Berlin - Übertreiben, ein bisschen eins drauf setzen, das war Salman Rushdies Motivation, als er sein neues Buch „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ schrieb. „Ich wusste nicht, wie nah ich mit diesem Buch der Realität komme. Sie hat mich eingeholt“, sagt Rushdie an diesem grauen und verregneten Novemberabend im Haus der Festspiele in Berlin. Es ist die letzte Lesung des „Internationalen Literaturfestivals“.

Diese Welt, von der der britisch-indische Schriftsteller in seinem nunmehr zwölften Roman erzählt, ist verrückt geworden, „bizarr und seltsam“, so beschreibt es Rushdie selbst. Es ist ein Märchen, eine Liebesgeschichte, in der ein sterblicher Philosoph mit einer Dschinn, einem nach dem islamischen Glauben unsichtbaren dämonenartigen Wesen, Kinder gebiert. Rushdie erschafft eine Welt, in der Unvernunft herrscht, die zwischen Fantasie und Wirklichkeit, zwischen Bösewichten und Fabelwesen spielt, in denen die Konflikte der Welt – von Terror, IS, Fanatismus und Glaubenskriegen geprägt – verschlüsselt herauslesbar sind.

„Ich wollte schon etwas Glaubwürdiges schreiben, aber dann passierten in der echten Welt all diese Dinge“, sagt der 68-Jährige.

LKA überwacht Rushdie-Auftritt

All diese Dinge. Charlie Hebdo, Ankara, Paris, Boko Haram. Anschläge, Angst, Morde und Ohnmacht. Auch an diesem Abend ist das alles ganz nah. Gerade eine Woche ist es her, dass Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in der französischen Hauptstadt kaltblütig mehr als 130 Menschen ermordeten. Ob denn auch besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, fragte eine Besucherin über Facebook schon Tage vor dem Event. Das Landeskriminalamt sei informiert, so die Antwort. Eine Sprecherin sagt, dass Beamte sich unters Publikum gemischt hätten.

Wenn ein islamkritischer Autor an Tagen wie diesen öffentlich auftritt, sind viele in Alarmbereitschaft. Und an diesem Abend herrscht im ausverkauften Haus der Festspiele sogar Garderobenpflicht: Jacken, Mäntel, Taschen – nichts darf mit in den Lesesaal genommen werden. Keine Ausnahme. Für niemanden.

Fatwa gegen Rushdie

Rushdie selbst wirkt an diesem Abend ganz entspannt. Charmant ist er, immer wieder bringt er das Publikum mit seiner warmen, wenn auch leicht verschnupften, Stimme zum Lachen. Dabei lebt der Autor selbst seit Jahren in Angst, um nicht zu sagen in Todesangst, seit er mit seinem 1988 veröffentlichten allegorischen Werk „Die satanischen Verse“ den Zorn zahlreicher Muslime in aller Welt auf sich zog. Sie sahen ihren Glauben und vor allen ihren Propheten Mohammed geschmäht, der in dem Buch unter dem Namen Mahound den Protagonisten darstellt, und warfen ihm Blasphemie vor. Rushdie setzt sich in dem Roman – erzogen als indischer Muslim – unter anderem mit seiner eigenen Loslösung von islamischen Traditionen auseinander.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, welche Antwort Rushdie den Attentätern von Paris entgegensetzt.