„Ich habe nie über mein Alter oder mein Geschlecht nachgedacht. Ich denke an die Gründe, die mich in die Politik gebracht haben.“
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BerlinDass Ministerpräsidenten zurücktreten, ist kein ungewöhnlicher Vorgang. Oft geschieht das relativ geräuschlos. Gerade Finnland ist nicht für lautstarke politische Auseinandersetzung bekannt. Als der finnische Ministerpräsident Antti Rinne am 3. Dezember nach einer Krise innerhalb der Koalition – einem Bündnis seiner Sozialdemokraten mit Zentrumspartei, Grünen, Linken und Schwedischer Volkspartei – sein Rücktrittsgesuch einreichte, war das den meisten Medien außerhalb des Landes allenfalls eine Meldung wert.

Für größeres Aufsehen sorgt die Wahl seiner Nachfolgerin, Sanna Marin, der bisherigen Verkehrs- und Kommunikationsministerin des Landes. Wenn das Parlament zustimmt – wovon auszugehen ist –, wird Marin an diesem Dienstag vereidigt und wäre mit 34 Jahren eine der jüngsten Regierungschefinnen weltweit. Eine junge Frau an der Spitze einer Regierung: Das reicht auch dieser Tage noch für eine kleine Sensation.

Sanna Marin selbst sagt dazu: „Ich habe nie über mein Alter oder mein Geschlecht nachgedacht. Ich denke an die Gründe, die mich in die Politik gebracht haben.“ Dass es vielen schwerfällt, der Sozialdemokratin aus Tampere im Südwesten Finnlands diese Worte uneingeschränkt zu glauben, sagt einiges darüber, wie Frauen in der Politik immer noch wahrgenommen werden: als Ausnahmen oder Phänomene, die wahlweise gefeiert oder kritisch beäugt werden.

In Finnland jedoch sind Frauen keine Ausnahme 

Dabei ist Sanna Marin alles andere als eine Newcomerin. Seit mehr als zehn Jahren ist die Mutter einer kleinen Tochter politisch aktiv, seit 2015 sitzt sie im Parlament. Die Verwaltungswissenschaftlerin ist außerdem Vize-Chefin ihrer Partei. Auch ist sie keine ungewöhnliche Erscheinung in der finnischen Politik. In der derzeitigen Koalition werden bereits vier von fünf Parteien von Frauen geführt. Drei von ihnen sind jünger als 35 Jahre.

Die Wahl von Marin ist die logische Konsequenz einer Entwicklung, die vor mehr als hundert Jahren begann. Schon 1906, als Finnland noch autonomer Teil des russischen Zarenreiches war, setzte die Arbeiterbewegung das aktive und passive Wahlrecht für Frauen durch – früher als irgendwo sonst in Europa. Finnland hatte bereits Regierungschefinnen, Parlamentspräsidentinnen und eine Staatspräsidentin.

Insofern kann man Sanna Marin glauben, dass sie über ihr Geschlecht und Alter in Bezug auf ihre politische Tätigkeit nie nachgedacht hat. Und dass das ungläubige Staunen ringsum für sie nicht mehr ist als ein Echo aus längst vergangenen Zeiten.