Nur ein Gerücht: Kein Beleg für rechtsextreme Krawalle in Borna zu Silvester

Von Giffey über Klingbeil bis hin zu Güler sprachen Politiker über Nazi-Ausschreitungen in Sachsen. Doch eine ZEIT-Recherche belegt nun: Die gab es nie.

SPD-Politikerin Franziska Giffey
SPD-Politikerin Franziska GiffeyFabian Sommer/dpa

Kurz nach den Silvester-Randalen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Berlin machte die Nachricht von 200 randalierenden Rechtsextremen in Sachsen Schlagzeilen. Das Nachrichtenportal T-Online veröffentlichte Anfang Januar einen Text, in dem behauptet wurde, in Borna hätten zu Silvester Neonazis unter „Sieg Heil“-Rufen das Rathaus angegriffen.

Mehrere Spitzenpolitiker, darunter SPD-Chef Lars Klingbeil und Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey und die CDU-Politikerin Serap Güler, beriefen sich auf die Nachricht und argumentierten, die Neujahrsgewalt gehe von völlig verschiedenen Bevölkerungsgruppen aus. Es handle sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Mit Migrationshintergrund habe die Gewalt also offensichtlich wenig zu tun. Klingbeil warf der CDU vor, über die Tat in Sachsen zu schweigen. Doch nun zeichnet die Recherche der Wochenzeitung DIE ZEIT ein gänzlich anderes Bild der Lage.

Hälfte der Silvester-Gäste in Borna hatte Migrationshintergrund

Die Informationen aus dem T-Online-Artikel lassen sich demnach nicht belegen. „Eine zusammenhängende Gruppe von 200 Randalierern, die rechtsextreme Parolen skandierten, kann hier niemand bestätigen“, heißt es in der ZEIT. „Tatsächlich seien um die 200 Personen auf dem Marktplatz gewesen. Etwas weniger als die Hälfte von ihnen seien dem Anschein nach Menschen mit Migrationshintergrund gewesen.“

Luftbild der Stadt Borna in Sachsen
Luftbild der Stadt Borna in SachsenSTAR-MEDIA/mago

Das schlussfolgere der SPD-Bürgermeister Oliver Urban nach Hinweisen von Bürgern, was Anwohner bestätigt hätten. „Ein kleinerer Teil von diesen 200 Feiernden, ungefähr 30 Personen, habe sich den Angaben der Polizei zufolge von anderen abgehoben: Diese 30 seien teilweise mit Sturmhauben vermummt gewesen und hätten in dem Moment, in dem ein Streifenwagen eintraf, eine Rakete auf die Beamten gerichtet und abgefeuert. Zudem sei versucht worden, den Weihnachtsbaum umzukippen oder mit Pyrotechnik anzuzünden, was jeweils misslang.“

Doch habe die Polizei laut deren Sprecher Olaf Hoppe „jenseits der Presseberichte bislang keine Hinweise auf eine rechtsextreme Gesinnung der Täter. Auch keiner von den zwölf Polizisten, die vor Ort waren, habe das so beschrieben.“

Die ZEIT ging auch der Quelle des T-Online Artikels nach und stieß dabei auf einen mittlerweile gelöschten Facebook-Post einer Anwohnerin. „Sie habe in der Silvesternacht um ein Uhr tatsächlich eine Gruppe von jungen Männern gehört, die ‚Sieg Heil‘ rufend die Straße vor ihrem Schlafzimmer entlanggelaufen seien. Gesehen habe sie die Gruppe nicht, aber der Lautstärke nach seien es bis zu zehn Personen gewesen, sagt die Facebook-Nutzerin, die anonym bleiben möchte“, heißt es in der ZEIT. T-Online unter Autor des Ursprungstextes haben Anfragen der ZEIT nach deren Angabe unbeantwortet gelassen.