Das Telefonat zwischen US-Präsident Joe Biden und Russlands Präsident Wladimir Putin am Donnerstag verlief nach übereinstimmenden Angaben des Weißen Hauses und des Kreml „ernst und substantiell“, wie dies ein Offizieller des Weißen Hauses in einem Hintergrundgespräch mit Pressevertretern nach dem Treffen formulierte. Die Gespräche seien „offen, geschäftsmäßig und für beide Seiten nützlich“ verlaufen, sagte ein Kreml-Sprecher laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass. Zu den konkreten Gesprächsinhalten hüllten sich beide Seiten in Stillschweigen. Auch in den vergangenen Tagen beschränkten sich Sprecher der beiden Regierungen auf die Bekanntgabe des Fahrplans von diplomatischen Bemühungen: So sollen im Januar russisch-amerikanische Konsultationen, ein Treffen der Nato und Russlands sowie ein OSZE-Treffen abgehalten werden.

Einziges Detail, welches von russischer Seite lanciert wurde, ist der spezielle Status des Donbass. Der stellvertretende russische Außenminister Andrey Rudenko sagte laut Tass, US-Präsident Joe Biden habe anerkannt, dass der Donbass einen „besonderen Status“ bekommen solle. Es müssten in jedem Fall die Vereinbarungen von Minsk erfüllt werden, so Rudenko. Im US-Briefing mit den Reportern war davon allerdings nicht die Rede. Allerdings haben beide den Magazinen der US-Dienste in den vergangenen Tagen vergleichsweise verständnisvoll ausgeführt, dass es Russland in der Ukraine nicht um neue Gebietsgewinne gehe, sondern um das Fernhalten der Nato. Putin plane keine weitere „Annexion“, schreibt Foreign Affairs. Foreign Policy wiederum gab dem russischen Botschafter in Washington, Anatoly Antonow, Raum für einen Gastbeitrag, in dem dieser schrieb, die Entwicklung in der Ukraine werde davon abhängen, wie dialogbereit der Westen sei. Und selbst die dpa wählt ungewöhnliche Worte und schrieb, Putin habe „bei den USA und bei der Nato für eine Entspannungspolitik geworben“.

Der russisch-amerikanische Dialog-Versuch muss in einem größeren Kontext gesehen werden. Dies zeigt die Nachbereitung des Telefonats aus Moskauer Sicht: Putin sprach am Sonntag mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan über die Lage in der Ukraine und sein Gespräch mit Biden. Die Türkei hat als Nato-Land in der Vermittlung zu Russland eine besondere Rolle übernommen, wie mehrere türkische Geopolitik-Analysten in der regierungsnahen türkischen Zeitung Sabah erläutern. Die Türkei verstehe, dass Russland die Problematik des Donbass als eine innere Angelegenheit der Ukraine ansehe, während Moskau im Fall der Einverleibung der Krim keinerlei Verhandlungsspielraum habe. Die Türkei hatte als Nato-Staat stets offensiv der westlichen Sicht zugestimmt, dass es sich im Fall der Krim um eine Annexion handle. Die Analysten in der Sabah lassen es offen, ob ein Deal dahingehend gefunden werden könne, dass Russland die Krim behält, der Donbass dagegen unter Gewährung eines Autonomiestatuts Teil der Ukraine bleibt. Die US-Seite ließ nach dem Telefonat der Staatspräsidenten wissen, dass jede Lösung mit den Betroffenen, also auch der Ukraine, abgestimmt werden müsse. Kiew hat einen Verzicht auf die Krim bisher kategorisch ausgeschlossen.

Die Ukraine hat in der Türkei allerdings einen kompetenten Fürsprecher, weil die Türkei stets auf die Lage der Krim-Tartaren hinweist, einer muslimischen Gruppe, für die Ankara eine Art Schutzmachtrolle beansprucht. Zugleich spielt die Türkei militärisch eine wichtige Rolle: Die türkische Stärke ist vor allem auf die Drohnen zurückzuführen, mit denen Ankara Moskau bereits in einigen anderen regionalen Konflikten zum Rückzug gezwungen hatte: Sowohl in Libyen als auch in Syrien konnten die Russen türkischen Drohnenangriffen nichts entgegensetzen. Vor allem in Idlib gelang es der türkischen Armee mit Drohnen, die Russen in die Defensive zu zwingen. Dieser Erfolg ist besonders bemerkenswert, weil die Russen in Syrien eigentlich die Lufthoheit haben und diese ihnen auch vom US-Militär zugestanden wurde: CENTCOM hatte im Syrien-Krieg den Russen ausdrücklich erlaubt, ungestört zu operieren. Auch mit Israel hatte Russland einen Modus der Kooperation gefunden: Jerusalem hat auf den Export von Drohnen in die Ukraine verzichtet, und darf dafür mit russischer Duldung Luftschläge in Syrien fliegen. Die Türkei dagegen hatte zuletzt im neuen Konflikt um Bergkarabach gezeigt, dass man mit Drohnen überraschend schnell Kriege gewinnen kann – auch gegen hochgerüstete Gegner.

Daher empfiehlt das Atlantic Council, wo man lange gegen den türkischen Präsidenten Erdogan und seine regionalen Ambitionen stand, nun, sich der diplomatischen Dienste Ankaras zu versichern. So schreiben die Analysten des Atlantic Council ein einem Blogbeitrag im Hinblick auf die Rolle der Türkei im Ukraine-Konflikt: „Was auch immer die Überlegungen des Kremls sein mögen: Die Vereinigten Staaten und die NATO wären gut beraten, die Ressourcen des zweitgrößten Militärs des Bündnisses zu nutzen – insbesondere die diplomatische Weisheit, die sie aus der Bewältigung jahrhundertelanger Konflikte und der Zusammenarbeit mit Russland gewonnen haben.“

Russland hat die Amerikaner nämlich erst im November mit dem Abschuss eines Satelliten schockiert: Diese militärische Fähigkeit haben weder die USA noch die Nato, und Briten und Amerikaner zeigten sich empört nach dem russischen Überraschungscoup. Diese russische Fähigkeit grenzt die amerikanischen Möglichkeiten von satellitengesteuerten Waffensystemen deutlich ein. Moskau wird sich diesen Trumpf auch in den Gesprächen über die Ukraine nicht nehmen lassen. Allerdings zeigt die Entwicklung auch, dass die Auseinandersetzung längst auf militärischer Ebene angekommen ist. Deutschland spielt in dem neuen Poker aktuell keine Rolle und muss hoffen, von den transatlantischen Bündnispartnern zumindest zeitnah über die nächsten Schritte informiert zu werden.

Die Entwicklung lässt erkennen, dass sich die geopolitischen Kräfte verschieben und auch regionale Mächte eine Rolle spielen können. Dies zeigt sich auch in Afghanistan, wo die Türkei gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAR) und Katar den Betrieb des Flughafens übernehmen wollen. Wo sich zunächst die Sowjets und dann die Nato die Zähne ausbissen, kommen nun kleinere Player zum Zug - die auch im ganz großen Machtpoker mit China eine Rolle spielen: So haben die VAR gerade das Ansinnen der US-Regierung zurückgewiesen, Huawei aus dem Land zu werfen. Die Emirate nehmen dafür in Kauf, wie auch die Türkei vom F-35-Programm der Amerikaner ausgeschlossen zu werden. Sie haben kein Problem, sich zu emanzipieren, weil sie seit langer Zeit in aller Stille beste Geschäftsbeziehungen zu Peking aufgebaut haben. Genau eine solche Anbindung Russlands an China will Joe Biden verhindern - weshalb es im Poker um die Ukraine um mehr geht als nur um eine regionalpolitische Frontbegradigung.