Bei landesweiten Protesten von Anhängern des inhaftierten Oppositionspolitikers Alexej Nawalny in Russland sind nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen am Sonnabend mehr als 3500 Menschen festgenommen worden. Allein in Moskau habe es etwa 1360 Festnahmen gegeben, teilte die Organisation OWD Info am Sonntag mit. Die OWD wird unter anderem mit EU-Mitteln gefördert. Mehrere Demonstranten wurden schwer verletzt. Die russischen Staatsmedien bezeichneten die Demonstranten als „Mob“. Teilnehmer der Demo in Moskau sollen randaliert und ein Polizeiauto schwer beschädigt haben.

In St. Petersburg soll ein Polizist eine Frau brutal in den Bauch getreten haben. Dies zeigt ein im Internet veröffentlichtes Video. Die russischen Behörden haben laut der Nachrichtenagentur RIA Novosti eine Untersuchung des Vorfalls angekündigt. Die Staatsanwaltschaft von St. Petersburg teilte mit, sie gehe Hinweisen auf mögliche Polizeigewalt bei den Protesten nach.

Über den Gesundheitszustand der Frau gibt es widersprüchliche Angaben. RIA meldete am Sonntag, dass der Zustand der Frau ernst sei. Die private Website Fontanka.ru meldete, dass sich die Frau friedlich verhalten habe und lediglich gegen die Festnahme eines Mannes protestiert habe, als sie von dem Polizisten niedergetreten wurde.

Zehntausende Menschen waren dem Aufruf Nawalnys gefolgt, gegen Staatschef Wladimir Putin auf die Straße zu gehen. Allein in Moskau waren es nach einer Schätzung der Nachrichtenagentur AFP 20.000 Menschen, in St. Petersburg etwa 10.000. Die russischen Behörden hatten die Demonstrationen allerdings untersagt: Wegen der Corona-Kontaktbeschränkungen, wie sie in Russland gelten, waren die Anmeldungen der Demos abgelehnt worden. Trotzdem gab es Proteste in mehr als hundert russischen Städten von St. Petersburg im Westen bis Wladiwostok im Osten. Die Menschen skandierten laut AFP unter anderem „Freiheit für Nawalny“ und hielten Protestplakate mit Aufschriften wie „Putin ist ein Dieb“ in die Höhe.

Die Polizei ging landesweit hart gegen die Demonstranten vor. Die meisten der insgesamt 3521 Festnahmen gab es laut OWD Info in Moskau, wo auch Nawalnys Ehefrau Julia Nawalnaja vorübergehend in Gewahrsam genommen wurde. Nach Behördenangaben wurden die meisten Festgenommenen wieder freigelassen. Das russische Investigativ-Komitee erklärte, es habe mehrere Ermittlungsverfahren gegen Demonstranten aus Moskau wegen Sachbeschädigung, Randale und Gewalt gegen Polizisten eingeleitet.

Mitarbeiter von Nawalny hatten in der vergangenen Woche eine Recherche über einen Luxus-Palast am Schwarzen Meer veröffentlicht, der angeblich dem russischen Präsidenten gehören und durch Bestechungsgelder finanziert worden sein soll.

In Russland finden Ende des Jahres Duma-Wahlen statt. Der Nawalny-Verbündete Leonid Wolkow sagte der AFP, er sei „stolz, sehr beeindruckt und inspiriert“ angesichts der hohen Beteiligung an den Demonstrationen. Die landesweite Teilnehmerzahl an den Protesten bezifferte er auf 250.000 bis 300.000. Für das kommende Wochenende will Nawalnys Team erneut zu Kundgebungen aufrufen.

Nawalny hatte zu den Protesten gegen Putin aufgerufen, nachdem er vor einer Woche nach seiner Rückkehr von Deutschland nach Russland verhaftet worden war. In Berlin war der 44-Jährige nach einem Giftanschlag im August behandelt worden, für den er den Kreml verantwortlich macht. (BLZ)