Wagenknecht im Wahlkampf: „Politischer Fels in der Brandung“, und die DKP ist auch dabei

Ein Wahlkampfabend mit Sahra Wagenknecht in Berlin-Schöneberg. Zwischen Kommunisten, „Aufstehen“ und einem Echsenkopf.

Sahra Wagenknecht vor ihrem Auftritt im Wahlkampf der Linke in Berlin.
Sahra Wagenknecht vor ihrem Auftritt im Wahlkampf der Linke in Berlin.dpa

Klar, das ist eine Wahlkampfveranstaltung der Linkspartei, doch Nadine will die Linke gar nicht wählen. Da muss sie nun selbst grinsen. Sie hat sich warm angezogen, dicke Winterjacke und Mütze, es ist ja wieder kalt in Berlin. Vor ihr steht die kleine Bühne, neben dem Marktplatz verlaufen S-Bahngleise. 

Also, warum ist sie hier?

Gerade hat sie Sahra Wagenknecht als „Rückhalt“ bezeichnet, aber sie will das jetzt noch mal präzisieren. Wagenknecht, sagt Nadine, sei ein „politischer Fels in der Brandung“. Das klinge doch gut, oder?

Jedenfalls sei sie ihretwegen gekommen, der Hauptrednerin. Und im Februar, wenn Berlin die Wahl zum Abgeordnetenhaus wiederholt, werde sie mit 37 Jahren zum ersten Mal ungültig wählen. Schließlich habe Wagenknecht ja noch keine neue Partei gegründet. Da grinst sie wieder.

Der Bezirksverband Tempelhof-Schöneberg, der als Wagenknecht-Hochburg Berlins gilt, hat sich am Donnerstagabend getraut, er hat die bekannteste und umstrittenste Linke-Politikerin des Landes auf seine Kundgebung eingeladen. Trotz des Unmuts in der eigenen Partei. Gemeinsam fordern sie: „Heizung, Brot und Frieden!“ So steht es in der Ankündigung.

Die Deutsche Kommunistische Partei ist auch da

Ein Mann hält ein Plakat mit der Aufschrift „Gegen Aufrüstung + (Wirtschafts-) Krieg“, er ist Mitglied der Linke im Bezirk. Seinen Namen will er lieber nicht nennen. Nein, auf der Seite Russlands stehe er nicht, aber es dürfe nicht nur „Jubel geben für den Krieg“ in der Ukraine. Sahra Wagenknecht habe Charisma, meint er, doch mit allem, was die Bundestagsabgeordnete so sagt, sei er nun auch wieder nicht einverstanden.

Es ist jetzt 17 Uhr, gleich muss es losgehen. Ein paar Leute halten ein Transparent des Vereins „Aufstehen“, der 2018 von Wagenknecht initiiert wurde, aber bald an Kraft verlor. Es werden Flyer verteilt, einer informiert über die Berliner „Basisgruppen“ und Stammtische der erlahmten Bewegung. 

Einige haben Transparente und Flyer des Vereins „Aufstehen“ mitgebracht.
Einige haben Transparente und Flyer des Vereins „Aufstehen“ mitgebracht.Maximilian Beer/Berliner Zeitung

Gekommen ist auch Stefan Natke, der Vorsitzende der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) Berlins. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet und als linksextremistisch eingestuft. Natke geht durch die Reihen und verteilt die Zeitung der DKP, „nicht umsonst, aber kostenfrei“, sagt er. Warum ist er hier?

Natke, graues lockiges Haar und üppiger Schnäuzer, spricht von vielen Schnittmengen zwischen der Programmatik der DKP und dem, was Teile der Linken sagen. Das betreffe vor allem die Frage von Krieg und Frieden. Es sei wichtig, dass linke Parteien zusammenstünden.

Ein älterer Herr, der kurz darauf eine der Zeitungen nimmt, freut sich über alles, was „so ein bisschen abseits der Mainstream-Presse“ sei. „Aber wenig Leutchen hier“, sagt er. Am Ende sind es etwa 250.

Warten auf Wagenknecht.

Gegendemo zu sechst – nach Feierabend

Es ist 17.08 Uhr, als Friederike Benda die Bühne betritt. Sie ist einer der Kandidaten der Schöneberger Linken bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus. Wagenknecht sei „auf dem Weg“, sagt Benda.

Der Tagesspiegel hatte vor der Veranstaltung von einer parallelen Kundgebung „aus dem politisch linken Spektrum“ berichtet, sie sei angekündigt unter dem Titel: „Sahra, lass das Schwurbeln sein!“ Das klingt nach Gegenprotest. Allerdings muss man den erst mal finden.

Vom Marktplatz geht es die Crellestraße hinab Richtung S-Bahnstation Yorckstraße, und dort, 50 Meter von der Bühne entfernt, von Polizisten abgeschirmt steht der Mann, der die Demonstration angemeldet hat, er nennt sich „Schnappi“ und diskutiert gerade mit zwei Frauen. Warum er und seine Leute denn stören müssten, wollen die wissen.

„Schnappi“ hat die Gegen-Demo angemeldet.
„Schnappi“ hat die Gegen-Demo angemeldet.Maximilian Beer/Berliner Zeitung

„Schnappi“ trägt eine Antifa-Fahne und eine Kapuze mit einem Echsenkopf. Er und seine Leute seien hier, um zu irritieren, sie würden von Bill Gates und der Nato bezahlt. Wenn er gerade nicht über seine eigenen Witze lacht, sagt er, dass Wagenknecht Brücken zum „neo-faschistischen Lager“ baue, wenn sie das Asylrecht als Gastrecht diffamiere oder Impfskepsis verbreite.

Außer ihm seien vier weitere Personen zur Gegen-Demonstration gekommen. Das lässt sich ganz gut nachzählen. Eine weitere werde sich anschließen, sobald sie Feierabend habe, sagt „Schnappi“. Das sei wie bei einer Party, man wüsste eben nie, ob es voll wird oder nicht. Er will jetzt noch mal das Lied spielen, das eben schon aus seinem Megafon zum Marktplatz drang. „From Sarah With Love“, von Sarah Connor.

Stefan Natke, der DKP-Chef, ärgert sich, dass „Schnappi“ eine Antifa-Fahne hält. Er findet, das werde der Fahne nicht gerecht.

Oben auf der Bühne steht jetzt Alexander King. Auch er kandidiert in Schöneberg für das Abgeordnetenhaus. Es ist 17.20 Uhr, und King kündigt endlich die Frau an, „die ihre Meinung immer ausspricht“.

Wagenknecht sieht USA als Kriegsprofiteure

Und Wagenknecht spricht ihre Meinung aus. Sie schimpft über „Kriegsnarren in der Regierung“, sie bezeichnet die Führung in Kiew als korrupt. Wer von dem Ukraine-Krieg profitiere, fragt sie, und antwortet selbst: die US-Rüstungsindustrie, die US-Energiekonzerne. Applaus.

Wagenknecht redet 20 Minuten, aber Begeisterungsstürme, wie man so sagt, klingen anders. Liegt es vielleicht daran, dass man das schon oft gehört hat? Oder liegt es doch an der Temperatur? Ob sie ein Wasser haben könne, will sie wissen, ihre Stimme bricht. Wegen der Kälte, sagt Wagenknecht.

Als sie fast fertig ist, hört man aus der Ferne „Schnappi“. Er ruft jetzt noch irgendwas ins Mikrofon. „Hoffen wir mal, dass sich etwas ändert in unserem Land“, sagt Wagenknecht zum Schluss. Bei der Linke bleibt vorerst alles beim Alten.

Hinweis: Hier lesen Sie mehr zum Auftritt von Sahra Wagenknecht in Berlin-Schöneberg.