Die Russen glauben wieder an etwas: Das ist für den Westen gefährlich

Der egozentrischste Präsidentenberater Russlands erläutert in der New York Times die Beweggründe für den Krieg: Cancel Culture gegen freies russisches Denken.

Drill eines russischen U-Boots Ende Juli
Drill eines russischen U-Boots Ende Juliimago

Sergej Karaganow ist wohl mit großem Abstand der egozentrischste und schillerndste außen- und sicherheitspolitische Vordenker Russlands. In den Reihen der russischen Intellektuellen gilt Sergej Karaganow als ein von zahlreichen – wohl nicht selten selbst gestreuten – Gerüchten umspülter, eine Aura des Geheimen ausstrahlender, hochgradig umstrittener Provokateur von bereits zu Lebzeiten legendären Ausmaßen.

Über zwei Jahrzehnte war Karaganow ein einflussreicher Berater der russischen Präsidenten Boris Jelzin und Wladimir Putin, er war Mitbegründer und Ehrenvorsitzender der ältesten russischen NGO Rat für Außen- und Verteidigungspolitik (SVOP) sowie der wichtigen außenpolitischen Zeitschrift Russia in Global Affairs. Sich selbst sieht der wissenschaftliche Direktor der Fakultät für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen an der renommierten russischen Universität Higher School of Economics als den geistigen Vater der Hinwendung Russlands zur asiatisch-pazifischen Region.

In einem aktuellen Interview mit der New York Times legt Karaganow den Schwerpunkt seiner Ausführungen auf die Beweggründe für den russischen Angriff gegen die Ukraine, welchen er als das direkte Ergebnis der schleichenden Beziehungseskalation zwischen der Nato und Russland betrachtet. Weiters analysiert er die potenziellen Folgen des Krieges für Russland, den Westen sowie die gesamte Welt. Die Russische Föderation sei im Krieg mit dem Westen – vor allem den USA – um die Deutungshoheit über die Weltordnung.

Das Interview mit der New York Times kann als eine Fortsetzung seines Gespräches von Anfang April 2022 mit Bruno Macaes, dem ehemaligen Außenminister für Europaangelegenheiten Portugals, Politikberater und Business-Strategen, in der britischen politischen Wochenzeitung New Statesman sowie mit der umstrittenen italienischen geopolitischen Zeitschrift Limes vom Juni 2022 betrachtet werden.

Erodierende Beziehungen und Unausweichlichkeit des Konfliktes

Sergei Karaganow beteuert, die Gefahr des Krieges über viele Jahre vorausgeahnt und davor gewarnt zu haben, und sieht den eigentlichen Auslöser des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine in der seit Jahren andauernden De-facto-Integration Kiews in die Nato-Strukturen. Vor Kriegsbeginn sei die russische Führung von einem baldigen Zusammenbruch des politischen Westens überzeugt gewesen, dies aufgrund wirtschaftlicher Schwächen und des allgemeinen politisch-moralischen Niedergangs. Seit Jahren konnte keines der großen Probleme, ob innerhalb des Westens oder auf globaler Ebene, gelöst werden. Schrittweise manövrierte sich die Welt in eine klassische Vorkriegssituation hinein, so Karaganow.

Aus Russland habe der Westen lange vor dem Krieg ein willkommenes Feindbild gemacht. Im Grunde genommen habe ein neuer Kalter Krieg vor über einem Jahrzehnt und somit bereits vor dem Euromaidan in der Ukraine begonnen. Den Grund dafür sieht Karaganow in der schrittweisen Schwächung der globalen Rolle des Westens. Durch die offene Feindschaft mit Russland versuche die westliche Elite einen verzweifelten Gegenangriff, um die Russische Föderation zu neutralisieren, welche nach Ansicht Karaganows in vielerlei Hinsicht zu einem Dreh- und Angelpunkt der nichtwestlichen Welt im militärischen und politischen Sinne geworden sei.

Die Ukraine habe der Westen zu einer „auf das Herz Russlands“ gerichteten Speerspitze auserkoren. Der Konflikt wurde somit aus der Sicht Moskaus unausweichlich. Aus diesem Grunde habe Moskau die Entscheidung getroffen, zuerst zuzuschlagen – in der Hoffnung, die Konfliktbedingungen diktieren zu können. Die Vorhersehbarkeit bei gleichzeitiger Unvermeidlichkeit der aktuellen Konfrontation bezeichnet Karaganow als sein persönliches Versagen. Schließlich habe er, wie gesagt, seit einem Vierteljahrhundert vor dieser Eskalation gewarnt.

Ein existenzieller Konflikt für die westlichen Eliten ...

Die Reaktionen des Westens seien in Anbetracht zahlreicher Krisen und der verzweifelten Lage der modernen westlichen Führungseliten vorhersehbar gewesen, so Karaganow. Im Ukraine-Krieg geht es nach Ansicht Sergej Karaganows nicht um die Ukraine. Die ukrainische Bevölkerung diene lediglich als Kanonenfutter, um die schwindende Vormachtstellung der westlichen Eliten aufrechtzuerhalten. Denn der Konflikt sei für die zunehmend das Vertrauen der eigenen Völker einbüßenden westlichen Eliten geradezu existenziell. Um die Aufmerksamkeit der Menschen von ungelösten inneren Problemen abzulenken, bedürfe der politische Westen eines konsolidierenden Feindbildes. Russland eigne sich auch aus historischen Gründen hervorragend für die Rolle. Die aktuell herrschende westliche Elite werde aber diesen Konflikt nicht überdauern. Dennoch werden die – meisten (!) – westlichen Staaten, nachdem sie den ihnen in den späten 1980er-Jahren „aufgezwungenen liberalen globalistischen Imperialismus“ abgestreift haben, durchaus wieder gedeihen.

... doch auch Russland kann sich keine Niederlage leisten

Im Gegensatz zum Westen stehe für Russland nicht nur das Wohlergehen der politischen Eliten, sondern das Überleben des Landes selbst auf dem Spiel. Aus diesem Grunde könne sich Moskau keine Niederlage leisten und werde deshalb siegen, zeigt sich Karaganow überzeugt.

Russland auf Distanz zum Westen

In der Entscheidung zugunsten einer vollumfänglichen Invasion der Ukraine und der daraus resultierenden Konsolidierung des Westens inklusive der Erweiterung der Nato um Finnland und Schweden sieht Karaganow weder eine schreckliche Fehlkalkulation des Kreml noch eine bittere historische Ironie. Nur der retrospektive historische Blick werde aufzeigen können, ob Russland die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt getroffen habe. Womöglich hätte die Entscheidung früher kommen müssen und wurde lediglich durch die Pandemie hinausgezögert, so Karaganow.

Nachdem sich das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen seit anderthalb Jahrzehnten verschlechtert habe, sei für Moskau durch den Beziehungszusammenbruch der vergangenen Monate ohnehin „nichts mehr zu verlieren“ gewesen. Vielmehr sollte mit Blick auf den politischen, wirtschaftlichen und moralischen Verfall des Westens jedenfalls für die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte deutlich Distanz gewahrt werden. Nach einem teilweisen Elitenwechsel im Westen dürften sich die Beziehungen normalisieren. Keinesfalls verfolge Russland die selbstmörderische Entscheidung, sich vom Rest der Welt zu isolieren. Denn die Welt sei gerade dabei, sich von der westlichen Hegemonie endgültig zu befreien, und werde größer und freier.

Westliche Hochburg der Cancel Culture

Die internationale Abkehr von Russland wird nach Ansicht Karaganows vom Phänomen der sogenannten Cancel Culture eng begleitet. Die russische Kultur, ja alles Russische, falle im Westen jener verhängnisvollen Bewegung zum Opfer. Letzteres sei jedoch ein grundsätzliches Problem des Westens, welcher auch die eigene Geschichte, die eigene Kultur sowie die christliche Moral und Werte „cancele“. Doch letztlich habe die aggressive westliche Politik auch Vorteile. Diese säubere nämlich die russische Gesellschaft und die Eliten von den „Überresten prowestlicher Elemente“.

Russland als Hort des freien Denkens

Auch wenn die aktuelle Konfrontation mit dem Westen den Raum politischer Freiheit in Russland zunehmend einenge, habe das Land dennoch im direkten Vergleich zu vielen Staaten die Freiheit des Denkens und der intellektuellen Diskussion nach wie vor bewahren können. Jedenfalls seien in der Russischen Föderation Phänomene wie Cancel Culture oder auch die „erdrückende politische Korrektheit“ nicht zu finden. Russland verschließe sich nicht der europäischen Kultur, vielmehr werde man einer der wenigen Orte bleiben, die den Schatz der europäischen, westlichen Kultur und ihrer geistigen Werte bewahren. Auch werde man den mittlerweile politisch unkorrekten Ernest Hemingway nicht verraten, so Karaganow süffisant.

Aufteilung der Ukraine unausweichlich

Als Minimalkriegsziel Russlands bezeichnet Sergej Karaganow die Einnahme des Donbass sowie die Eroberung der gesamten Süd- und Ostukraine. Schließlich gelte es mit großer Wahrscheinlichkeit, das unter der Kontrolle Kiews verbliebene Gebiet politisch zu neutralisieren und vollständig zu entmilitarisieren.

Kampf für eine „gerechte und stabile Weltordnung“

Karaganow sieht die russische Führung vor eine unabdingbare Wahl gestellt. Sollte Russland die Chance auf Entwicklung als „stolzer und souveräner Staat“ gewahrt sehen wollen, sei die aktuelle Schlacht für eine zukünftige „gerechte und stabile Weltordnung“ zwingend fortzuführen. Ohne eine nennenswerte Bereitschaft der gesamten russischen Gesellschaft zum Verzicht könne der Kampf aber nicht gewonnen werden. Zwar habe er Verständnis für alle, die auf der Suche nach einem besseren Leben Russland verlassen, die meisten Emigranten seien jedoch über diese Entscheidung nicht glücklich und würden hoffentlich eines Tages zurückkehren.

„Zivilisation der Zivilisationen“

Insgesamt sei die Ukraine zwar ein wichtiger, jedoch nur ein kleiner Teil des umfassenden Prozesses des Zusammenbruchs der durch die Vereinigten Staaten weltweit aufgezwungenen „Weltordnung des globalen liberalen Imperialismus“. Der Lauf der Geschichte könne nicht umgekehrt werden. Die Welt bewege sich auf ein viel gerechteres und freieres System der Multipolarität sowie der Vielfalt von Zivilisationen und Kulturen zu. Eines der Zentren der kommenden Weltordnung werde in Eurasien entstehen, mit Russland in seiner natürlichen Rolle als „Zivilisation der Zivilisationen“ und des nördlichen Garanten der globalen Balance.

Drohende Gefahr eines Atomkrieges

Überaus besorgt zeigt sich Sergej Karaganow über die zunehmende Wahrscheinlichkeit eines globalen atomaren Konfliktes. Die Welt erlebe eine in die Länge gezogene Abwandlung der Kubakrise, so Karaganow. Leider seien auf der westlichen Seite Politiker vom Schlage eines John Kennedy nicht zu finden. Überhaupt bestehe ernst zu nehmender Mangel an verantwortungsvollen Gesprächspartnern. Die Hoffnung habe aber Moskau noch nicht aufgegeben.

Der ewige Untergang des Abendlandes

Sergej Karaganow legt seine Gedanken in gewohnt provokanter, teils schwer fassbarer pseudophilosophisch-nebulöser Sprache nieder. Die verbal-graphomanische Manier des einst wichtigen Kremlstrategen soll aber keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass Karaganows Worte seit gut einem Jahrzehnt um lediglich zwei – mehr auf Wunschannahmen als auf Tatsachen gründende – Gedanken kreisen:

-      Untergang des Westens: die Überzeugung von der baldigen – wenn auch teilweisen – Entkoppelung der USA von Europa und der Schwächung transatlantischer Bande, einer faktischen (wenn möglicherweise auch nicht rechtlichen) Desintegration der EU und der Nato sowie der zwingenden Annäherung Europas (jedenfalls Zentral- und Südeuropas) an Russland

-       Krieg um die Deutungshoheit über die Weltordnung: der Traum von einem Groß-Eurasien vom Pazifik bis zum Atlantik mit Russland als dem zentralen verbindenden Element dieser geoökonomischen und geopolitischen Struktur

Der von Karaganow in die russischen außen- und sicherheitspolitischen Diskussionen eingebrachte Begriff von Groß-Eurasien bietet bei näherer Betrachtung nur wenig konkrete Inhalte. Pikanterweise hat der in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren für seine erklärt prowestlichen und proamerikanischen Sichtweisen bekannte Politpublizist noch vor knapp einem Jahrzehnt die Idee eines Groß-Europas unter Einbeziehung Russlands mit ähnlicher Inbrunst verteidigt wie heute den Traum eines Groß-Eurasiens. Freilich kann Letzterer im Wesentlichen als eine Erweiterung der ursprünglichen Idee Karaganows betrachtet werden.

Als Rechtfertigung seiner Abkehr von den prowestlichen Überzeugungen diente Karaganow die Mär vom postmodernen, jedwede traditionellen Werte verschmähenden Westen und dem familienfreundlichen und hochreligiösen Russland als ewigen Kontrahenten. Dass die emotionslose, der Lügen nicht zu überführende Statistik ein anderes Russland – ein fern der traditionellen Wertvorstellungen lebendes, identitätsverwirrtes, turbokapitalistisches und bis in die kleinsten Gesellschaftsstrukturen hochgradig individualistisches Land – zeichnet, lässt Karaganow bei seinen Erklärungsversuchen naheliegenderweise außen vor.

Russlands Angst vor dem Zerfall

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine nimmt auch das Thema des potenziellen Zerfalls Russlands einen wichtigen Platz in Karaganows Gedankenwelt ein. In seinen Interviews schätzt Karaganow kurz- bis mittelfristig die Gefahr des Zerfallsprozesses der Russischen Föderation infolge eines langwierigen Konflikts in der Ukraine und gegen den Westen als hoch ein. Dabei verweist er auf angeregte Diskussionen im Rahmen der 30. Tagung des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik (SVOP) unter dem Generalthema „Nach der Sonderoperation: Russland in einer neuen Entwicklungsetappe“.

Karaganow weist auf die übereinstimmende Meinung der Tagungsteilnehmer hin, wonach ein militärischer Sieg in der Ukraine für Russland zur Vermeidung der Desintegrationsprozesse absolut notwendig sei. Denn erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges zielen einige westliche Mächte unverhüllt darauf ab, Russland zu spalten. Die aktuelle Lage sei sogar wesentlich schlimmer als zur Zeit des Kalten Krieges. Damals hätte die Zielsetzung in der Abschreckung und der Eindämmung der Sowjetunion gelegen, während heute Russlands Feinde die Desintegration und den Zusammenbruch der Russischen Föderation herbeisehnten. Nachdem so viel auf dem Spiel stehe, könne eine weitere Eskalation – bis hin zu einem atomaren Konflikt – nicht ausgeschlossen werden.

Eine große Prise Weltschmerz

Freilich sollten die Einschätzungen Sergej Karaganows mit Zurückhaltung bewertet werden. Ein Haus-und-Hof-Politikberater und unbestrittener Einflüsterer der Mächtigen ist er nicht mehr, seine tatsächlichen Einflussmöglichkeiten schwinden schon lange. Nichtsdestoweniger offenbaren Karaganows Interviews die sich aus dem amorphen Selbstbild des heutigen Russlands speisende Sehnsucht russischer Eliten nach einem grandiosen, jedes Fehlverhalten rechtfertigenden Sendungsgedanken – einer die Welt und die eigene Existenz erklärenden und rechtfertigenden Ideologie – einer globalen Mission für Russland.

In dieser Sehnsucht erklingt das Echo des Phantomschmerzes nach dem verlorenen Paradies der utopisch-kommunistischen Weltumbauidee: der aus den echten wie auch imaginären Unzulänglichkeiten der modernen Welt erwachsende Weltschmerz der intellektuellen politischen Klasse Russlands, die sehr lange an nichts und an niemanden mehr zu glauben schien. Doch gerade der zunehmend schwindende Nihilismus der russischen Staatsspitze macht ihr Handeln gefährlich und unvorhersehbar.