Anatoliy Kirillov, ein gebildeter Moskauer Bürger in den Mittvierzigern, hat gesagt, er unterstütze Wladimir Putin und die „Sonderoperation in der Ukraine“. Anatoliys Tante, die in der Ukraine lebt, hat sich große Mühe gegeben, ihrem Neffen die Realität der von der russischen Armee verübten Gräueltaten und das Leben der russischen Propaganda zu erklären und zu zeigen. Doch selbst die Worte seiner eigenen Tante können Anatoliys Loyalität zu Putin nicht erschüttern.

Anatoliy gehört zu den 71 Prozent Russen, die den Krieg gegen die Ukraine mit „Stolz, Respekt, Hoffnung“ und sogar „Freude“ begrüßen. Umfragen zeigen, dass die Unterstützung für Wladimir Putin unter den Russen nach der Invasion zugenommen hat. Millionen russischer Bürger sind damit einverstanden, dass ihre Soldaten die „Entnazifizierung“ der Ukraine (was auch immer das heißen mag) durchführen, selbst wenn dies bedeutet, dass ukrainische Krankenhäuser, Entbindungsheime und Wohngebiete beschossen werden.

Tausende russische Soldaten befolgen Befehle

Das Problem mit der „Entnazifizierung der Ukraine“ ist, dass die Ukraine kein nationalistischer Staat ist. Viele Ukrainer sprechen Russisch und der Präsident ist ein Jude. Der ukrainische „Nationalismus“ bedeutet nur, dass die Ukrainer lieber ihre eigene Politik machen, als den russischen Interessen zu folgen. Und dennoch ist die Mehrheit der Russen der Meinung, dass dies ein ausreichender Grund ist, um einen Krieg zu führen.

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Mariana Vishegirskaya steht vor einem durch Beschuss beschädigten Entbindungskrankenhaus. Vishegirskaya überlebte den Beschuss und brachte später in einem anderen Krankenhaus in Mariupol ein Mädchen zur Welt. Die Bilder von der zerstörten Klinik gingen um die Welt.

Es ist also nicht „nur Putin“, wie der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz es gerne sieht, der das Problem darstellt. Putin mag die verbrecherischen Befehle geben, aber Tausende russische Soldaten befolgen sie bereitwillig, töten Zivilisten und schießen auf Evakuierungsbusse, während andere Russen diese Aktionen für angemessen halten. Wie kommt es, dass sich Russland in einen faschistischen Staat verwandeln konnte, so wie Deutschland in den 1930er-Jahren?

Die USA unterstützten die Demokratien weltweit

Es gibt keinen stichhaltigen Beweis dafür, dass Winston Churchill wirklich gesagt hat, dass „die Faschisten der Zukunft sich als Antifaschisten bezeichnen werden“. Trotzdem hatte der Satz seine Berechtigung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg unternahm der Westen viele Anstrengungen, um Tragödien wie den Faschismus in Zukunft zu verhindern. Frankreich und Deutschland, die lange Zeit verfeindet waren, überwanden die Kontroversen ihrer Vergangenheit und gründeten eine Partnerschaft, aus der Jahrzehnte später die Europäische Union hervorging.

Die USA unterstützten die Demokratien weltweit. Trotz einiger Niederlagen scheint die Welt im 21. Jahrhundert ein besserer Ort zum Leben zu sein als je zuvor. Die meisten Länder setzten sich mit den Gründen für die Weltkriege auseinander. Diejenigen, die sie begonnen hatten, übernahmen Verantwortung. Und alle Parteien nahmen die Worte „Nie wieder“ als Gedenken an die unzähligen Opfer auf die Agenda.

In Russland fanden jedoch andere Prozesse statt. Die Russen feierten ihren eigenen „Tag des Sieges“ am 9. Mai, unabhängig vom Westen. Sie lehnten auch das Credo „Nie wieder“ ab und stellten stattdessen „Bereit zur Wiederholung“ auf. Sie benutzten nie den Begriff „Zweiter Weltkrieg“, sondern zogen den Begriff „Großer Vaterländischer Krieg“ vor.

Die Russen gedenken nicht der Opfer des Krieges

Seit Anfang des aktuellen Jahrhunderts, nachdem Wladimir Putin Präsident wurde, ist diese Tendenz der Russen immer aggressiver geworden. Jedes Jahr am 9. Mai füllen sich die Straßen der russischen Städte mit Autos mit „Nach Berlin“-Aufklebern und mit Kinderwagen, die als Panzer oder Feldlazarette dekoriert sind. Die Kinder verkleiden sich sogar als Soldaten und Krankenschwestern der Roten Armee. Es scheint so zu sein, dass die Russen nicht der Opfer gedenken. Stattdessen bereiten sie Generationen auf die „Wiederholung“ eines Krieges vor.

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Historischen Uniformen bei einer Militärparade: In Russland wurde eine eigene Interpretation des Zweiten Weltkrieges geschaffen.

Russland schuf seine eigene Interpretation dieser Ereignisse, seine eigene Mythologie. Nach ihrer Logik begann der „wahre Krieg“ 1941, nachdem Deutschland die Sowjetunion am 22. Juni heimtückisch angegriffen hatte. Die Sowjetunion hat in diesem Krieg die größten Entbehrungen auf sich genommen und den höchsten Preis bezahlt, was Russland heute das außerordentliche Recht gibt, sich als den einzigen „echten“ Sieger zu betrachten.

Faschismus und der sowjetische Kommunismus zwei Seiten einer Medaille

Beim Aufbau dieser Mythologie vergaß Russland die Tatsache, dass seit 1939, nachdem der Molotow-Ribbentrop-Pakt unterzeichnet wurde und die Sowjets das Nachbarland Polen mit Deutschland geteilt hatten, Russland zu einem Verbündeten Nazideutschlands wurde. Das Abkommen ermöglichte es Hitler, im Vertrauen auf die Sicherheit seiner Ostflanke den Krieg gegen Großbritannien zu führen.

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Der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow bei der Ratifizierung des deutsch-russischen Nichtangriffspakts. Hinter ihm, Joachim von Ribbentrop und Josef Stalin, 1939.

Niemand hat das moderne Russland daran erinnert, dass der deutsche Faschismus und der sowjetische Kommunismus eigentlich zwei Seiten derselben totalitären Medaille sind. Der Kult um Stalin ist so populär wie nie zuvor. Er wurde und wird heute als „harter“, strenger, aber gerechter Führer dargestellt, dessen „weise Führung“ die UdSSR zum Sieg führte.

Russland inszeniert sich als Schutzschild vor der westlichen Welt

Dieser ideologische Hintergrund wurde durch die politischen Prozesse in Russland noch verstärkt: der Aufstieg der Autokratie, die strenge Zensur und die Ablehnung der Demokratie, die als „westliches Gift“ betrachtet wird. In den letzten zehn Jahren hat sich diese außergewöhnliche Darstellung Russlands als Schutzschild, das Europa (und die Welt) vor den Nazis bewahrt hat, durchgesetzt. Jeder, der diese Darstellung infrage stellt, wird als „Verräter“ abgestempelt. Der einzige Schritt, der noch übrig blieb, um diese Ansicht zu zementieren, war, diejenigen, die den russischen Mythos nicht teilen, als die neuen Nazis zu bezeichnen.

Russian Archive
Wladimir Putin in einer KGB-Uniform, 1980.

Zu Beginn der 2000er-Jahre fühlte sich Europa sicher. Es gab keine sowjetische Bedrohung mehr und die führenden europäischen Länder waren der Meinung, dass sie in Bezug auf Sicherheit und Verteidigung keine engen Beziehungen zu den USA benötigen würden. In Russland begann der ehemalige KGB-Offizier Wladimir Putin, seine Macht auszubauen, doch viele europäische Politiker hielten ihn für vernünftig und verhandlungsfähig.

Gleichzeitig wuchs in Russland auch die Unzufriedenheit

Europa war von den russischen Energiequellen abhängig und zog es vor, die Augen vor der Autokratie zu verschließen, die sich im Kreml allmählich durchsetzte. Öl- und Gasgelder stabilisierten das russische Regime und brachten einen Lebensstandard, den die Russen nie zuvor gesehen hatten. Nach der Verwundbarkeit der 1990er-Jahre gab es enorme Fortschritte, die die meisten Russen der Herrschaft von Wladimir Putin zuschrieben. Liberale Reformen stießen auf Korruption, und für Millionen von Menschen erschien Putins harter Griff besser als die schwer fassbare Demokratie.

Gleichzeitig wuchs auch die Unzufriedenheit. Wladimir Putin war eindeutig frustriert über seine Rolle als Führer eines Landes, das zwar groß und wichtig war, aber nicht mehr zu den Supermächten der Welt gehörte. Er dachte an seine „großen Vorgänger“, insbesondere an Stalin, der die Grenzen des Sowjetreichs bis nach Berlin verschoben hatte.

Wladimir Putin träumt von einem neuen Reich in Russland

Im Jahr 2005 sagte Putin offen, dass der Zusammenbruch der UdSSR die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts sei. Russland begann von der Wiederherstellung seines „gestohlenen Reiches“ zu träumen und schuf das ideologische Konzept einer „Russischen Welt“ – eine seltsame Mischung aus orthodoxem Exzeptionalismus und Absolutismus, die Russland als „belagerte Festung“ darstellte, die die im Westen vernachlässigten Ideale des wahren Christentums bewahrt.

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Wladimir Putin während der Militärparade zum Tag des Sieges auf dem Roten Platz.

Die russische Welt proklamierte sich selbst als Hüterin wahrer Werte, die sich gegen die westliche Promiskuität mit ihren „exzessiven“ Menschenrechts-, Feminismus- und LGBTQ+-Bewegungen wandte. Die heikle Frage lautete: „Wo sind die Grenzen der Russischen Welt?“ – „Wo sehen wir die Notwendigkeit, die große russische Kultur zu schützen?“, fragten russische Beamte. Wladimir Schirinowski, ein russischer Politiker, der die Rolle des Jokers im Kartenspiel des Kremls spielte, war in der Lage, Dinge zu sagen, die offiziell nicht gesagt werden konnten – und gab eine Antwort: „Überall dort, wo ein russischer Soldat seine Stiefel waschen kann.“

Im Jahr 2008 griff Russland das Land Georgien an

Im Jahr 2007 wandte sich Wladimir Putin auf der Sicherheitskonferenz in Deutschland mit seiner berühmten „Münchner Rede“ an den Westen, in der er die USA und die Nato beschuldigte, eine einpolige Welt schaffen zu wollen. In Wirklichkeit handelte es sich um die Ausrufung eines neuen Kalten Krieges. Die russische Welt, vollgepumpt mit westlichen Öl- und Gasgeldern, war bereit, sich auszubreiten.

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Krieg in Georgien 2008: Russische Truppen auf dem Weg nach Zchinwali.

Im Jahr 2008 griff Russland Georgien an, die Republik im Kaukasus, in der nur fünf Jahre zuvor eine Revolution stattgefunden hatte, die Micheil Saakaschwili, einen jungen liberalen Politiker und Absolvent der Columbia Law School, zum Präsidenten machte. Seit seiner Machtübernahme im Jahr 2003 hatte sein Land enorme wirtschaftliche und demokratische Fortschritte gemacht, was Wladimir Putin äußerst irritierte. Russische Luftstreitkräfte und Raketen schlugen den tapferen georgischen Widerstand am Boden schnell nieder, und das kleine Land war gezwungen, im Rahmen des Waffenstillstands einen Teil seines Gebiets in Südossetien aufzugeben.

Wladimir Putin beschuldigte den Westen

Dies hätte ein klares Signal an den Westen sein müssen, dass in der westlichen Politik gegenüber dem russischen Regime etwas schiefgelaufen ist. Aber das Geld roch gut, Georgien schien nicht wichtig zu sein und Nord Stream 1, eine neue Gaspipeline von Russland nach Deutschland, nahm 2011 ihre Arbeit auf.

Es gab ein nächstes Ziel, die Ukraine. Doch die Übernahme der Ukraine mithilfe des prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch scheiterte: Er floh aus dem Land nach der „Revolution der Würde“, einem viermonatigen Bürgerprotest gegen seine Herrschaft und seine Entscheidung, das Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU zu kündigen, das viele Ukrainer als wesentlich für die Zukunft des Landes betrachteten.

Wladimir Putin beschuldigte den Westen und insbesondere die USA, die „Revolution der Würde“ zu unterstützen. Für ihn war es unvorstellbar, dass das Volk eines Landes eine eigene Meinung und eine eigene Stimme haben könnte. Wenige Tage nach der Flucht von Viktor Janukowitsch im Februar 2014 marschierte Putin auf der Krim ein und begann eine Militäroperation im Donbass, der Ostukraine. Das war der Prolog für das Jahr 2022.

Die Russen haben Wladimir Putin mächtig gemacht

Die Enzyklopädie Britannica sagt, dass „faschistische Bewegungen sich zwar erheblich voneinander unterschieden, aber viele Merkmale gemeinsam haben, darunter extremer militaristischer Nationalismus, Verachtung für die Demokratie und für politischen und kulturellen Liberalismus“. Der Merriam-Webster fügt hinzu, dass „die Nation und oft auch die Rasse über das Individuum gestellt werden und eine zentralisierte autokratische Regierung mit einem diktatorischen Führer an der Spitze steht, eine strenge wirtschaftliche und soziale Reglementierung ausruft und die gewaltsame Unterdrückung der Opposition in den Vordergrund stellt“.

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Ein Mann nimmt mit seinem Handy ein Selfie auf während im Hintergrund Fahrzeuge des russischen Militärs anfahren.

Die Russen haben zugelassen, dass Wladimir Putin diese Art von Staat aufbaut, weil sie von einem harten Griff des Führers träumen, der ihre Ressentiments sättigen und sich am Westen für den Zusammenbruch der UdSSR rächen würde. Der beweisen wird, dass die Demokratie, in der die Russen keinen Erfolg hatten, eine Schwäche ist. Dass Gewalt ein ausreichender Grund ist, um anderen den eigenen Willen zu diktieren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Wladimir Putin weitergehen und diese nationalen Absichten verwirklichen würde. Er strebt danach, das Territorium der russischen Welt so zu erweitern, wie Hitler den Lebensraum der Deutschen zu vergrößern plante.

Wladimir Putin will ein Landsammler sein

Viele Experten, selbst in der Ukraine, glaubten nicht, dass es im Februar 2022, in den letzten Tagen der militärischen Aufrüstung an den Grenzen des Landes, zu einem Krieg kommen würde. Es schien irrational und nicht profitabel für Putin zu sein. Die Nord Stream 2 war fast fertig und bereit, unter Umgehung der Ukraine Gas von Russland nach Deutschland zu liefern. Die Ukraine selbst war mit einer lang andauernden Anti-Terror-Operation im Donbass beschäftigt.

Die deutschen und französischen politischen Eliten standen Putins Regime weiterhin wohlwollend gegenüber und lieferten trotz Sanktionen und öffentlicher Verurteilung der Aggression militärische Güter an Russland. Jahre sind vergangen, und in den Augen mancher hat sich die Besetzung der Krim fast von einer politischen Frage in ein historisches Ereignis verwandelt. Viele dachten, dass Russland nur ein wenig Zeit bräuchte, um die gleichen Ergebnisse im Donbass zu erzielen. Aber genau wie Hitler konnte Putin nicht warten. Er ist nicht mehr jung, und die biologischen Uhren haben ihn weiter getrieben, als wollte er sein Kapitel in der Geschichte Russlands als „Landsammler“ hinterlassen.

Die Sprache der „Endlösung der Judenfrage“

Rationalität funktioniert bei Putin nicht, weil das gesamte russische Weltkonzept irrational ist. Es beruht auf dem festen Glauben an die „historische Gerechtigkeit Russlands“ und auf der Vorstellung, dass man über das Leben seiner Nachbarn bestimmen und sie unterwerfen kann, wenn einem ihre Entscheidungen nicht gefallen.

Wenige Tage nach der Invasion veröffentlichte RIA Novosti, eine staatliche russische Nachrichtenagentur, die stark zensiert ist und nur den Standpunkt der russischen Behörden wiedergibt, einen Artikel, in dem der Autor Putin eine „historische Entscheidung zur Lösung der ukrainischen Frage“ zuschrieb und dabei die Sprache der „Endlösung der Judenfrage“ – Adolf Hitlers Völkermord an Juden und anderen „Unerwünschten“, der heute als Holocaust bekannt ist – wiederholte.

Die Russen sind seit Beginn der Invasion brutal vorgegangen

Der Artikel verschwand umgehend von der Website. Unterdessen veröffentlichte RIA Novosti später eine weitere Kolumne des russischen Meinungsmachers Timofey Sergeitsev mit der anschaulichen Überschrift „Was Russland mit der Ukraine tun sollte“, in der er schrieb, dass die Ukraine „entukrainisiert“ werden sollte, was auch ihre unvermeidliche Ent-Europäisierung bedeutet. Das ist der Grund, warum die russische Armee so grausam vorgeht. Für Putin und seine 71-prozentigen Anhänger gibt es in ihrer Doktrin keine andere Formel, als die „ukrainische Frage“ endgültig zu lösen und die Ukraine zu entukrainisieren, was bedeutet, so viele Ukrainer wie möglich wegen ihrer Unvereinbarkeit mit der russischen Weltdoktrin zu töten.

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Verletzte ukrainische Frauen in Kiew.

Die Russen sind seit Beginn der Invasion brutal vorgegangen – sie haben humanitäre Konvois beschossen und Städte wie Mariupol, Charkiw und Tschernihiw massiv bombardiert, was zu Toten und Verletzten unter der Zivilbevölkerung führte. Beim Rückzug der Russen aus der Stadt Butscha, einem Vorort von Kiew, wurden unzählige grausame Kriegsverbrechen der Russen bekannt. Russische Soldaten vergewaltigten und töteten Frauen und Mädchen, schossen Männern mit gefesselten Händen in den Hinterkopf, nutzten Keller von Häusern als Folterkammern und dann als Massengräber, ließen Zivilistenleichen auf der Straße liegen – all diese Menschen wurden vergewaltigt und getötet, nur weil sie Ukrainer waren.

Das Gespenst der „Russischen Welt“ könnte immer wieder auftauchen

Das Massaker in Butscha ist vergleichbar mit dem Völkermord in Srebrenica 1995 während des Bosnienkriegs, wo bosnische Männer von der serbischen Armee aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Identität massakriert wurden. Herr Olaf Scholz liegt also falsch. Gewöhnliche russische Soldaten begehen diese Verbrechen. Inzwischen unterstützt die Mehrheit der russischen Bürger die „spezielle Militäroperation“ in der Ukraine und ist stolz auf Putins Entscheidungen.

AP/Emilio Morenatti
Eine Frau steht neben Särgen eines Massengrabes in Butscha.

Das bedeutet, dass sie mit der russischen Weltherrschaft einverstanden sind – sie sind nicht die Opfer des Regimes, sondern seine Komplizen. Russland ist tief in den Faschismus abgerutscht. Wladimir Putin ist ein Kriegsverbrecher. Aber das sind auch die Millionen von Russen, die „Stolz und Freude“ über den Krieg empfinden, die bereit sind, gegen den rechtmäßigen Status der Ukraine zu kämpfen, und die stolz sind auf die Verbrechen in Butscha, Mariupol, Charkiw, Tschernihiw und die Zerstörung Hunderter ukrainischer Städte und Dörfer. Russland muss die maximale Bandbreite an Sanktionen erfahren und eine vollständige Entnazifizierung durchlaufen, so wie es Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg getan hat. Andernfalls wird das Gespenst der „Russischen Welt“ immer wieder auftauchen und Tod und Leid über Millionen bringen.

Dmytro Bushuyev ist ein politischer Analyst und Redenschreiber. Er war Redenschreiber für den Premierminister der Ukraine von 2019 bis 2020.

* Die Meinung des Autors muss nicht derjenigen der Redaktion entsprechen.

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