Diesmal war es kein Frost, es war auch nicht zu heiß. Es war ein Stromausfall in der Betriebszentrale, der die Berliner S-Bahn am Donnerstag größtenteils lahmlegte. Auf den meisten S-Bahn-Linien kam der Verkehr zum Stillstand, weil die Signale auf Rot sprangen. Fahrgäste mussten stundenlang in S-Bahnen ausharren. Einige Züge, unter anderem im Nord-Süd-Tunnel, mussten evakuiert werden. In anderen Fällen öffneten Reisende die Türen und liefen über die Gleise. Auch der Fern- und Regionalverkehr war unterbrochen. „So etwas habe ich in mehr als 40 Jahren nicht erlebt“, sagte ein alter Eisenbahner.

Die Bundespolizei schloss einen terroristischen Anschlag aus. Stattdessen hätten „planmäßige Kontrollarbeiten an der Stromversorgung im elektronischen Stellwerk Halensee“ den Ausfall verursacht, teilte die Bahn am Abend mit. Bei einem Umschaltvorgang, mit dem alle zwei Monate routinemäßig die Notstromversorgung überprüft wird, sei ein Bauteil ausgefallen. Aus ungeklärter Ursache habe auch das vorhandene Reservesystem versagt, so die Bahn. Bei solchen Systemüberprüfungen sei es noch nie zu Auffälligkeiten gekommen, hieß es. Andere Eisenbahner sprachen von einer Havarieübung, die schiefgegangen sei. Anders als erwartet seien die Notstromaggregate nicht angesprungen.

Von der Betriebszentrale Halensee aus steuert DB Netz nicht nur den Betrieb auf fast allen S-Bahn-Linien, sondern auch den Großteil des Fern- und Regionalzugverkehrs in Berlin. Damit hatte der Ausfall für viele Fahrgäste gravierende Folgen. Allein die S-Bahn wird täglich für mehr als eine Million Fahrten genutzt.

Erhebliche Verspätungen

Wer nicht in stehen gebliebenen Zügen eingesperrt war, kam erheblich verspätet ans Ziel. Die Fahrgäste des zweitwichtigsten Verkehrsmittels in Berlin sind viel gewohnt. Seit 2009 musste der S-Bahn-Verkehr häufig eingeschränkt werden. Mal fällt bei Frost oder Hitze die empfindliche Technik aus, dann fehlen Züge, weil neue Sicherheitsbestimmungen zu erfüllen sind. Derzeit melden sich viele S-Bahn-Fahrer krank.

Der Stromausfall war gegen 11.45 Uhr aufgetreten. Nur auf Strecken, die noch über keine elektronische Stellwerkstechnik verfügen, konnten S-Bahnen fahren, beispielsweise zwischen Ostkreuz und Erkner. Nach Angaben der Bundespolizei begann in einigen Fällen der Betrieb schon relativ bald wieder. „Doch er musste wieder unterbrochen werden, weil Fahrgäste ausstiegen und über die Gleise liefen“, so ein Sprecher. Erst 15.10 Uhr hieß es: „Die S-Bahn nimmt den Verkehr im gesamten Streckennetz ab sofort wieder auf.“ Aber bis in den Abend hinein war er unregelmäßig. Die Betriebszentrale war auch am Abend weiter gestört. An diesem Freitag sei ebenfalls noch mit Ausfällen zu rechnen, so die Bahn.

Der neue Senator für Stadtentwicklung, Michael Müller (SPD), war sauer. „Ich hoffe, dass die S-Bahn ihr technisches Problem so schnell wie möglich in den Griff kriegt“, sagte er. „Dass die gesamten Züge durch einen einzigen Stellwerkdefekt ausfallen, ist kaum vorstellbar.“

Hans-Werner Franz vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg forderte ein besseres Notfallmanagement und kritisierte den „Wahn der Zentralisierung“: „Der Personalabbau hat dazu geführt, dass bei Problemen vor Ort kaum noch Eisenbahner zur Verfügung stehen.“ Die verkehrspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Sabine Leidig, forderte: „Die S-Bahn muss dem Profitstreben der DB schleunigst entzogen werden – das Sparen auf Kosten der Fahrgäste muss beendet werden.“