Jeden Abend sehen wir in der „Tagesschau“, im „heute journal“ und bei „Anne Will“ Aufnahmen aus der Ukraine. Sie zeigen zerstörte Städte, Panzerkolonnen, Leichen und Politiker in Kiew. Aber was sehen Russinnen und Russen eigentlich jeden Abend im Fernsehen?

Die russische „Tagesschau“ erreicht tagtäglich ein Millionenpublikum. Von Wladiwostok am Pazifik bis Kaliningrad an der Ostsee. Was läuft im russischen Fernsehen?

Die Nachrichtensprecher moderieren die Sendungen mal schlicht-ruhig, mal emotionaler: „Nazis und Extremisten sind in der Ukraine an der Macht“ ist ein Beispiel, das jeden Tag zu hören ist. Der Grund für die „Spezialoperation“, wie der Krieg in Russland von den Medien genannt wird, sei „der Genozid, den russischsprachige Menschen in der Ukraine ausgesetzt sind“.

Die „geschichtsvergessenen Westeuropäer – alles Vasallen Washingtons“, so klingt es jeden Abend im russischen Staatsfernsehen. Oder auch, dass die russischen Soldaten „aufopferungsvoll für die Freiheit aller Russen kämpfen und die Ukraine vom Faschismus und Radikalismus befreien“.

Belege für Kriegsverbrechen wie in Butscha werden grundsätzlich als „Provokationen ukrainischer Nazis“ oder „Fake News des Westens“ bezeichnet. Ganz selten hört man auch alternative oder sogar kritische Stimmen zum Krieg. So eine Ausnahme waren jüngst die Aussagen des Militärexperten Michail Chodarjonok, demnach mit „hochmotiviertem Widerstand ukrainischer Soldaten“ gerechnet werden müsse. „Die Lage würde sich dementsprechend verschlechtern“, so der Oberst a.D. in einer russischen Talkshow. Ausschnitte seiner Wortmeldung gingen im Westen wie in Russland viral.

Nur elf Prozent der Russen informieren sich über Zeitungen

Statistiken zum Medienkonsum in Russland verdeutlichen die Macht des Fernsehens. Es ist das mit Abstand wichtigste Nachrichtenmedium. 63 Prozent der Russen holen sich ihre Informationen über das aktuelle Geschehen im TV. Noch deutlicher wird die Dominanz des russischen Staatsfernsehens im Vergleich zu anderen Medien: Internet 28 Prozent, Radio 22 Prozent, soziale Medien 18 Prozent und Zeitungen 11 Prozent.

Russland-Analysen Nr. 418 vom 11. April 2022
Informationsquellen, die täglich genutzt werden, um das Geschehen in Russland zu verfolgen

Ein typischer Fernsehabend unterscheidet sich sehr stark vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland. Vom Vormittag bis zum Abend wechseln sich Nachrichten und Talkshows ab. Russen können täglich von 11 bis 23 Uhr staatlich-russische Nachrichtensendungen sehen.

Russische „Tagesschau“ ist viermal so lang

Ein konkretes Beispiel: Die 20-Uhr-Hauptausgabe der „Tagesschau“ in der ARD dauert bekannterweise 15 Minuten. Zusätzlich gibt es regionale Sendungen, im Falle von Berlin und Brandenburg, die RBB-„Abendschau“ mit einer Länge von etwa 30 Minuten. Dagegen beträgt in Russland allein die Länge der Abendnachrichten fast eine Stunde. Die Berichterstattung ist umfassender und ausführlicher.

Das Gesicht der russischen Abendnachrichten ist Jekaterina Andrejewa. Die Moderatorin geriet weltweit in die Nachrichten, als ihre ehemalige Kollegin, Marina Owsjannikova, während einer Live-Sendung mit einem Anti-Kriegs-Plakat auftrat. Andrejewa unterstützt Wladimir Putin öffentlich und positioniert sich vor ihrem Millionenpublikum gegen Corona-Schutzmasken und meint, dass Mitarbeiter des staatlichen Fernsehens die Politik des Staats unterstützen müssen. Man stelle sich vor, „Tagesschau“-Sprecher Jens Riewa gebe bei jeder Gelegenheit seine glühende Unterstützung für Olaf Scholz zum Besten. Derweil erscheinen private Interviews, in denen er das Tragen von Schutzmasken kritisiert.

Protest in Russland: TV-Journalistin beschimpft Putin in Nachrichtensendung.

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Zu einer typischen Nachrichtensendung im russischen Fernsehen gehört auch die Berichterstattung aus Europa. Die nimmt im Durchschnitt zehn Minuten der Sendung ein. Der Deutschland-Korrespondent des „Ersten Kanals“ in Russland ist Ivan Blagoi. Er wurde 2016 durch seine Berichte über die angebliche Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens in Berlin-Marzahn bekannt. Damals behauptete Blagoi, die deutschen Behörden würden den Fall nicht konsequent verfolgen, weil es sich um eine Russlanddeutsche handelte. Es kam in Folge zu Straßenprotesten der russlanddeutschen Community in Berlin und Baden-Württemberg.

Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelte später gegen Blagoi wegen Volksverhetzung. Zu einer Anklage kam es jedoch nicht. Der Vorfall sorgte damals für diplomatische Spannungen zwischen Deutschland und Russland. Das ist ungefähr so, als würde Ina Ruck, die Moskau-Korrespondentin der ARD, durch tendenziöse Berichte über die Misshandlung von Kirgisen auf Moskauer Baustellen zu Protesten auf dem Arbat gegen russische Behörden aufrufen.

Doch die wichtigste Persönlichkeit im Medien-Imperium des Kremls ist Dimitri Kisseljow. Der gebürtige Moskauer leitet seit 2014 die staatliche Nachrichtenagentur „Rossija Sewodnja“ (zu Deutsch: Russland heute). Jeden Sonntag hat er seine eigene zweistündige Sendung, in der er seine Sicht auf das Geschehen in Russland und die Welt darstellt. Bemerkenswert ist, dass Kisseljow in den 1990er-Jahren zu den Anführern der liberal-demokratischen Bewegung in Russland zählte.

imago/Chernykh
Dimitri Kisseljow, Leiter der staatlichen Nachrichtenagentur „Russland Heute“

Heute fordert er „die Verbrennung der Herzen homosexueller Menschen und Atomschläge gegen den Westen“. Den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny verglich er mit Adolf Hitler, korrigierte jedoch im Nachhinein seine Aussage, dass Nawalny im Vergleich zu Hitler „ein Insekten- und Erbsennarr“ sei.

Kisseljow ist also quasi der russische Tom Buhrow. Es ist schwer vorstellbar, dass der ARD-Intendant am Sonntagabend Oppositionelle als Insekten bezeichnen würde und zur Verbrennung der Herzen von Menschen aufrufen könnte. Kisseljows Sendung ist am folgenden Montagmorgen unter älteren Menschen in Büros, Amtsstuben und Wartezimmern häufig das Gesprächsthema. Seit der Annexion der Krim 2014 steht der Moderator auf der Sanktionsliste der EU.

Das weibliche Pendant zu Kisseljow ist Margarita Simonjan. Simonjan fungiert im russischen Fernsehen als Schnittstelle zwischen Nachrichtensendungen und anschließenden Talkshows. Sie ist einerseits als Chefredakteurin von RT (früher Russia Today) für die Nachrichtenlage zuständig. Andererseits ist sie fast täglich in Talkshows zu Gast.

Im Live-Fernsehen wie auch auf ihren Telegram- und Twitter-Kanälen kritisiert sie ein „verkommenes Gayropa“ (gemeint ist „Gay-Europa“) und „den Genozid an Russen in der Ukraine“. Simonjan ist Stammgast in den großen Talkshows wie „Der Abend mit Wladimir Solowjow“ und „60 Minuten“. Häufig ist sie die einzige Frau in den männerdominierten Sendungen. Auch sie steht auf der Sanktionsliste.

Aber was wird in diesen oft langen Talkshows eigentlich besprochen? Erst vor einigen Wochen diskutierten Gäste einer Runde die Möglichkeiten eines Atomschlags gegen Berlin, Paris und London. Auch Ideen, wie die Besetzung des Baltikums oder die Liquidierung ukrainischer Politiker am besten funktionieren könnte, werden ernsthaft besprochen.

Das eiserne Mädchen des Putin-Fernsehens

Die „Maischbergers“ und „Maybrit Illners“ Russlands sind anders aufgebaut als bei uns: Die Sendungen sind laut, emotional und stets kremltreu. Das Flaggschiff des russischen Fernsehens ist die Sendung „60 Minuten“ mit dem verheirateten Paar Olga Skabejewa und Jewgeni Popow. Die Sendung wird zweimal täglich ausgestrahlt. Am Vor- und Nachmittag. 365 Tage im Jahr. Für ihre Sendung laden die beiden verschiedene Pseudo-Experten zum Gespräch ein, wobei die Meinungen der Gäste sich nicht wirklich unterscheiden.

Skabejewa, „das eiserne Mädchen des Putin-Fernsehens“, wie sie von der russischen Opposition getauft wurde, verdient nach investigativen Recherchen des Nachrichtenprotals The Insider ein Monatsgehalt von umgerechnet fast 20.000 Euro. Das mag für Sandra Maischberger und Anne Will wenig sein, für russische Journalisten sind das sehr hohe Summen.

Ihr Ehemann, Jewgeni Popov, verdient ebenfalls nicht schlecht. Doch der wirkliche Reichtum des Ehepaars stammt nicht aus ihren Gehältern. Wie die von Alexej Nawalny gegründete Antikorruptionsstiftung aufdeckte, besitzt das Ehepaar Moskauer Immobilien im Wert von über vier Millionen US-Dollar. Hinzu kommt, dass Popov auch noch Abgeordneter der Duma ist. Also Politiker, Medien-Mogul und Millionär in einem.

Pressefreiheit wie bei den Taliban

Früher war die Lage in Russland anders. Doch über die Jahre hat sich das Klima für eine freie, vielfältige und vor allem unabhängige Presse immer weiter verschlechtert. Dmitri Muratow, der Chefredakteur der Nowaya Gaseta, einer der renommiertesten Zeitungen des Landes, muss heute aus Lettland berichten. Der letzte unabhängige Radiosender, Echo Moskwy, wurde ebenfalls nach dem Beginn der russischen Invasion geschlossen.

Das letzte Medium mit großer Reichweite, der Online-Stream Doschd TV (zu Deutsch: Regen), wurde ebenfalls aufgrund der Berichterstattung zum Krieg in der Ukraine Anfang März 2022 von den Behörden verboten. 24 Journalisten in Russland sind hinter Gittern. Weitere vier befinden sich in den von Russen besetzten Gebieten in der Ukraine in Gefangenschaft. Seit 1992 sind 58 Reporter in Russland ermordet worden. Das Land liegt in der Rangliste der Pressefreiheit auf dem 155. Platz – einen Platz vor Taliban-Afghanistan.

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