Sandra Scheeres (SPD).
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BerlinDass man als Frau mehr kämpfen muss in der Politik, hat Sandra Scheeres früh gelernt. Mit 16 war sie bei den Falken, der Jugendorganisation der SPD. Das war noch in Düsseldorf, da kommt sie her. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen, wuchs bei ihrer Mutter auf. Sie wusste früh, dass sie später einmal Politikerin werden will. „Ich wollte etwas bewirken", sagt sie.

Bei den Falken gab es auch Mädchen, aber im Vorstand saßen vor allem Jungs. Als Sandra Scheeres ihre Kandidatur verkündete, gab es Gegenwind. „Ich habe mich nie abschrecken lassen“, sagt sie im Rückblick. Das ist ein Satz, der während des Telefonats mehrfach fallen wird und der vielleicht so etwas wie ein Leitsatz ist in ihrem Politikerinnenleben. 

Fast 35 Jahre ist sie politisch aktiv. Sandra Scheeres, inzwischen 50, ist führt seit knapp zehn Jahren das wahrscheinlich härteste Ressort der Berliner Landesregierung, mit vielen Brennpunkten, baufälligen Schulen, Lehrer- und Erzieherinnenmangel. Es prasselt ständig Kritik, mehrfach hieß es, sie stünde kurz vor der Ablösung, aber sie ist immer noch da. Sie hat sich in Berlin hochgekämpft, Ortsverein, Kreisverband, Abgeordnetenhaus.

Als sie im Ortsverein in Pankow anfing, waren da nur ältere Männer, erinnert sie sich. Sie eroberte einen Sitz im Kreisvorstand und begann, den Ortsverein umzukrempeln. Es sei ihr wichtig gewesen, eine andere Kultur zu etablieren, um attraktiver für Frauen zu werden. Sie verlegte Treffen vom Abend in den Nachmittag, hielt Kontakt zu Mitgliedern, auch während der Elternzeit. Sie rief ein Familien-Bündnis ins Leben, entwickelte gemeinsam eine Broschüre für neue Eltern, in der alle Anlaufstellen im Bezirk für Familien gesammelt waren. So etwas gab es damals noch nicht. Sie sei damals belächelt worden, sagt sie. Heute gibt es den Familienwegweiser in allen Bezirken.

Lob für Wowereit

Als 2011 der damalige Bildungssenator Jürgen Zöllner aufhörte, fragte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die bildungspolitische Sprecherin seiner Fraktion, ob sie Senatorin werden wolle. Sandra Scheeres hatte damals schon auf sich aufmerksam gemacht, hatte früh erkannt, dass die Stadt mehr Kita-Plätze brauchen würde. Ihre eigenen Kinder waren noch klein, sechs und ein Jahr alt, zudem kümmerte sie sich um ihre kranke Mutter. Wowereit habe damals nicht den Satz gesagt, den Chefs üblicherweise zu Müttern sagen: „Schaffst du das?“ Er sagte: „Schafft ihr das?“ Ihr – Scheeres und ihr Mann. Er bezog ihren Mann ein. Das rechnet sie Klaus Wowereit bis heute hoch an. In der Öffentlichkeit musste sie aber nach ihrer Ernennung viel Häme einstecken. Ihr Vorgänger Zöllner war Professor, sie war Mutter. So in etwa gingen die Texte. Sie sei Erzieherin von Beruf, hieß es, ihr Uni-Abschluss in Pädagogik wurde meist nicht erwähnt. „Frauen werden anders bewertet als Männer“, hat sie gelernt. 

Sandra Scheeres hat als Senatorin einiges erreicht, 30.000 Kita-Plätze, viel Geld für den Schulneubau, eine Verwaltung, die komplett von Frauen geführt wird, trotzdem ist es nie genug. Sie ist die unbeliebteste Politikerin des Landes. Aber sie will nicht geliebt werden, jedenfalls nicht von allen. 

Dass sie viel hat einstecken müssen, erzählt sie eher beiläufig. Einer Frau, die etwas durchzieht, werden mangelnde Absprachen vorgeworfen, ein Mann wird gelobt für seine Stärke. Frauen müssen in der Politik mehr leisten als Männer, um aufzusteigen, sagt Sandra Scheeres, das müsse sich ändern und deshalb unterstütze sie auch das Paritätsgesetz, das die Berliner Fraktionen planen.

Was würde sie jungen Frauen empfehlen, die in die Politik wollen? „Man braucht ein Umfeld, das einen unterstützt, und den Willen, etwas verändern zu wollen. Dann musst du unbeirrt deinen Weg gehen.“ Und man darf sich nicht abschrecken lassen.