Der russische Berater bei der russischen Vertretung am UN-Sitz in Genf, Boris Bondarev, ist von seinem Posten zurückgetreten. „Noch nie habe ich mich so für mein Land geschämt wie am 24. Februar diesen Jahres“, schrieb der Diplomat in einer Mitteilung, die vom Rechtsanwalt Hillel Neuer von UN Watch verbreitet wurde.

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Boris Bondarev

Bondarev (41) gibt darin an, schon viele Wendungen der russischen Außenpolitik miterlebt zu haben, aber der aggressive Krieg Putins gegen die Ukraine und „sogar gegen die gesamte westliche Welt“ sei ein Verbrechen gegen das ukrainische Volk und auch ein „schweres Verbrechen gegen die Menschen in Russland“.

Bondarev teilte die Erklärung auch auf seinem LinkedIn-Profil und auf Facebook. Die Profile konnten zwar noch nicht unabhängig verifiziert werden, erscheinen jedoch glaubwürdig. So heißt es dort, dass Bondarev am Moskauer Institut für Internationale Beziehungen studiert habe. Das auch im Russischen kurz MGIMO genannte Institut ist die russische Kaderschmiede für den diplomatischen Dienst. Er arbeite zudem seit 2002 im diplomatischen Dienst. Auch auf der Mitarbeiterliste der diplomatischen Mission Russlands auf der Webseite der Uno in Genf wird er aufgeführt. Mittlerweile bestätigte er den Rücktritt auch der Nachrichtenagentur AP per Telefon.

Heftige Kritik an Wladimir Putin und Außenminister Sergej Lawrow

In der Erklärung übt der Diplomat heftige Kritik an der politischen Führung Russlands. „Diejenigen, die diesen Krieg verursacht haben, wollen nur eines – für immer an der Macht bleiben, in pompösen, geschmacklosen Palästen leben, auf Yachten segeln, die in Tonnage und Kosten mit der gesamten russischen Marine vergleichbar sind, unbegrenzte Macht und völlige Straflosigkeit genießen“, so Bondarev. „Um das zu erreichen, sind sie bereit, so viele Leben wie nötig zu opfern. Allein dafür sind bereits Tausende Russen und Ukrainer gestorben.“

Das Niveau der Arbeit im russischen Außenministerium sei in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken und Erklärungen von dort entsprächen mittlerweile Klischees sowjetischer Zeitungen aus den 1930er-Jahren. Auch der russische Außenminister Sergej Lawrow bekommt in der Erklärung heftige Kritik ab. Er sei ein gutes Beispiel für den Verfall dieses Systems. „In 18 Jahren hat er sich von einem professionellen und gebildeten Intellektuellen, den viele meiner Kollegen so sehr schätzten, zu einer Person entwickelt, die ständig widersprüchliche Aussagen verbreitet und die Welt (also auch Russland) mit Atomwaffen bedroht!“

Ischinger will Bondarev auf Weltwirtschaftsforum in Davos reden lassen

Kurz nach Bekanntwerden der Kündigung wurden bereits die ersten Forderungen nach Asyl für den russischen Diplomaten laut. Der frühere Chef der Münchner Sicherheitskonferenz und Ex-Diplomat Wolfgang Ischinger schlug zudem vor, Boris Bondarev auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos sprechen zu lassen.