Sie ist eine berühmte Fernsehköchin, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, sie leitet eine Stiftung, und jetzt will Sarah Wiener, 56, auch noch in die Politik einsteigen: Die Grünen in Österreich haben sie für die Wahl zum Europaparlament nominiert. Ein langer Weg, seitdem sie im Restaurant ihres Vaters, des Künstlers und Agent Provocateurs Oswald „Ossi“ Wiener, die Kartoffeln schälte. Heute lebt sie zwischen ihrem Gut Kerkow in der Uckermark und Berlin, betreut mal ihren Hof auf dem Land, mal ihre Restaurants in der Stadt. In einem ihrer Restaurants, am Hamburger Bahnhof in Berlin, treffen wir sie zum Gespräch, das allerdings sogleich unterbrochen wird, als ein Fuchs am Fenster vorbeiläuft. Obwohl die Zeit knapp ist, zieht das Tier ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich. Was macht ein Fuchs vor ihrem Restaurant? „Sehr jugendlich schaut er nicht aus“, sinniert sie, „eher wie ein armer Rentner, der sich abgemagert durch den Müll schnorren muss. Ich hoffe für ihn und für uns, dass er keine Tollwut hat.“ Woraufhin wir meinen, Tollwut sei keine aktuelle Gefahr. „Wir sind hier eher Zeugen der Urbanisierung der Wildtiere: Waschbär, Wildschwein, Fuchs.“ Apropos urbanes Leben …

Sie sind in Wien aufgewachsen, in den 60er-Jahren. Wie sind Ihre Erinnerungen?

Ich habe weniger Erinnerungen an Wien, sondern eher punktuell an meinen Kindergarten. Die Straße, wo ich aufgewachsen bin, das Glockenläuten, was ich immer noch liebe. An den Greißler, wo wir aufschreiben ließen.

Den Greißler?

Greißler sind Tante-Emma-Läden, die es leider alle nicht mehr gibt. Im Laufe der Zeit habe ich gesehen, wie diese Läden zugemacht haben. Immer anonymere Ketten sind stattdessen reingezogen. Von Schönheit und Ästhetik her war das kein Fortschritt.

Sie haben anschreiben lassen, sagen Sie? Das heißt, es war nicht immer genug Geld da?

Meine Mutter ist bildende Künstlerin und hat drei Kinder in zweieinhalb Jahren bekommen. Als das dritte da war, hat mein Vater sie verlassen. Sie ist ja Deutsche und war sozusagen im fremden Land, hatte nicht viele Freunde und als Künstlerin mit drei Kindern auch kein Geld. Die Musik meiner Kindheit war: „Können wir die Miete zahlen?“ und: „Haben Sie reduzierte Ware?“

Ihr Vater ist Oswald Wiener, der berühmte Schriftsteller, Jazzmusiker und Theoretiker der Kybernetik. Wie haben Sie das verfolgt, den Wirbel, den er entfacht hat?

Gar nicht. Bin ja bei meiner Mutter aufgewachsen. Das spielt als Kind überhaupt keine Rolle, wie Eltern in der Außenwahrnehmung gesehen werden.

Und heute?

Ich habe mit beiden ein gutes Verhältnis. Mein Vater lebt nach vielen Jahren im Yukon Territory in der Wildnis nun in der Steiermark. Meine Mutter wohnt in Wien.

Nach dem Mädcheninternat sollen Sie bekifft durch ganz Europa gereist sein. Stimmt der THC-Wert dieser Aussage?

Quatsch. Ich habe mir nie selber Dope oder Gras gekauft, ich war auch nicht jemand, der sich bekifft durch den Tag gehangelt hat. Das war für mich nie so ein Reiz, das ist stark übertrieben.

Stimmt der Teil mit Europa?

Nur zum Teil. Eigentlich war es nur Italien, Frankreich, dann wird es schon dünn.

Obwohl Sie bei der Mutter groß geworden sind, folgten Sie dem Vater nach Berlin.

Ich bin ihm nicht gefolgt. Er hat in Berlin gewohnt. Ich bin durch Deutschland getrampt. Und bin in Berlin gelandet. Damals stand die Mauer noch, und Berlin war für junge Leute ein sehr aufregendes Pflaster, ohne Sperrstunde und mit vielen Freiheiten.

Außerdem haben die Berliner die Wiener auch immer sehr gemocht.

Die Wiener mögen auch die Berliner. Das ist nicht mit allen Deutschen so. Die Österreicher per se haben ein bisserl Angst vor dem großen Bruder. Alleine von der schieren Größe und der Effizienz und Disziplin der Deutschen fühlen sie sich auch ab und zu in die Ecke gedrängt. Aber das Verhältnis Berlin und Wien war immer etwas Besonderes.

Ihr Vater hat nicht nur das Restaurant Exil in Berlin gehabt, der hat ja hier im Exil gelebt. Er hatte in Wien Vorlesungen gehalten, während Aktivisten dazu masturbiert und uriniert haben. Haben Sie das mitbekommen?

Nein, da war ich zu jung.

Sie haben dann aber bei ihm im „Exil“ und im „Axbax“ gearbeitet.

Ja, ich habe bei ihm und bei seiner zweiten Frau Ingrid gelebt, und bei Ingrid habe ich dann kochen gelernt. Als Küchenhilfe angefangen, mich hochgearbeitet, weil ich das spannend fand.

Sehen Sie sich überhaupt als Köchin?

Jeder, der professionell kocht, ist in meinen Augen Koch.

Wird man in der eitlen und hochprofessionalisierten Gourmet-Branche nicht schief angeschaut als Quereinsteigerin?

Nein. Das schließt sich nicht aus. Die meisten Sterneköche sind Quereinsteiger. In dem Sinne bin ich Köchin, ich habe das den größten Teil meines Lebens gemacht.

Sie scheinen generell am liebsten nach dem Prinzip Learning by Doing vorzugehen: So haben Sie es zur Köchin, zur Geschäftsfrau, zuletzt auch zur Imkerin gebracht.

Das ist mein Schicksal, und mein Leben ist so. Ich denke, was man braucht in jeder Arbeit ist Erfahrung. Gerade im Handwerk, da muss man nicht unbedingt eine Ausbildung haben, aber der Weg über Erfahrungen ist mühsamer und länger. Vielleicht ist man als Quereinsteiger nicht in jedem Detail so gut ausgebildet wie in einer staatlichen Ausbildung. Aber dafür auf einem bestimmten Gebiet vielleicht sogar besser. Ich will das nicht beurteilen, Bildung ist wichtig – sagt die Schulabbrecherin. Ich kenne aber unglaublich tolle Handwerker und Köche, die keinen Abschluss haben. Und eben auch hochintelligente Leute, die nur die Grundschulausbildung haben.

Als alleinerziehende Mutter und Aushilfsköchin sind Sie 1991 und 1992 nebenher auch noch Berliner Taekwondo-Meisterin geworden – wie haben Sie das alles geschafft?

Ich habe Artur, meinen Sohn, einfach mitgenommen und auf eine Decke gesetzt. Oder die Mutter meines türkischen Trainers hat auf ihn aufgepasst. Ich war bei denen auch sehr oft privat zu Hause, sie war sozusagen auch seine Bezugsperson, als er ganz klein war. Und dann habe ich trainiert.

Anscheinend mit viel Ehrgeiz. Berliner Meisterin im Taekwondo wird man nicht nebenbei.

Ich war auch schleswig-holsteinische Meisterin und hatte noch ein paar andere Titel. Das ist schon mein Wesen, wenn mir etwas gefällt, wenn ich für etwas Leidenschaft entwickle, dann mache ich das ganz und gar.

Würden Sie sagen, der Ankauf eines W50- Küchenwagens der ehemaligen NVA, um damit Filmcatering anzubieten, ist bis heute Ihr größter unternehmerischer Schritt nach vorne gewesen?

Bis vor kurzem hätte ich darauf „Ja“ geantwortet. Das war damals für mich ein unabsehbar großes Risiko, von der Sozialhilfe mich auf einmal mit 10.000 DM zu verschulden. Ich wirke manchmal so chaotisch, aber ich bin extrem diszipliniert, und wenn ich zu etwas „Ja“ sage, dann mache ich das auch. Das hat mir damals wirklich Angstschweiß verursacht: dieses Geld vielleicht nicht zurückzahlen zu können und mich ein Leben lang zu verschulden.

Der W50 soll der letzte seiner Art gewesen sein.

Die hatten nur einen, ich habe an der Kfz-Stelle damals angerufen und gesagt, haben Sie nicht eine mobile Küche, weil ich ja kein Geld hatte und wusste, ich brauche ein gebrauchtes Teil. Und dann hab ich den gekauft, obwohl ich gar keinen Lkw fahren darf, weil ich einen Sehfehler habe und auch keinen Führerschein dafür hatte. Aber manchmal muss man sich dem Leben auf unkonventionelle Art und Weise nähern, wenn man Träume hat, weil das sonst nix wird. Wenn man immer im Voraus sagt, das ist Blödsinn, du kannst nicht einmal das Teil fahren, du weißt überhaupt nicht, was in der Film-Szene los ist! – klar, dann macht man es nicht. Aber mehr als scheitern und es versucht zu haben, kann man ja eh nicht. Es aber nicht versucht zu haben, würde ich schlimmer finden.

Existiert der Wagen noch?

Sicher nicht. Ich habe ihn nach ein paar Jahren dann getauscht gegen einen anderen Wagen, und ich habe dann kurz darauf gehört, dass die W50 für die Straßenverkehrsordnung verboten wurden.

Die jüngste Aktivität unter den vielen ist, für die österreichischen Grünen fürs EU-Parlament zu kandidieren.

Die österreichische Grünen-Spitze hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. Nach einigem Überlegen habe ich mir gedacht, das ist stringent und logisch, dass ich versuche, den Wählern dieses Angebot zu machen. Ich bin überzeugt, dass agrar- und ernährungspolitische Impulse nicht nur von unten, nicht nur von den Graswurzelbewegungen und NGOs kommen müssen – und dass auch normale Menschen in die Politik gehören und nicht nur Karrierepolitiker.

Sofort kam die Kritik, die Wiener geht jetzt auch noch in die Politik. Noch einen Quereinsteiger in der Politik braucht es aber nicht.

Was heißt, noch einen Quereinsteiger braucht man nicht? Erstens ist jeder Mensch anders. Auch die Intention oder die Fähigkeiten sind anders. Mein Leben lang war ich ein Quereinsteiger, insofern passt das alles. Wir brauchen jeden Engagierten, der versucht, Politik nicht nur für Lobbyisten und für die Großkonzerne zu machen, sondern für die Menschen. Wir brauchen gerade jetzt, wo die EU über eine Ernährungswende und über die Landwirtschaft bestimmt, wirklich jeden. Erst recht angesichts des Rechtsrucks und der Befürchtung, dass sich die extreme Rechte verdoppeln wird im EU-Parlament. Da müssen wir sagen: Nein, das ist unser Leben, es ist unsere Zukunft, es sind unsere Kinder. Wir selbst – so alt bin ich auch nicht – werden noch das Desaster voll mitkriegen, und ich finde es unverantwortlich und beschämend und desaströs, dass wir immer nur Interessen von Splittergruppen im Auge haben und nicht das große Bild, von Ökologie, von Vielfalt, von Artenschutz. Wir brauchen auch Schutz vor der Digitalisierung und vor Großkonzernen, die unsere Daten abgreifen, um uns dann ganz sicher in fünf Jahren zu sagen: Du machst das alles nicht freiwillig mit und machst dich nicht nackig? Dann bist du eben nicht mehr versichert.

Sie haben zwar Listenplatz zwei und ganz gute Chancen, aber bei den deutschen Grünen wären Sie besser untergebracht. Die sind im Aufwind – während die österreichischen Grünen nicht mehr im Nationalrat sitzen, finanzschwach sind und nicht das beste Image mit sich tragen.

Gerade deswegen. Die deutschen Grünen würden mich nicht unbedingt brauchen. Wir haben so viele tolle Leute hier, die sind so gut aufgestellt. Aber bei den österreichischen Grünen schaut es wirklich traurig aus. Sie haben sich zerspragelt („zerteilt“, Anm. d. Red) in den letzten zwei Jahren, nicht einmal ein Mandat ist sicher. Zwei Mandate sind sportlich, das ist mir auch klar, das ist eine Herausforderung. Aber es ist wichtig, eine Aufmerksamkeit für Themen zu schaffen, die mir am Herzen liegen. Schauen wir mal, wie das ausgeht. Objektiv muss man sagen, es sieht nicht wirklich gut aus. Aber es nicht versucht zu haben, wäre eben noch viel schlimmer.

Sie müssen sich mit dogmatischen Veganern auseinandersetzen in der eigenen Partei. Erst unlängst ernteten Sie einen Shitstorm, als Sie auf Facebook posteten, Mandelmilch sei keine gute Alternative zu Kuhmilch.

Nur zu. Es gibt so viele Ernährungsstile, wie es Menschen gibt. Und ich finde das grundsätzlich toll, wenn es Leute gibt, die etwas ändern wollen, auch mit ihrem Essverhalten, weil wir wissen, dass wir nicht so weitermachen können wie bisher. Erst einmal werden wir immer kränker, aber die Natur wird auch immer kränker, und die Ressourcen werden verbraucht. Das wird sich so nicht ausgehen. Das sagt die Vernunft. Nur bin ich sicher nicht diejenige, die jemanden sein Tofu-Schnitzel oder die Wurst aus der Hand schlagen wird. Ich glaube, dass nur liebevolle Überzeugungen und gute Argumente die Menschen dazu bringen, am Ende das Richtige zu tun. Am Ende wollen wir das doch alle.

Sie haben jede Menge Kochbücher geschrieben, zuletzt: „Gerichte, die die Welt veränderten“, vom Wildschweinbraten, den Julius Cäsar seinen Truppen nach dem Sieg über die Gallier servierte, bis hin zu den Pfannkuchen der Bürgerrechtlerin Rosa Parks. Wie kamen Sie denn auf diese Idee?

Ich war nach so vielen persönlichen Kochbüchern ein bisschen müde, noch mal ein Kochbuch zu machen, wo es um regionale oder nachhaltige Küche geht. Ich hatte den Eindruck, ich bin egoman leer gequatscht. Und so eine kulinarische Reise durch die Geschichte fand ich wahnsinnig spannend.

Es ist auch eine Geschichte der Köche. Und die waren und sind vor allem weiß und männlich.

Ja. Aber das ist nicht nur die Geschichte der Köche, das ist die Geschichte der Menschheit. Denn die Sieger schreiben Geschichte, und das heißt erst einmal, die Frau kommt gar nicht vor, auch nicht die weiße Frau. Bis vor kurzem durften Frauen nicht studieren. Bis vor kurzem durften wir auch nicht Kunst machen. Durften nicht einmal beim Marathonlauf teilnehmen. Wir durften eigentlich gar nichts und durften auch in der Ehe vergewaltigt werden, und bei Scheidungen hat der Mann das Sorgerecht gekriegt. Das ist der Boden, auf dem wir stehen, das dürfen wir nicht vergessen. Und dann kommt natürlich noch dazu, dass von dieser weißen männlichen Gesellschaft indigene Völker und andere Völker unterdrückt worden sind, kolonialisiert, umgebracht, diffamiert, Kulturen wurden zerstört. Das sind die Fakten, die wir anerkennen und aufarbeiten müssen.

Der Kabarettist Hagen Rether hat jüngst gesagt, unser Thema seien nicht drei Jahre Migrantenströme vom Mittelmeer – es geht hier um die Aufarbeitung von 600 Jahren Kolonialgeschichte.

Die Flüchtlingsproblematik haben wir uns selber eingebrockt, die hat viel früher anderweitig angefangen mit unserer Usurpation. So einfach ist es nicht, dass wir weder für die Vergangenheit noch für die Gegenwart und jetzt auch nicht für die Zukunft für unsere eigenen Kinder die Verantwortung übernehmen wollen.

Berliner Foodies schwärmen ja, der Zustrom von Menschen aus dem Mittelmeerraum, ob arabisch, afrikanisch oder vom Balkan, habe die Stadt kulinarisch extrem aufgewertet.

Zum Mauerfall war Berlin eine kulinarische Einöde – das muss man dazu auch sagen. Andere Kulturen befruchten nicht nur die Kulinarik, sondern sie befruchten uns auch geistig und oft auch seelisch. Wie dumm sind wir denn eigentlich, dass wir nicht versuchen, Menschen, die schon da sind, zu integrieren? Ihnen die Möglichkeit zu geben, Teil der Gesellschaft zu sein, damit sie sich auch so fühlen und diese Gesellschaft unterstützen? Und man darf ja nicht vergessen, dass diese Leute nicht freiwillig hierherkommen, weil es hier so witzig ist und man die Alpen noch nicht gesehen hat.

Und wer könnte motivierter sein als jemand, der Heim und Hof verlässt, um sich anderswo ein neues Leben aufzubauen?

Es gibt natürlich auch Berührungsängste und wahrscheinlich auch Probleme, so wie es auch unter Deutschen Probleme gibt oder mit anderen Völkern – wie mit uns Ösis. Aber es nutzt uns überhaupt nichts, das zu dramatisieren. Ich weiß selber als Unternehmerin, wie viele Leute wir suchen. Wir finden sie nicht, wir finden keine Bäcker, keine Fleischer, keine Köche, keine Kellner, keine Bauern – wir suchen seit Jahren Lehrlinge. Wir würden mit Handkuss engagierte junge Leute nehmen, die sagen „Ja, interessiert mich!“ Nur wenn wir darauf achten und Menschen integrieren, schaffen wir auch Vielfalt und schaffen wir Zukunft und schaffen wir, dieses ganze Kulturgut und diese wichtigen Berufszweige auch zu retten.

Sie sind vor ein paar Jahren in die Uckermark gezogen und haben dann einfach so mit dem Imkern angefangen.

Ich war schon vor Jahren beim Imkern dabei. Aber das war eher so, wie ein Marsmännchen dazustehen, Waben zu ziehen, Bienen abzufegen und dann Honig zu schleudern. Und erst vor sieben Jahren, für meine Fernsehserie „Sarah Wieners Erste Wahl“, wollte ich unbedingt eine Dokumentation über Honig machen. Weil ich ja immer zum Ursprung gehe. Wir haben einen guten Imker gesucht. Das war damals die Fischermühle bei der Forschungs- und Versuchsanstalt Mellifera. Ich habe da eine Woche mit Norbert Poeblau mitgeimkert. Und zwar nicht im Schutzanzug, sondern einfach im Sommerkleidchen.

Obwohl Sie als Kind gestochen wurden, dreimal in den Bauch ...

Wahrscheinlich sogar öfter. Aber ich richte mich ja immer nach meinen Meistern und Vorbildern. Und der Norbert hat eben ohne Netz und Schutzanzug gearbeitet. Ich habe gemerkt, dass nur, wenn der Schutz wegfällt, ich auf einmal ganz anders mit den Bienen kommuniziere und auch vorsichtiger mit denen umgehen muss. Und das war so ein ganz tiefes Erlebnis, das hat mich einfach gepackt.

Und deshalb haben Sie sich nicht fünf Pferde gekauft als Haustiere, sondern Bienen?

Es sind ja keine Haustiere. Das reizt mich besonders. Bienen sind eigentlich Wildtiere. Die mich theoretisch nicht brauchen. Das dürfen wir nicht vergessen. Die Biene braucht nicht uns, wir brauchen die Bienen. Die Biene ist so spannend und so vielfältig und auch so berührend, weil sie schon auf einer viel weiteren evolutionären Stufe ist als wir. Ich bin fasziniert von ihrer Zusammenarbeit, ihrer Sozialisation, von ihrer Kommunikation. Es macht mich auch so demütig, weil es im Bienenvolk so viele verschiedene Persönlichkeiten gibt mit verschiedenen Aufgaben. Warmduscher bleiben länger im Stock. Es gibt ungefähr zwei Prozent im Volk, das sind die Abenteurer, die stürzen sich raus, auf der Suche nach neuen Höhlen oder neuen Futterquellen. Und alle sind vereint in einem friedvollen Miteinander und in der großen Aufgabe des Überlebens. Das berührt mich, weil es auch demokratische Diskussionen unter den Bienen gibt. Da ist nicht einer, der sagt, wo es langgeht. Und die Königin ist die erste Dienerin des Volkes. Sie verbreitet nur ihren Duft im Stock und harmonisiert das Volk als Einheit. Aber die Königin – das arme Mädel – hat nichts anderes zu tun, als an Hochleistungstagen 2.000 Eier zu legen.

Lernen Sie etwa aus Ihren Bienenvölkern für Ihre Zeit als EU Abgeordnete?

Man kann natürlich schon sagen, wir könnten einen Moment innehalten und überlegen, wo wir stehen. Unter den Bienen gibt es riesige Kolonien, die nur für zukünftige Generationen arbeiten, die sie selbst nie kennenlernen werden. Egomanie oder Gier kennen sie nicht. Es gibt keine Angeber unter den Bienen und keine Lügner. Wenn die Spurbienen nach Hause kommen, um den anderen vorzutanzen, wo es neue Wohnungen gibt oder neue Blüten, dann können sich alle auf sie verlassen. Wir machen uns gern größer, wenn wir Geschichten erzählen. Dann wird das Schloss noch zwei Zimmer größer. Die Spurbienen erzählen die Geschichte, wie sie ist. Das berührt mich sehr. Sie zeigen dem Schwarm ihren Enthusiasmus, wenn es eine tolle neue Umgebung ist. Sie fliegen dort wieder hin und kommen wieder zurück und tanzen wieder. Von Flug zu Flug nimmt der Enthusiasmus ab. Als würden sie sagen „Jetzt hab ich dir alle Informationen gegeben, ich habe euch gesagt, wie cool das ist, fliegt selber hin!“