Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine kommt die internationale Gerüchteküche rund um den Gesundheitszustand des russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht zur Ruhe. Während der vergangenen 100 Kriegstage gab es nicht nur über gut ein halbes Dutzend unterschiedlicher Diagnosen, sondern selbst die Behauptung, dass Wladimir Putin bereits vor Jahren gestorben sei und durch einen Doppelgänger an der Spitze des russischen Staates ersetzt wurde.

Laut den jüngsten Informationen, welche angeblich aus hervorragend informierten Geheimdienstkreisen stammen sollen, hat Putin sich im April einer Krebstherapie unterzogen, wodurch sich sein Gesundheitszustand verbessert haben soll.

Ein einst bestgehütetes Geheimnis

Neben der Gesundheit von Wladimir Putin gibt es nur ein weiteres Thema, über das seit zwei Jahrzehnten ähnlich intensiv spekuliert wird und über das bis vor Kurzem ähnlich wenig Konkretes, dafür aber unzählige Gerüchte bekannt waren – das Familien- und Liebesleben Wladimir Putins.

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Dr. Alexander Dubowy ist Politik- und Risikoanalyst sowie Forscher zu internationalen Beziehungen und Sicherheitspolitik mit Schwerpunkt auf Osteuropa, Russland und GUS-Raum. Er ist Mitarbeiter der Berliner Zeitung am Wochenende.

Nachdem die westlichen Staaten damit begannen, Sanktionen gegen Personen aus dem persönlichen Nahbereich des russischen Präsidenten zu verhängen, wurde der über viele Jahre hindurch undurchdringbar scheinende Bann des Geheimen um das Privatleben Wladimir Putins sukzessive durchbrochen.

Eine olympische Liebe

Am 12. April 2008 veröffentlichte die im September 2007 von Alexander Lebedev, einem ehemaligen Agenten des KGB, erfolgreichen Unternehmer und einem der nach Informationen des Forbes-Magazins 40 reichsten Russen, gegründete russische Wochenzeitung Moskovsky Korrespondent, ein Schwesterprojekt der regierungskritischen Novaya Gazeta, einen Investigativbericht über die Scheidung Putins von seiner Ehefrau Ljudmila Putina und Putins neue Liebschaft, eine 24-jährige rhythmische Sportgymnastin, Europa-, Weltmeisterin und Olympiasiegerin sowie Mitglied der Kremlpartei Einiges Russland, Alina Kabajewa.

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Alina Kabajewa

Wenige Tage später bekam die Redaktion des Moskovsky Korrespondent Besuch vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB, und innerhalb einer Woche folgte die Schließung der Wochenzeitung. Die Versuche, durch den Wechsel an der Spitze der Chefredaktion das Projekt wiederzubeleben, haben letztlich nicht das gewünschte Ergebnis gebracht und gipfelten innerhalb von nur zwei Monaten im endgültigen Zeitungsende.

Pikanterweise wurde die einvernehmliche Trennung des Ehepaares Putin erst im Juni 2013 wenige Wochen vor ihrem 30. Hochzeitstag bekannt gegeben. Laut offizieller Begründung hat der mit dem Amt ihres Mannes verbundene öffentliche Lebensstil Ljudmila Putina missfallen. Die öffentliche Bestätigung der Ehescheidung folgte gar erst im April 2014 und somit ganze sechs Jahre nach dem Investigativbericht von Moskovsky Korrespondent.

Die geheimnisvollen Töchter

Aus der Ehe mit Ljudmila Putina gingen zwei Töchter hervor: Maria Woronzowa und Katerina Tichonowa. Sehr viel mehr als die bloße Tatsache ihrer Existenz und selbst ihre Nachnamen waren über viele Jahre öffentlich nicht bekannt. Bis auf unwesentliche, in allgemeine Ausführungen gefasste Informationen – wie beispielsweise Interesse für Sprachen und Tanzsport – verriet Wladimir Putin niemals Details über das Leben seiner Töchter. Im Übrigen hat der russische Präsident nie offiziell bestätigt, dass Maria Woronzowa und Katerina Tichonowa seine Töchter aus erster Ehe sind.

So bezeichnete Wladimir Putin im Dezember 2019 auf die Frage der BBC-Journalistin Farida Rustamova Maria Woronzowa und Katerina Tichonowa als „diese Frauen“. In einem ausführlichen Interview mit dem amerikanischen Filmemacher Oliver Stone gab Wladimir Putin 2017 bekannt, Großvater geworden zu sein.

Das Privatleben von Putins Töchtern

Maria Woronzowa, die ältere der beiden Töchter von Wladimir Putin, ist Kinderendokrinologin, Mitglied des Aufsichtsrates und mutmaßlich mit einem Anteil von 20 Prozent Miteigentümerin des russischen Unternehmens Nomeko AG. Nur wenige Monate nach seiner Gründung im Januar 2019 erhielt Nomeko nach Angaben von BBC den lukrativen Staatsauftrag zum Aufbau des größten Krebsforschungszentrums Russlands.

Maria Woronzowa war mit einem niederländischen Banker verheiratet und lebte einige Jahre in den Niederlanden. Im Jahr 2015 zog das Paar nach Moskau. Der Hauptgrund für den Umzug dürfte der Abschuss der Malaysia-Airlines-Maschine MH17 mit überwiegend niederländischen Passagieren durch prorussische Separatisten über der Ostukraine im Jahr 2014 gewesen sein.

In einem hervorragend recherchierten Beitrag für die New York Times mit dem Titel „Vladimir Putin, Family Man“ folgt Jason Horowitz mit beeindruckender Vehemenz einer kaum sichtbaren Spur aus nur wenigen nachweislich bekannten Informationsbrotkrumen über das Privatleben von Putins Töchtern.

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Wladimir Putin mit Silvio Berlusconi

Im April 2022 wurden Putins Töchter unter westliche Sanktionen gestellt

Die jüngere Tochter Wladimir Putins, Katerina Tichonowa, welche den Nachnamen der Großmutter mütterlicherseits trägt, ist stellvertretende Leiterin des Instituts für mathematisches Studium komplexer Systeme an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität (MGU) und steht der mit der MGU affiliierten Technologiestiftung Innopraktika inklusive einem Forschungszentrum für künstliche Intelligenz vor.

Das KI-Zentrum als Teil der sogenannten nationalen Projekte Russlands unterhält Kooperationen mit dem Staatsenergieunternehmen Rosneft und der russischen Verteidigungsindustrie. Der von Tichonowa geführte und aus öffentlichen Mitteln finanzierte Wissenschaftsfonds war an der Entwicklung und Finanzierung eines von drei russischen Corona-Impfstoffen, Sputnik V, beteiligt. Von 2013 bis 2018 war Katerina Tichonowa mit Kirill Schalamow verheiratet, dem Sohn eines engen Freundes ihres Vaters, Nikolai Schalamow, dem Miteigentümer der als Privatbank der Kremlfunktionäre geltenden Bank Rossija.

Im April 2022 wurden Maria Woronzowa und Katerina Tichonowa unter westliche Sanktionen gestellt. Mit diesen Maßnahmen werden alle ihre Vermögenswerte eingefroren und die beiden Frauen vom Zugang zu amerikanischen und europäischen Finanzsystemen abgeschnitten. Die tatsächlichen Auswirkungen der Sanktionen auf das Leben von Wladimir Putins Töchtern dürften sich stark in Grenzen halten.

Alina Kabajewa: die geheime First Lady

Auch wenn es lange danach aussah, blieb Wladimir Putins Geliebte Alina Kabajewa, Verwaltungsratspräsidentin der russischen Medienanstalt National Media Group und Mutter von bis zu vier weiteren Kindern des russischen Staatspräsidenten, letztlich von den Sanktionen nicht verschont. Mitte Mai setzte die britische Regierung die ehemalige Leistungssportlerin auf die Sanktionsliste.

Die Außenministerin Großbritanniens, Liz Truss, kommentierte diese Entscheidung mit scharfen Worten: „Wir enthüllen und bekämpfen das schmutzige Netzwerk um Putins luxuriösen Lebensstil und ziehen den Schraubstock an um seinen inneren Kreis.“ Die USA haben sich bislang aber aus Sorge vor einer Eskalation gegen die Sanktionierung Kabajewas entschieden. Der aktuelle Daueraufenthaltsort von Alina Kabajewa ist indessen nachweislich bekannt. Ihr mutmaßlicher Aufenthalt im Schweizer Tessin wurde von den Schweizer Behörden nicht bestätigt.

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Ist das Kabajewas Haus in Tessin?

Weitere Liebschaften?

Nach wie vor bleibt unbekannt, wie viele Kinder Wladimir Putin tatsächlich hat. Böse Zungen behaupten, dass nur Patriarch Kirill, Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, mehr uneheliche Kinder in die Welt gesetzt haben dürfte. Jedenfalls soll Wladimir Putin mindestens eine weitere Tochter haben – Elizaveta Kriwonogich. Nach Angaben des russischen Investigativmagazins Projekt Media war Swetlana Kriwonogich eine langjährige Geliebte des russischen Präsidenten.

Diese Verbindung hatte nicht nur eine weitere Tochter Wladimir Putins zur Folge, sondern erwies sich für Swetlana als hochgradig lukrativ. Kriwonogich legte eine Bilderbuchkarriere hin und beschritt innerhalb nur weniger Jahre den Weg von einer einfachen Reinigungskraft zur Immobilienbaronin, sie ist Vorstandsmitglied von Nikolaj Schalamows Privatbank für hochrangige Kremlfunktionäre Bank Rossija und Hauptanteilseigentümerin des Skigebietes Igora. Aktuell dürfte Kriwonogich mit ihrer Tochter die meiste Zeit des Jahres in Monaco leben. Bislang finden sich die Namen der beiden auf keiner Sanktionsliste des Westens.

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Nicht wenige Beobachter meinen, dass die gezielten Sanktionen gegen Putins Familie und enge Freunde eine symbolische Botschaft zu übermitteln trachteten, wonach der russische Präsident durch seine Militäraggression gegen die Ukraine eine Grenze überschritten habe und dass nunmehr auch das Privatleben Wladimir Putins kein Tabu mehr bilde und gezielt anvisiert werden könne. Dass dies auch eine Verhaltensänderung des russischen Präsidenten herbeiführen wird, bleibt freilich mehr als zweifelhaft.

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