Es mag Zufall sein, aber manches spricht doch auch für Inszenierung: Dieser Montag, an dem Sahra Wagenknecht ihren Rückzug vom Amt der Fraktionsvorsitzenden der Linken bekannt gibt, liegt auf den Tag genau 20 Jahre nach dem völlig überraschenden Rücktritt ihres heutigen Ehemanns Oskar Lafontaine von seinen damaligen Ämtern: Vorsitzender der SPD, Bundesfinanzminister Bundestagsabgeordneter.

Freilich, sie verschwindet anders als Lafontaine nicht von jetzt auf gleich von der politischen Bühne. Sie bleibt noch bis zum Herbst Fraktionschefin, wenn Neuwahlen anstehen, für die sie dann nicht mehr kandidieren wird.

Oskar Lafontaines sofortiger Rücktritt am 11. März 1999

Lafontaine hingegen machte sich sozusagen schriftlich und sofort aus dem Staub. Er diktiert um die Mittagszeit des 11. März 1999 in seinem Amtszimmer im Bonner Bundesfinanzministerium drei zweizeilige Rücktrittsschreiben und lässt sie per Boten ins Kanzleramt, zum Bundestagspräsidenten und in die SPD-Zentrale bringen. Dann verabschiedet er sich bei seiner Sekretärin und lässt ein letztes Mal den Dienstwagen vorfahren, der ihn heim nach Saarbrücken chauffiert. Versuche Schröders, ihn im Auto telefonisch zu erreichen, lässt er abwimmeln. Die beiden Männer haben seither kein Wort mehr miteinander gewechselt.

Lafontaine lässt schockierte und vollkommen überraschte Weggefährten in Bonn zurück. Joschka Fischer ist nachmittags am Rhein joggen, als das Handy des ihn begleitenden Sicherheitsbeamten klingelt. Bundeskanzler Gerhard Schröder ist dran und fordert seinen Außenminister und Vizekanzler auf, sofort umzukehren und ins Kanzleramt zu rennen. Dort kommt der Grünenpolitiker dann verschwitzt, in kurzen Hosen und mit Baseballkappe auf dem Kopf an. 

Oskar Lafontaine zieht mit 55 Jahren einen Schlussstrich

Oskar Lafontaine bleibt erst einmal vor der Öffentlichkeit verborgen, bis er sich am nächsten Vormittag am Gartenzaun den vor seinem Haus wartenden Journalisten stellt – auf den Schultern seinen kleinen Sohn Maurice. Er beantwortet keine Fragen sondern sagt nur: „Macht mal schön Eure Fotos. Und dann hätte ich gern, dass Ihr uns ein bisschen in Ruhe lasst. Tschüss!“

Oskar Lafontaine ist 55 Jahre alt, als er diesen Schlussstrich zieht. Er ist zu der Erkenntnis gekommen, dass er den wirtschaftsfreundlichen Kurs von Schröder nicht wird korrigieren können. Das wird dann sein großes Ziel, als er wenige Jahre später gemeinsam mit Gregor Gysis PDS die Partei Die Linke gründet – in der er Sahra Wagenknecht kennen und lieben lernt.