Magdeburg/Aschersleben - Eine Frau betritt den Hofgarten des Veranstaltungszentrums „Moritzhof“ in Magdeburg und schaut sich um. Sie ist blond und zierlich, trägt ein rotes Kleid und schwarze Pumps. Die Frau heißt Eva von Angern, ist 44 Jahre alt, Rechtsanwältin, Mutter von drei Kindern. Und Spitzenkandidatin der Linken in Sachsen-Anhalt. Sie atmet noch einmal durch.

Vorn im Hof ist eine Bühne aufgebaut, hinten stehen Häppchen und Getränke. Und auch die Prominenz der Linkspartei, extra angereist, Dietmar Bartsch, Gregor Gysi, Susanne Henning-Wellsow. Sie sind gekommen, um die noch eher unbekannte Eva von Angern zu unterstützen. Oder ihr die Show zu stehlen, je nach Wahrnehmung. Man muss auf jeden Fall sagen: Die Kandidatin kann unabhängig von ihrem eigenen Können Unterstützung gebrauchen. Denn sie kämpft einen fast aussichtslosen Kampf, gegen die AfD, die CDU, die anderen Parteien, die eigene Bedeutungslosigkeit.

Eigentlich wollte die Linke in Sachsen-Anhalt an alte Triumphe anknüpfen. Hier gab es die erste von der PDS tolerierte Minderheitsregierung von SPD und Grünen in den Neunzigerjahren, in den Nullerjahren kam die Partei auf 24 Prozent. 2011 kandidierte der damalige Fraktionschef Wulf Gallert als Ministerpräsident, doch die drittplatzierte SPD entschied sich für die CDU als Koalitionspartner. Inzwischen steht die Linke bei elf Prozent, schlechter sogar noch als Anfang des Jahres, und könnte sich freuen, wenn sie am nächsten Sonntag überhaupt noch ein zweistelliges Ergebnis erzielt.

Spitzenkandidatin von Angern versucht, Optimismus zu verbreiten: „Vierzig Prozent der Menschen sagen, sie haben sich noch nicht entschieden.“ Noch fünf Tage bis zur Wahl.

Den Namen googeln

Sie sei ein bisschen müde, sagt von Angern, wenn man sich im Moritzhof erkundigt, wie es ihr so geht. Sie sitzt seit 2002 im Landtag, ist aber erst seit gut einem halben Jahr Fraktionschefin. Selbst in Sachsen-Anhalt ist sie vielen Wählern unbekannt, deshalb ist sie seit Wochen unterwegs, steht auf Marktplätzen, besucht Kitas, füttert Lämmchen. Zwischendurch muss sie pandemiebedingt noch Homeschooling bewältigen, sie hat Zwillingsjungs, sieben Jahre alt. Der älteste Sohn, 22, studiert in Berlin.

Neulich, sagt sie, habe sie sich in Magdeburg verfahren, das müsse man sich mal vorstellen. In der Stadt, in der sie ihr ganzes Leben verbracht habe. Pandemie- und Wahlkampfhirn wahrscheinlich.

Von Angern – da googelt man erstmal, ob sie überhaupt aus dem Osten kommt. Man erfährt, dass ihr Familienname aus einem Magdeburger Adelsgeschlecht stammt, ihre Eltern waren zu DDR-Zeiten das, was man heute systemnah nennt, Vater Polizist, Mutter Geschichtslehrerin. Von Angern trat 1996 in die PDS ein, mit 20, weil sie Gysi-Fan war. 2002 wurde sie Landtagsabgeordnete. Aber bevor sie ein Spitzenamt bekam, hat es etwas gedauert. An ihrem Ehrgeiz lag es nicht. Es heißt, sie sei 2014 bei einer Kandidatur bei den Älteren angeeckt, weil sie die DDR als einen Unrechtsstaat bezeichnet habe. Sie teilt sich außerdem eine Kanzlei mit einem CDU-Mitglied und schwärmt im Interview schon mal von Wolfgang Böhmer, dem früheren CDU-Ministerpräsidenten.

Mitten in der Pandemie schien die Lage für die Linke aussichtslos, und nun durfte eine Frau ran.

Auf der Bühne geht es gleich um ein „Sofortprogramm“ für gleichwertige Lebensverhältnisse in Ost und West. Die Partei hat für den Wahlkampf die Klassiker hervorgeholt, wie um zu zeigen, wer die echte Ost-Partei ist. Im Programm findet sich viel Altbekanntes: Forderungen nach gleichen Löhnen, gleichen Renten, einer besseren Elitenrepräsentanz. Noch immer arbeiten Ostdeutsche länger und verdienen weniger als Westdeutsche. Im Durchschnitt sechs Euro pro Stunde. Auch die Tarifbindung gilt im Osten nur für 45 Prozent, im Westen für 53 Prozent der Betriebe.

Es hieße immer, das Problem der Benachteiligung der Ostler wachse sich aus, das stimme aber nicht, sagt Eva von Angern auf der Bühne. „Selbst junge Menschen, die nach 1990 geboren sind, werden wegen ihrer ostdeutschen Herkunft und Sozialisation diskriminiert.“

Sie hat kaum zu Ende geredet, dann soll sie die Plätze tauschen und muss auf die andere Seite der Bühne laufen, um sich neben Gysi zu stellen. Sie huscht rüber und dann nochmal zurück, um ihr Namensschild zu holen. „Damit man uns nicht verwechselt“, sagt sie. „Das wird wohl nicht passieren“, sagt Matthias Höhne, der Ostbeauftragte. Selbst die Linke hat jemanden in dieser Funktion. Wahrscheinlich hat er es nicht so gemeint, aber es klingt ein bisschen gönnerhaft.

Vorwurf Inlandsrassismus

Wenn man sie später fragt, ob sich das mit der Benachteiligung Ostdeutscher nicht auswächst bei den Jüngeren, wird sie etwas ungenauer. Sie verweist auf Erfahrungen einer Mitarbeiterin, die sich bei Bewerbungen ausgegrenzt fühlte, nachdem sie sagte, dass sie aus Magdeburg komme. Sie selbst habe sich persönlich aber nie benachteiligt gefühlt, schiebt sie hinterher.

Das Beste am Wahlkampf der Linken war bisher ein Plakat. Man sieht darauf ein kleines Mädchen und einen dicken Hund, der an der Leine zerrt. Dazu der Slogan: „Nehmt den Wessis das Kommando“. Es löste einen Shitstorm aus, CDU, SPD, Grüne reagierten empört, überregionale Medien berichteten. Es war, was man sich von der Linken fast wünschte, es war provokant, frech. Es machte Hoffnung darauf, dass die Linke sich doch noch mal dran erinnert, dass sie einst die Ostpartei war. Aber dann hängten sie das Plakat nicht auf.

Wie bitte?

Das habe die Parteiführung beschlossen. Eva von Angern sagt, es sei ihr zu provokant gewesen, deshalb sei auch sie vehement dagegen gewesen, es aufzuhängen. „Mir ist Inlandsrassismus vorgeworfen worden“, sagt sie. Andererseits sagt sie auch: „Das Plakat ist ein Volltreffer. Die Briefe von den Bürgern dazu reißen nicht ab.“

Die Partei wirkt wie erschrocken von ihrer eigenen Courage. Der Umgang mit dem Plakat könnte auch die Überschrift zum Verhältnis der Linken mit der Macht sein: Erst groß reden, sich dann doch nicht trauen.

Mitte Mai ließ die Linke noch mal die Wähler abfragen, zur Sicherheit. 84 Prozent der Linken-Anhänger und 51 Prozent der AfD-Anhänger sagten, sie finden es richtig, dass sie die Benachteiligung Ostdeutscher zum Thema gemacht haben. Doch was bleibt außer einem Knallerplakat, das versteckt wird?

AfD, AfD, AfD und der alte Gysi

Wo sind die Wähler hin, die die Linke in den Nullerjahren gewählt haben? Sind die alle zur AfD gegangen? Auf der Bühne sieht man ernste Gesichter.

Es sei in der Pandemie schwer als Opposition durchzudringen, die Bevölkerung sei extrem polarisiert, viele wenden sich ganz von Politik ab, sagt Dietmar Bartsch. Wulf Gallert, langjähriger Fraktionschef in Magdeburg, weist auf strukturelle Probleme hin: Man habe bei der Kernwählerschaft, den Geringverdienern, den ärmeren Rentnern ein Akzeptanzproblem, viele seien zu Nichtwählern geworden. Parteichefin Susanne Henning-Wellsow sagt, es mangele an Durchsetzungsperspektiven. Man solle nichts versprechen, was man nicht halten könne.

Wenn man den Linken zuhört, bekommt man Lust, den Block zuzuklappen und zurückzufahren. Hat eh alles keinen Zweck. Auf der Bühne steht tapfer Eva von Angern und wirkt immer schmaler.

Gleicher Tag, wenige Stunden später, 50 Kilometer südlich, in der Kleinstadt Aschersleben. Auf dem Weg dorthin lief im Autoradio ein Politikerinterview, ein Mann namens Oliver Kirchner versprach kostenlose Kitas, kostenloses Mittagessen in Kita und Grundschule, und es klang fast wie ein Linker. Er ist aber der Spitzenkandidat der AfD. Was man spätestens merkte, als er sagte, dass er die Sozialausgabe mit Geldern aus dem „Asylbereich“ finanzieren will.

Die Sonne knallt auf den Platz in Aschersleben, es sind viele zwischen Zuschauer da, zwischen dreihundert und vierhundert, wird die Polizei später mitteilen. Alt, jung, Männer, Frauen, Mütter, Väter. Sie stehen dicht an dicht und werden von einem Ordner zum Masketragen aufgefordert, sonst müsse man die Veranstaltung auflösen. Ein paar ältere Damen sitzen auf Plastikstühlen und schimpfen über den Wahlkampf. „AfD, AfD, AfD, als gebe es gar nichts anderes mehr“, sagt eine von ihnen. Jetzt wollen sie sich mal den Gysi anschauen, den sie aus dem Fernsehen kennen. Eva von Angern? Nie gehört.

Selbst die Linkswähler wählen CDU

„Der Gysi“ kommt und wird sofort von älteren Fans umringt. Von Angern steht daneben, sie hält ein Kind an der Hand, ihr Patenkind, das mit seiner Mutter zur Veranstaltung gekommen ist. „Du warst super gestern“, ruft ihr eine Rothaarige im Vorbeigehen vorüber. Sie meint den Auftritt in der MDR-Wahlarena, als es Eva von Angern mit Kritik am Pandemiemanagement kurz gelang, den CDU-Spitzenkandidaten Reiner Haseloff aus der Fassung zu bringen. Von Angern freut sich sichtlich darüber, dass jemandem aufgefallen ist, dass sie sich schwer abrackert. Aber dann muss sie wieder dem Star die Bühne bereiten.

Gysi hält eine Rede, eine routinierte Mischung aus Gags, Fakten, Polemik. Von den Älteren bekommt er Applaus, wenn er die Errungenschaften der DDR lobt (flächendeckendes Kita-Netz, dichtestes Bahnnetz Europas), von den jüngeren, wenn er bessere Bezahlung für Frauenberufe fordert. Interessant wird es, als er über Migration und Integration redet. Er sagt, man müsse „Parallelgesellschaften“ verhindern. Diejenigen, die nach Deutschland kommen, müssten Deutsch lernen und sich einbringen. Ziel dürfe nicht sein, die hiesige Kultur einzuengen, sondern zu erweitern. Dafür bekommt er höflichen Applaus.

Er redet darüber, dass durch die Handys jeder in jeder Ecke der Welt wisse, wie hoch der Lebensstandard in Europa sei, deshalb werden weiterhin Menschen kommen und sich auf den Weg machen. Er sagt, die AfD tue so, als könne man die Flüchtlinge aufhalten. Das ginge aber nur mit Schießbefehl. Gysi macht eine Pause, das Wort hängt in der Luft, mit allen historischen Assoziationen, und sagt dann: „Das ist aber mit uns nicht zu machen.“

Kein Schießbefehl, immerhin.

Er kehrt dann schnell noch mal zur Benachteiligung Ostdeutscher zurück, nur drei von 74 Bundesbehörden haben eine ostdeutsche Leitung, es gebe nur eine ostdeutsche Bundesverfassungsrichterin. „Sie werden mich erst los, wenn die Gleichstellung der Lebensverhältnisse in Ostdeutschland erreicht ist.“ Wenn es in dem Tempo wie bisher bei der Lohnangleichung weitergeht, wäre das im Jahr 2065. Dann wäre Gysi 117 Jahre alt. Und vielleicht immer noch der berühmteste Linke.

Eva von Angern appelliert noch mal an die Wähler: „Wählen Sie demokratisch!“ Die Linke, nicht Haseloff, sei das Bollwerk gegen die AfD.

Die drei jungen Frauen in der hinteren Reihe haben aufmerksam zugehört. Sie sind Erstwählerinnen, sagen sie und haben sich noch nicht entschieden, wen sie wählen. „Wahrscheinlich die CDU“, sagt eine von ihnen. Die CDU? Was machen sie dann bei einer Linken-Veranstaltung?

Eine der Frauen sagt, das Wichtigste bei der Wahl sei ihr, dass die AfD nicht stärkste Partei wird. „Und das klappt nur, wenn die CDU die AfD schlägt“, sagt sie. Deshalb wähle sie CDU, obwohl sie Linke-Fan sei. Eva von Angern hat das nicht gehört.

Versionsanmerkung: In einer früheren Version hieß es, bei der Veranstaltung der Linken in Aschersleben seien zwischen 80 und 100 Menschen gewesen. Laut Polizei und Ordnungsamt waren es aber zwischen 300 und 400. Darauf wies ein Vertreter der Linken in Sachsen-Anhalt nach Veröffentlichung hin. Wir haben die Zahl korrigiert und bitten für den Fehler um Entschuldigung.