Straßburg - Ein leerer Stuhl als Symbol für die Abwesenheit des Preisträgers: Der inhaftierte saudische Blogger Raif Badawi ist mit dem Sacharow-Preis des EU-Parlaments „für die geistige Freiheit“ ausgezeichnet worden. Seine Ehefrau Ensaf Haidar nahm die Ehrung am Mittwoch in Straßburg für ihren Mann entgegen. Der Sacharow-Preis ist mit 50.000 Euro dotiert.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz würdigte Badawi als „Symbolfigur für die Menschen, die weltweit für die Grundrechte kämpfen“. Der Blogger und Menschenrechtsaktivist wurde 2014 zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockhieben verurteilt. Er soll angeblich den Islam beleidigt haben.

Der Fall Badawi hat weltweit Proteste ausgelöst. Westliche Regierungen mahnten die Saudis, auf die Strafe zu verzichten.

Trennung von Staat und Religion

1000 Stockschläge, zehn Jahre Haft, eine Geldstrafe und ein Reiseverbot: Für seine kritischen Blog-Beiträge hat die saudische Justiz den 31 Jahre alten Raif Badawi zu einer hohen Strafe verurteilt. Badawis angebliches Vergehen: Im Internet soll der Wirtschaftswissenschaftler den Islam beleidigt haben, indem er die Trennung von Staat und Religion vorschlug.

Seinen Blog „Saudische Freie Liberale“ hatte er 2008 gegründet und immer wieder Diskussionen im Internet angestoßen - in dem streng religiösen und extrem konservativen Königreich eine schlimme Provokation. Die saudische Religionspolizei verhaftete Badawi mehrfach. Im Mai 2014 folgte das harte Urteil.

Trotzdem kämpft Badawi weiter gegen die Machtfülle der saudischen Geistlichkeit. In seinem auch auf Deutsch erschienenen Buch „1000 Peitschenhiebe“ fordert er seine Landsleute auf, einen Neubeginn zu wagen, und zwar ohne den Klerus. Ansonsten „können wir uns einfach weiter in unserer Ignoranz suhlen. Einer Ignoranz, die schon lange nicht mehr hinnehmbar ist zu einer Zeit, in der zivilisierte Nationen das Leben genießen“, fügt er hinzu.

Die ersten 50 Stockschläge bekam Badawi im vergangenen Januar öffentlich vor einer Moschee in der Stadt Dschidda. Ein Amateurvideo im Internet zeigte, wie die Strafe vollzogen wurde. Anschließend wurde die wöchentlich geplante Tortur immer wieder verschoben - offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Seine Wunden seien nicht verheilt, bescheinigte ihm ein Gefängnisarzt. Weitere Stockschläge seien ihm deshalb nicht zuzumuten.

Mit Töchtern und Sohn in Kanada

Der Fall Badawi löste weltweit Proteste aus. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International setzt sich massiv für ihn ein. Auch viele westliche Regierungen mahnten die Saudis, auf die Strafe zu verzichten - ohne Erfolg. Riad weist jede Kritik als Einmischung in seine inneren Angelegenheiten zurück. Im Juni bestätigte das höchste Gericht des Landes das Urteil.

Badawis Ehefrau Ensaf Haidar lebt inzwischen als politischer Flüchtling mit den zwei Töchtern und dem Sohn in Kanada. Sie sagt: „Raif ist ein guter Ehemann und ein guter Vater, die Kinder vermissen ihn sehr.“ Vor gut einer Woche trat Badawi laut seiner Ehefrau in einen Hungerstreik, nachdem er in ein abgelegenes Gefängnis außerhalb der Stadt Dschidda verlegt worden war. Dies bedeute, dass sein Fall abgeschlossen worden sei und die Stockhiebe jederzeit wieder angesetzt werden könnten. (dpa)