Berlin - Klasse ist ein Thema, über das viele Menschen gerade sprechen. Es sind Bücher erschienen, die sich mit der Benachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft befassen, wie Christian Barons „Ein Mann seiner Klasse“. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz wies drauf hin, dass man neben Rassismus und Sexismus auch Klassismus bekämpfen müsse.

Wenn ich Klasse höre, sitze ich gedanklich wieder in der 9. Klasse in der DDR beim Staatsbürgerkundeunterricht von Herrn Weinlein in Eisenhüttenstadt und werde nach dem Klassenstandpunkt abgefragt. Es war wichtig, dass man einen Klassenstandpunkt hatte. Mein Vater war Schlosser, das war im Arbeiter-und-Bauern-Staat schon mal nicht schlecht. Die DDR war eine Arbeitergesellschaft, wie der Soziologe Steffen Mau sagt, keine Mittelschichtsgesellschaft wie im Westen. Wenn sich zwei unterschiedliche Gesellschaften vereinigen, eine Arbeitergesellschaft und eine Mittelschichtsgesellschaft, dann setzt sich die Mittelschicht durch, sagt er: „Die Ostdeutschen wurden arbeitslos, die Westdeutschen Chefs.“

Dass die Herkunft aus einer Arbeiterfamilie etwas ist, wofür man sich schämen muss, habe ich nach der Wende gelernt. Dass man sich sogar für die Herkunft aus einem Buchhändler-Haushalt schämen muss, habe ich in der vergangenen Woche gelernt. Da las ich ein Zeit-Interview mit der Überschrift „Klasse durchdringt alles“, wie schwer es die preisgekrönte Schriftstellerin Anke Stelling als Tochter von schwäbischen Buchhändlern unter neureichen Erben im Prenzlauer Berg hat. Buchhändler sind für Stelling Prekariat.

In dem von vielen Linken gefeierten Interview zeichnet sie die neuen Klassenkampflinien im Prenzlauer Berg nach, die offenbar zwischen westdeutschen Buchhändler- und westdeutschen Anwaltskindern verlaufen. Ich weiß nicht, was Herr Weinlein von diesem Klassenverständnis halten würde. Die Ost-Erfahrung kommt in Erzählungen gar nicht mehr vor, wie die Autorin Jana Hensel bemerkte. Das ist insofern interessant, da sich Stelling selbst als Chronistin des Prenzlauer Berg bezeichnet.

Horrorort Marzahn

Prenzlauer Berg ist ein Schauplatz einer beispiellosen Verdrängung: Die Westdeutschen hatten nicht nur das Geld, sie hatten auch das Wissen, wie man an Fördergelder kam, um die Altbauten zu kaufen. Das hatten die Ostler nicht, oder nur wenige. Ich erinnere mich, dass meine Eltern in den Neunzigern froh waren, wenn sie die Steuererklärung hinkriegten. Ihre größte Investition bestand im Kauf des „Konz“, tausend legale Steuertricks.

Mir fiel ein Buch von Anke Stelling ein, „Schäfchen im Trockenen“ heißt es. Es ist ein Wuttext, eine Art Abrechnung mit dem linksgrünen Milieu von Prenzlauer Berg. Der Osten kommt in dem Buch vor, sieht aber aus wie Hamburg-Eimsbüttel. Protagonistin Resi sucht eine Wohnung und fürchtet sich davor, nach Marzahn ziehen zu müssen. Marzahn ist das Synonym für Untergang. Man könnte sagen, das sei die Meinung der Protagonistin, nicht der Autorin. 

Aber der Anke-Resi-Stelling-Blick auf Ost-Berlin ist nicht so ungewöhnlich. Es ist der typische Blick in vielen Debatten, ob nun Klassismus oder Feminismus: der Ostler mit seinen Erfahrungen wird nicht mal gesehen, höchstens als Bösewicht. Ist das nicht der koloniale Blick, der von denselben Leuten an anderer Stelle beklagt wird?