Ihre Zeit ist gekommen und die Linke hat seit dem Erfurter Parteitag ein klar antikapitalistisches Programm ganz nach ihrem Geschmack. Sahra Wagenknecht wird am 8. November als Erste Stellvertreterin von Fraktionschef Gregor Gysi kandidieren. Eine Kampfkandidatur um den Parteivorsitz gegen Gesine Lötzsch im Frühjahr 2012 schließt sie allerdings aus.

Frau Wagenknecht, vor gar nicht langer Zeit wurden Sie innerparteilich noch als Njet-Maschine und Spalterin beschimpft. Jetzt scheint es weder in Partei und Fraktion ohne Sie zu gehen. Was ist passiert?

Ich freue mich natürlich, dass ich zur Zeit sehr viel positive Resonanz bekomme. Ein Grund dafür ist auch, dass meine Hauptkompetenzen – Wirtschafts- und Finanzpolitik – durch die aktuelle Krise sehr gefragt sind. Außerdem hat die Linke jetzt ein klares antikapitalistisches und antineoliberales Programm – das sind die Positionen, die ich vertrete.

Ihren Aufstieg zur Fraktionschefin hat Gregor Gysi gerade verhindert. Werden Sie sein Kompromissangebot annehmen und am 8. November seine erste Stellvertreterin?

Ja, ich werde kandidieren. Auch wenn ich es bedauerlich finde, dass eine Minderheit in der Fraktion, die signalisiert hatte, mit meiner Wahl zur Co-Vorsitzenden nicht leben zu können, mit dieser Druckausübung letztlich erfolgreich war. Ich hätte es gut gefunden, wenn die Fraktion sich eine Doppelspitze gegeben hätte.

Wollen Sie denn nächstes Jahr Parteivorsitzende werden?

Nein, das ist nicht mein Ziel. Ich werde definitiv nicht in eine Kampfkandidatur gegen Gesine Lötsch gehen.

Da hat Frau Lötzsch Ihnen aber einen schönen Bärendienst erwiesen, als sie kürzlich erklärte, Parteivorsitzende bleiben zu wollen.

Natürlich hat sie als Vorsitzende das Recht, ihre erneute Kandidatur anzukündigen.

In Erfurt hat sich die Linke Ruhe in Personaldebatten verordnet. Nicht zwei Tage hat man sich daran gehalten.

Ich hielt die Verabredung für richtig. Womöglich wollte Gesine Lötzsch weitere Debatten mit ihrer Ankündigung stoppen. Wir haben derzeit andere Probleme. Die Finanzkrise ist mit aller Macht zurück, jetzt wird der Steuerzahler von den Regierenden und den Banken erneut schamlos ausgenommen. Wir haben bessere Konzepte. Hier sind wir gefordert

Braucht die Linke denn überhaupt neue Vorsitzende?

Darüber können wir im Juni 2012 reden. Bis dahin haben wir zwei gewählte Vorsitzende, das sollte jeder respektieren.

Wäre es nicht sinnvoller, wenn die Linke statt eines Duos an der Spitze einen Vorsitzenden oder eine Vorsitzende hätte?

Wir haben uns per Mitgliederentscheid für die Doppelspitze entschieden. Ich sehe nicht, was ein Einzelner besser machen könnte als zwei Vorsitzende. So etwas funktioniert allenfalls mit ganz außergewöhnlichen Persönlichkeiten, und die sind auch in der Politik rar gesät.

Die SPD rückt nach links, die CDU hat den Mindestlohn entdeckt. Wofür braucht es noch die Linke?

Wo ist die SPD linker geworden? Sie trägt in devoter Hörigkeit die als Eurorettung verbrämte Rettung der Gewinne und Privilegien des Finanzsektors mit. Wie die Grünen, das ist ein Armutszeugnis. In Landesregierungen strebt die SPD nibelungentreu an die Seite der CDU, auch wenn sie andere Alternativen hat.

Möglicherweise heißt der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, ein Hauptverantwortlicher für die Deregulierung der Finanzmärkte und Konstrukteur des ersten großen Bankenrettungspakets, mit dem die Steuerzahler über den Tisch gezogen wurden. SPD und Grüne sind genau wie die Regierung zu feige, sich mit den Bankern und den Reichen anzulegen. Dafür braucht es die Linke. Auch als Druck auf diese Parteien.

Aber die Menschen sehen das offensichtlich nicht so. In Umfragen bröckelt die Linke dahin und „Piraten“ und Occupy-Bewegung graben ihr zusätzlich noch Wasser ab.

Zurzeit steigen wir in den Umfragen wieder. Die Piraten profitieren davon, dass viele Menschen ihre Enttäuschung und ihren Ärger über das Politgeklüngel nicht mehr bei der Linken aufgehoben sehen, sondern uns als Teil des Establishments wahrnehmen. Das war vor allem in Berlin der Fall. Wir müssen wieder deutlicher machen, dass wir uns von allen anderen Parteien grundlegend unterscheiden: in unseren Inhalten, aber auch in unserem Politikanspruch. Wir wollen uns nicht irgendwie an die Macht kungeln, sondern die Gesellschaft verändern.

Das, was die Occupy-Bewegung will, deckt sich doch am meisten mit dem Programm der Linken. Sie ist aus dem berechtigten Eindruck entstanden, dass 99 Prozent der Bürger vom herrschenden Parteienkartell nicht mehr vertreten werden. Das ist so. Gerade deshalb muss die Linke wieder stärker werden.

Das Gespräch führten Bernhard Honnigfort und Jörg Schindler.