Phnom Penh - Srey On zieht sich den Krama, das traditionelle Wickeltuch der Kambodschaner, über ihr zerstörtes Gesicht, steigt tastend aus dem Motorradtaxi. Dabei blickt sie nach links und rechts, als hätte sie noch Augen. Kinder spielen mit einer leeren Cola-Flasche Fußball, eine Frau verkauft grüne Mangos. Als Srey On durch die geschäftige Straße des Elendsviertels am Rande von Phnom Penh wankt, die Arme von sich gestreckt, wird es plötzlich ruhig. Alle starren auf das entstellte Gesicht, die Narben auf Armen und Händen. Sie zeigen mit dem Finger auf sie, manche wenden sich ab. Ein Mädchen beginnt zu weinen, versteckt sich hinter der Mutter. Srey On fühlt das auch ohne Augen, sie hört das Getuschel.

Rache an einer Geschäftspartnerin

In einer leeren Seitengasse voller Plastiktüten und Essensreste streicht sich die 31-Jährige das lange Kleid glatt, klopft an eine Tür aus Wellblech und schlüpft in die Wohnung. Sie hat eine Verabredung mit ihrer Tochter Naomi. „Naomi! Naomi! Wo bist du?“, fragt sie heiser, kniet auf dem nackten Zementboden und breitet die Arme aus. Sie zittert vor Aufregung, seit Wochen haben sich Mutter und Tochter nicht gesehen. Die Kleine wohnt seit dem Anschlag bei der Familie von Srey Ons Schwester – und vergisst langsam, dass die Frau hinter der Fratze ihre Mutter ist.

Zwei Jahre und zwölf Operationen ist es nun her, dass eine Nachbarin Srey On Säure ins Gesicht schüttete. Ein Versehen, eine Verwechslung. Eigentlich war die Säure für eine Geschäftspartnerin der Täterin bestimmt. Die Flüssigkeit fraß sich durch Srey Ons Gesicht, ätzte Nase und Augen fort, die Kopfhaut, auf der nur noch vereinzelt Haarbüschel stehen. Die Säure tropfte auf die Arme und Knie, hinterließ Narben und verwachsenes Gewebe. Niemand wurde je angeklagt oder verurteilt. Es gab keine Entschädigung. Fragt man Srey On, warum ihr das angetan wurde, zuckt sie mit den Schultern, dreht den Kopf weg. Sie weiß es nicht.

Die Hütte ist dunkel, nur ein paar Sonnenstrahlen dringen durch löchriges Wellblech. Als Naomi, fünf Jahre alt, die Gestalt in der Ecke entdeckt, bleibt sie stehen, blickt ängstlich zu ihrer Tante. Die Tante nickt, Naomi geht zögernd auf ihre Mutter zu, befühlt die Augen, das Loch, wo einmal eine Nase war, die verstümmelten Ohren – als befühle sie ein fremdes Objekt. Srey On lacht und schluchzt, umarmt das Mädchen, drückt es an sich. Schließlich kichert Naomi leise, faltet die Hände vor der Brust und verbeugt sich leicht – die kambodschanische Geste des Respekts vor Älteren. Dann gibt sie ihrer Mutter einen Kuss auf die vernarbte Wange.

Srey On ist eines von Hunderten Opfern von Säureattacken in Kambodscha. „Überlebende“ nennen sie sich. Man kann sie auf den Zuckerrohrplantagen finden. Als bettelnde Schatten in den Ruinen von Angkor. Auf den Müllkippen von Phnom Penh. Oder in wackligen Bambushütten, wo sie von Angehörigen aus Scham und Hilflosigkeit versteckt werden. Die Leute nennen sie die lebenden Toten. Säureangriffe nehmen Menschen wie Srey On nicht nur Aussehen und Augenlicht. Familien werden auseinandergerissen, Männer verlassen aus Scham ihre Frauen oder umgekehrt. Kinder verlieren die Eltern. Die Opfer können nicht mehr arbeiten, oft bleibt nur das Betteln. Oder sie werden zur Bürde für die Familie.