Waffenstillstand und Verhandlungen. Gibt es dafür geschichtliche Parallelen, dass das erfolgreich sein kann?

Wenn wir mal in die Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgehen, als die Sowjetunion die Westukraine gewaltsam in die Sowjetunion integrierte, war die Gewalt nicht vorbei. Sie war mitunter sogar brachialer. Die Polen wurden deportiert. Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), die sich im Zweiten Weltkrieg auch an der Ermordung der Juden beteiligt hatte und in Wolhynien für die Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung verantwortlich war, kämpfte in einem Partisanenkrieg weiter gegen die Sowjetisierung der Ukraine. Es kam daraufhin zu Vergeltungsaktionen, bei denen ganze Dörfer nach Sibirien deportiert wurden. Viele Menschen wurden von den Sowjets erschossen. Mit der Besatzung hört die Gewalt, das Sterben nicht auf. Die deutsche Besatzung Polens und der Ukraine zum Beispiel hat auch viel mehr Opfer gefordert als der eigentliche Krieg.

Warum tut sich Deutschland dann so schwer, die Verantwortung gegenüber der Ukraine, aber auch anderen Ländern zwischen Deutschland und Russland wahrzunehmen?

Das hat auch mit der deutschen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu tun. Sie steht im Widerspruch dazu, dass man die Vergangenheit so toll aufgearbeitet hat, wie man denkt. Wenn Sie sich den sogenannten Russlandfeldzug anschauen, dann fand er nicht nur in Westrussland statt, sondern größtenteils auf dem Territorium von Belarus und der Ukraine. Dort gab es den „Holocaust mit Kugeln“ an der jüdischen Bevölkerung. Diese Massenerschießungen spielen in der deutschen Erinnerungskultur eine viel kleinere Rolle als das Symbol Auschwitz.

Und auch gegen die nicht jüdischen Bewohner der Region richtete man eine Kolonial- und Ausbeutungspolitik. Aberhunderte Dörfer wurden in der Ukraine und in Belarus vernichtet, Millionen Zwangsarbeiter wurden von dort verschleppt und ins Deutsche Reich gebracht. Aber noch wichtiger ist vielleicht, dass in Deutschland die Erfahrung des erfolgreichen Kampfes gegen einen Gegner fehlt, der einen vernichten will. Die gibt es aber in den osteuropäischen Ländern sehr wohl. Offenbar erschwert das für viele die Empathie.

Einige große Schlachten, wie die um Stalingrad, haben jedoch in Russland stattgefunden.

Das ist richtig. Aber dieser Ort wird von Russland russifiziert. Stalingrad wurde von einer multiethnischen Armee verteidigt. In der russischen Erinnerung kommen diese Völker aber kaum vor.

dpa
Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau.

Trotz dieses Krieges und der damit verbundenen radikalen Zäsur in der europäischen Politik hält vor allem die SPD bis heute an der Ostpolitik fest. Hat sich die Ostpolitik überholt?

Ein großes Problem ist, dass Russland im Fokus der Aussöhnung stand, die Ukraine und Belarus wurden viel weniger wahrgenommen. Zudem ist die Ostpolitik Willy Brandts unter völlig anderen Umständen entstanden. Damals gab es noch eine bipolare Welt mit Moskau als eines der beiden Machtzentren. Dennoch war Brandt hier viel schlauer, schließlich hat er in Warschau gekniet und nicht in Moskau. Das Problem ist, dass die Ostpolitik der letzte große Erfolg dieser Partei ist. Daran will man dort nicht rütteln. Man muss sich aber auch gar nicht von Brandt verabschieden, sondern einfach nur verstehen, dass die 70er-Jahre eine andere Zeit waren als die 90er und die 2000er. Sonst entlarvt sich das Gerede von „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ als Floskel, wenn man ihm nicht entgegentritt, bloß weil er in einem russischen Gewand daherkommt.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!