Was sind Wladimir Putins Pläne für den Winter? Ein Szenario

Dieser Winter wird auf mehrfache Weise über den weiteren Verlauf des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine entscheiden. Eine Analyse.

Russland, Twer: Wladimir Putin, Präsident von Russland, beim Besuch einer Baustelle an einem Verkehrsknotenpunkt an der Mündung des Flusses Schoscha.
Russland, Twer: Wladimir Putin, Präsident von Russland, beim Besuch einer Baustelle an einem Verkehrsknotenpunkt an der Mündung des Flusses Schoscha.Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa/Maksim Blinov

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist im Donbass zu einem brutalen Abnutzungskrieg geworden. Über die vergangenen Wochen wurde die bis zum 24. Februar 2022 etwa 74.000 Einwohner zählende Stadt Bachmut durch den systematischen russischen Beschuss in Schutt und Asche gelegt.

Den ukrainischen Streitkräften gelingt es jedoch nach wie vor, die Verteidigung aufrechtzuerhalten und die Angriffe Russlands erfolgreich zurückzuschlagen. Doch scheinen beide Seiten dabei enorme Verluste zu erleiden. Ungeachtet der schweren Kämpfe im Donbass um die Stadt Bachmut sowie im Gebiet zwischen Kreminna und Svatove hat sich das Kräfteverhältnis entlang der Front nicht wesentlich verändert.

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Zum Autor
Dr. Alexander Dubowy ist Politik- und Risikoanalyst sowie Forscher zu internationalen Beziehungen und Sicherheitspolitik mit Schwerpunkt auf Osteuropa, Russland und GUS-Raum. Er ist Mitarbeiter der Berliner Zeitung am Wochenende.

Russlands Taktikwechsel

Die Militäranalysten des renommierten US-amerikanischen Thinktanks Institute for the Study of War (ISW) sehen auf russischer Seite einen eindeutigen Taktikwechsel. Die russischen Streitkräfte scheinen seit Herbstbeginn den Aktionsschwerpunkt von wenigen Ausnahmen abgesehen (entlang des gesamten Frontverlaufes) auf die Verteidigung zu legen. Auch habe sich die Struktur der eingesetzten Truppenverbände verändert.

Insbesondere stellen die ISW-Forscher fest, dass Russland seit über drei Monaten keine neuen Bataillonskampfgruppen mehr aufstelle. Bei der Bataillonskampfgruppe oder bataillonstaktischen Gruppe handelt es sich um einen modular gegliederten taktischen Kampfverband der russischen Landstreitkräfte. Diese Kampfverbände trugen bislang stets die Hauptlast russischer Offensivoperationen. Zum einen dürfte diese Entscheidung durch den zunehmenden Mangel an Kampftechnik erzwungen worden sein, zum anderen aber setzen Russlands Streitkräfte vermehrt auf den Einsatz von – in erster Linie aus China, aber auch aus dem Iran stammenden – Drohnen, deren Bau dem jüngsten Abkommen zwischen Moskau und Teheran nach zu urteilen in absehbarer Zeit in Russland selbst beginnen soll.

Putins Mehrfach-Dilemma

Die Lösung des aktuellen Dilemmas aus Mangel an erfahrenen Reservekräften, Zeitdefizit und Notwendigkeit des Aufbaus neuer sowie der Verstärkung bestehender Verteidigungslinien dürfte – auch angesichts der enormen Erwartungshaltung des Kremls – die russischen Strategen Tag und Nacht beschäftigen. Eine adäquate Entscheidung dürfte selbst für erfahrene Kampfoffiziere ein Drahtseilakt sein.

Doch auch für den Kreml stehen schwierige politische Entscheidungen bevor. Sollte Russland im Frühjahr ernsthaft versuchen wollen, die im Sommer 2022 verloren gegangene Initiative auf dem Schlachtfeld wiederzuerlangen, führt noch in diesem Jahr kein Weg an einer weiteren Mobilmachungswelle vorbei. Dabei handelt es sich aber um eine äußerst unpopuläre Maßnahme, der das Potenzial innewohnt, weite Teile der russischen Bevölkerung gegen den Kreml aufzubringen und die Stabilität des politischen Systems weiter anzugreifen.

Die ukrainische Führung ist der – wohl in sehr vielem richtigen – Überzeugung, dass Wladimir Putin auf die Ratschläge des Generalstabes nicht zu hören bereit und – aus offensichtlichem Mangel an militärischer Bildung und Erfahrung – einer solchen Dilemmasituation intellektuell schlicht nicht gewachsen zu sein scheint. Auf diese Weise wird Kiew in den kommenden Wochen von so gut wie jeder Entscheidung Moskaus profitieren dürfen.

Gezielter Terror gegen die Zivilbevölkerung

Angesichts der Unfähigkeit Russlands, auf die ukrainischen Erfolge auf dem Schlachtfeld adäquat reagieren zu können, setzt Moskau vollends auf das Instrumentarium des politischen Terrors. Mittlerweile versucht der Kreml noch nicht einmal mehr, seine Handlungen auch nur oberflächlich zu verschleiern oder ausführlich zu rechtfertigen.

Führende russische Propagandisten wie beispielsweise Margarita Simonjan, Chefredakteurin der staatlichen Nachrichtenagentur Russia Today, rufen seit Monaten unter Berufung auf angebliche Nato- und US-Taktiken im Kosovo-Krieg dazu auf, gezielt gegen zivile kritische Infrastruktur sowie zivile Objekte in der Ukraine vorzugehen. Durch bewusste Angriffe gegen die Zivilbevölkerung versucht Russland, Kiew an den Verhandlungstisch zu zwingen, um damit Zeit für die Vorbereitung einer Großoffensive im Frühjahr 2023 zu gewinnen.

Die Ukraine plant Winteroffensive

Während die überwiegende Mehrheit der westlichen Militärexperten davon auszugehen scheint, dass die Intensität der Kampfhandlungen über die kommenden Wochen deutlich abnehmen dürfte und beide Seiten die vorübergehende Kampfruhe für die Vorbereitung von Großoffensiven im Frühjahr nutzen werden, deutet die ukrainische Führung an, die Offensivoperationen in den Wintermonaten fortsetzen zu wollen.

Damit möchte Kiew die jüngsten Militärerfolge absichern und ausbauen sowie Russland am Wiedererlangen der strategischen Initiative hindern. Auch dürfte die Ukraine mit der Ankündigung weiterer Offensivoperationen den zunehmend kriegsmüden westlichen Partnern gegenüber klar signalisieren wollen, dass der Zeitpunkt für Friedensverhandlungen noch nicht gekommen sei.

So erklärte der Sprecher der ukrainischen Streitkräfte im Osten, Serhii Cherevatyi, am Sonntag, den 4. Dezember 2022, dass Russlands Streitkräfte, die im Wesentlichen aus unerfahrenen, schlecht ausgebildeten und mangelhaft ausgerüsteten Rekruten bestehen, dem Winterkrieg nicht gewachsen seien und die Ukraine mit Blick auf durch den Frost zunehmend härter werdende Böden schwere Rad- und Kettenfahrzeuge für den Einsatz vorbereite.

Eine ukrainische Wintergroßoffensive ist allerdings ohne umfassende Unterstützung des Westens kaum erfolgversprechend. Nicht umsonst warnen die Militäranalysten des Institute for the Study of War (ISW), dass das potenzielle Scheitern der ukrainischen Offensivoperation in den Wintermonaten den aktuell stark angeschlagenen russischen Streitkräften eine wertvolle mehrmonatige Atem- und Vorbereitungspause gewähren und damit auch den weiteren Verlauf des Krieges wesentlich beeinflussen könnte.

Putin hält an seinen politischen Forderungen unverändert fest

Die westlichen Politiker, Diplomaten und Intellektuellen dürfen keinesfalls übersehen, dass der Kreml nicht an einer Friedenslösung, sondern lediglich an einer Kampfpause interessiert ist.

Ungeachtet der seit Monaten mit Blick auf potenzielle Elitenkonflikte innerhalb russischer Führungszirkel brodelnden Gerüchteküche und taktischer Schachzüge des Kremls sollte nichts darüber hinwegtäuschen, dass Wladimir Putin an seinen wesentlichen politischen Forderungen unverändert festhält. Putin zeigte seit Verhandlungsbeginn keine Bereitschaft, die Vorschläge der Ukraine auch nur ansatzweise ernst zu nehmen. Vielmehr dienten die Friedensverhandlungen dem Kreml stets als diplomatisches Feigenblatt auf dem Weg zur Durchsetzung der politischen Ziele der sogenannten Spezialmilitäroperation.

Aus diesem Grund sollte sich der Westen durch Moskaus Zusicherungen und die scheinbare Dialogbereitschaft keinesfalls täuschen lassen. Russlands Führung benötigt weder eine Friedenslösung noch Sicherheitsgarantien, sondern schnellstmöglich eine längere Kampfpause. Die Friedensverhandlungen würden Wladimir Putin die Möglichkeit eröffnen, sein Machtsystem zu stabilisieren und die – mittlerweile zu einflussstark gewordenen – radikalen Vertreter der sogenannten Partei des Krieges (in erster Linie PMC-Wagner-Gründer Jewgenij Prigoschin und Tschetscheniens Diktator Ramsan Kadyrow) in die engen innenpolitischen Schranken zu weisen.

Gleichzeitig würde der Kreml die Atempause dazu zu nutzen versuchen, die angeschlagenen Truppen aufzustocken, auszurüsten, auszubilden und Offensivoperationen im Osten und Süden der Ukraine vorzubereiten. Die mutmaßlichen Vereinbarungen zwischen Moskau und Teheran über den Bau von Kamikaze-Drohnen liefern einen gewichtigen Indizienbeweis für die potenziellen Kriegspläne des Kremls.

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