Schatzgräber in Deutschneudorf: Die Suche nach dem Nazi-Schatz

Deutschneudorf - Die Sache mit dem Wasserstrahl hat der Haui ganz gut weggesteckt, aber man sollte ihn nicht daran erinnern oder darauf herumreiten, es bringt ihn immer etwas in Verlegenheit. Schließlich war es eine buchstäblich weltweite Blamage, auch CNN war damals da und berichtete. Später konnte man sich auf Youtube ansehen, wie an jenem trüben Frühjahrstag 2008 ein Riesenbohrer im Erzgebirge stand und dröhnend laut in den Fels bohrte und bohrte. Der Haui, wie sie Heinz-Peter Haustein dort nennen, hatte die schwere Maschine und ihre Mannschaft bezahlt. Er rannte die ganze Zeit hektisch herum, gab Interviews und verkündete, nun sei man ganz, ganz kurz vorm Durchbruch.

Dann war natürlich wieder nichts, kein Goldschatz der Nazis, kein Bernsteinzimmer, keine Kisten mit geheimen Reichsakten oder verlorene Kunstschätze. Nur Wasser sprudelte im hohen Bogen aus dem Bohrloch, eine herrlich freche Fontäne, gerade so, als wollte sie sich lustig machen über den Auftrieb. Sogar Guido Westerwelle in Berlin hörte von der Geschichte. Er fand anerkennend, es sei erstaunlich, wie unbeschadet sein Parteifreund Haustein aus dieser Sache herausgekommen sei.

Vielleicht liegt es daran, dass ihn nichts umwerfen kann, weil er so unerschütterlich an seine Mission glaubt. Vielleicht auch daran, dass die Journalisten, die über seine Mission berichten, ihm sowieso kein Wort glauben, ihn aber irgendwie ins Herz geschlossen haben.

Heinz-Peter Haustein ist 57 Jahre alt, ein drahtiger Hüne, immer vergnügt, immer deutlich und direkt und dabei doch ein seltsamer Bursche. Seit achtzehn Jahren ist er Bürgermeister von Deutschneudorf, einem meist kühlen Örtchen, verborgen tief hinten in den sächsischen Wäldern an der tschechischen Grenze. Eigentlich ist er sogar mehr, ein Dorfkönig, mit hundert Prozent gewählt, das Herz und das verrückte Hirn des kleines Grenzdorfs. Er leitet die größte Firma in Deutschneudorf, sie baut Aufzüge und beschäftigt hundertvierzig Leute. Er spielt im Fußballverein und bläst im Posaunenchor. Seit 2005 sitzt er für die FDP im Bundestag und gelangte auch dort zu etwas Berühmtheit wegen seines Videoblogs „Peters Woche“. Wie gesagt, er ist direkt und deutlich. Nach den Berliner Mai-Krawallen sang er schon einmal lauthals „Kreuzberger Nächte sind lang“, was nicht viele Bundestagsabgeordnete tun würden und so schaffte er es bis in die satirische heute-show im ZDF, was ihn allerdings nicht eine Sekunde gewurmt hat.

Wünschelroutengänger im Wald

Neben all dem ist Haustein ein besessener Schatzsucher. Es gibt für ihn keinen Zweifel, dass kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges etwas Wertvolles, Bombastisches, Geheimnisvolles, Unerhörtes versteckt wurde in einem der Stollen unter seinem Dorf. Es gibt Gerüchte, es gibt alte Fotos von Lastwagen mit SS-Emblemen im Ort. Vor allen Dingen gibt es Konkurrenz: In Deutschneudorf sind schon lange merkwürdige Männer unterwegs, die nach Schätzen suchen. Auch Wünschelrutengänger stapften schon durch den Wald. Und ein paar Schritte gegenüber in Tschechien, am anderen Ufer der Schweinitz, da suchen und graben Tschechen, Deutsche und Amerikaner auch schon seit Jahren.

Alle suchen sie bei Wind und Wetter, haben etwas gehört, eine Geschichte von einem alten SS-Mann oder Soldaten, der etwas gesehen haben will damals in Deutschneudorf, als der Krieg zu Ende ging. Von geheimnisvollen Depots im Berg ist die Rede, von Sprengfallen und von schwerem Wasser für das Atomprogramm der Nazis, von Soldaten, die schnell und heimlich Kisten ausluden und dann verschwanden, von gesprengten Stollenzugängen.

An diesem Oktobertag steht Heinz-Peter Haustein am Eingang des Fortuna-Stollens neben einer Vitrine und betrachtet die Ergebnisse seiner bisherigen Schatzsuche: eine verrostete Leuchtpistole, eine verrostete MPi, ein Hammer, ein Gasmaskenbehälter. „Es gibt eine neue heiße Spur“, sagt Haustein. Sein Gesicht leuchtet dabei. Er will noch nichts verraten.

Seit fünfzehn Jahren sucht er in dem Stollen, in dem einmal nach silberhaltigem Kupfererz gegraben wurde, bis man nichts mehr fand und ihn 1882 aufgab. Der enge Gang führt horizontal 500 Meter in den Berg, nach hundert Metern watet man knöcheltief durch Wasser, das aus allen Ritzen und Spalten der Wände plätschert, bis es nicht weitergeht, weil man nun schwimmen müsste. Dahinter, nur noch wenige Meter, verkündet Haustein, muss etwas sein. Er hat wieder einen großen Bohrer besorgt, der von oben Löcher in den noch unerreichbaren Teil des Stollens treibt, bis zu 60 Meter in die Tiefe geht das. „Wir gehen schachbrettartig vor“, sagt Haustein. „Da ist irgendetwas, ich bin mir ganz sicher.“

Alles fing mit Christian Hanisch an, einem Mann aus Schleswig-Holstein, dessen Vater während der Nazizeit angeblich bei der Luftwaffe gedient hat und der am Ende des Krieges eine handgezeichnete Karte der Gegend um Deutschneudorf anfertigte. Auf dieser Karte, von der Haustein sagt, er habe sie mit eigenen Augen gesehen, soll eingezeichnet sein, wo der Schatz liegt: 1,9 Tonnen Gold, die von Reichsmarschall Hermann Görings Jagdsitz Carinhall bei Berlin ins Erzgebirge geschafft wurden.

Christian Hanisch ist in Deutschneudorf schon länger nicht mehr gesehen worden. Aber ein paar Bagger, die er vor Jahren für die Schatzsuche gemietet hat, stehen noch beim alten Bahnhof und rosten vor sich hin. „Jaja“, sagt Haustein mit einem Blick auf die Maschinen, „die sind vom Hanisch. Mal sehen, wann der wiederkommt.“ Und dann sagt er noch: „Der ist aber kein Spinner.“

Fünf Jahre lang nichts gefunden

Das muss er wohl laut und deutlich zuerst sich selbst sagen, denn der Ruf seines Hauptinformanten hat in letzter Zeit stark gelitten. Vor allem die Geschichte mit dem Goldbarren und dem Reichsadler sorgte für Spott. Es war im Sommer vor fünf Jahren, als Christian Hanisch den handtellergroßen Barren in einem unterirdischen Versteck gefunden haben wollte. Die Lokalzeitung berichtete darüber und wunderte sich, dass Schatzsucher Hanisch nur ein Foto, nicht aber den Barren selbst zeigen wollte und stattdessen behauptete, er habe ihn ins Versteck zurückgelegt. Die Geschichte klang sehr merkwürdig. Weitere Recherchen ergaben, dass genau solch ein Barren für dreißig Euro und aus Messing im Militariahandel als Briefbeschwerer zu bekommen sei.

Im Dorf nennen sie Christian Hanisch seitdem einen Blender, aber Heinz-Peter Haustein glaubt ihm, wie er gern jemandem glaubt, der ihm eine Information nach Maß liefert. Gerade ist wieder so einer eingetroffen. „Der List ist da“, sagt Haustein. Er steigt in seinen Landrover und fährt durchs Dorf hinunter zum Gasthof Oberlochmühle. „Der List kennt sich aus“, sagt Haustein. „Wir müssen mit ihm reden.“

Aber der List will nicht unbedingt reden. Er steht vor dem Gasthof, ein 62-jähriger Mann, dunkle Jacke, Cargohosen, Schlapphut auf dem Kopf. Oben am Berg sucht er seit Jahren am weißen Stein mit einem kleinen Team. Burkhart List ist Journalist und Schatzsucher, lebt in Wien und Berlin. Angeblich finanziert ihn ein amerikanischer Sender, welcher, will er nicht sagen. Mit Radar habe er den Boden durchleuchtet, an einigen Stellen bis fünfzig Meter tief gebohrt. Er will Mauerreste gefunden haben, die auf keiner Karte eingezeichnet sind.

Burkhart List sucht den Hatvany-Schatz, Gemälde aus dem Besitz eines jüdischen Sammlers aus Budapest, darunter Bilder von Cezanne und Manet. 1944 soll es einen mysteriösen Transport gegeben haben nach Deutschneudorf, Ortsteil Deutschkatharinenberg. Heißt es.

„Wie lange bist du schon hier?“, fragt ihn Haustein, der anscheinend jeden duzt. „Vier Jahre, fünf Jahre?“ List nickt. Fünf Jahre und noch nichts gefunden. Er dreht sich um und geht zurück in den Gasthof.

Es ist schon ein sehr seltsames Völkchen, das dort seit Jahren bohrt und sucht und sich durch keine Umstände davon abbringen lässt. Alle wissen genau Bescheid, alle haben einen geheimen Plan, wissen vor allem, dass die anderen am falschen Ort suchen und keine Ahnung haben. Zuerst suchte Heinz-Peter Haustein nach dem Bernsteinzimmer. Dann hieß es: Juwelen und Gold. Als auch dies nicht zum Vorschein kam: geheime Akten. „Es gibt eine neue heiße Spur“, sagt er an diesem Oktobertag ganz leise: „Das Privatarchiv von Martin Bormann.“ Hitlers Sekretär.

Die Idee könnte von Jörg Hoyer stammen. Hoyer und Haustein kennen sich. Hoyer kommt auch aus dem Erzgebirge. Er meint allerdings, Haustein suche seit Jahren an der falschen Stelle und werde nie etwas finden. Haustein meint, Hoyers Gerede interessiere ihn nicht.

Ein Hotel in Dresden, eine Terrasse, ein Mann mit Bärtchen, blaues T-Shirt. Jörg Hoyer, 47, raucht wie ein Schlot und erzählt von seinem schweren Herzinfarkt vor ein paar Jahren. Er nennt sich EU-zertifizierter Sachverständiger für Militärhistorik und Zeitgeschichte, er ist gelernter Hufschmied und Kriminaltechniker. Hoyer sagt, ihm könne man nichts vormachen. Die Hitler-Tagebücher, auf die der Stern 1983 reinfiel, hätte er spätestens nach fünf Minuten entlarvt. 2009 habe er ein Neuschwanstein-Bild Hitlers als Fälschung enttarnt, weil er dessen Malstil und die typische Linksverschiebung ab Bildmitte genau kenne.

„Ich glaube nicht, dass in Deutschneudorf Schätze liegen“, sagt Jörg Hoyer. Er vermutet dort Akten. Hoyer hat vor einiger Zeit auch schon persönlich vor Ort gesucht, dabei kam allerdings eine Mauer zu Schaden. Seitdem steckt er in Rechtsstreitereien mit dem Grundstücksbesitzer und die Sache geht nicht richtig voran.

Pilzbefall im Stollen

Seine Geschichte geht so: Ein ehemaliger SS-Scharführer, neunzig Jahre alt und seit zehn Jahren bettlägerig, habe erzählt, dass vier Kompanien ab Februar 1945 Depots angelegt und die Stollen mit Brettern ausgelegt hätten. Bei einem Treffen der Sudetendeutschen vor einigen Jahren seien ihm Holzlieferungen nach Deutschneudorf bestätigt worden. Zudem sei die Gegend selten von amerikanischen Tieffliegern heimgesucht worden, obwohl die US-Airforce eine Menge Luftbilder gemacht habe, an die er aber nicht rankomme, weil die CIA den Daumen darauf habe. Er macht eine kurze Pause: „Ich bin seit zweiundzwanzig Jahren in diesem Job. So etwas gibt mir zu denken.“

Akten also, „zwei bis drei Waggons voll“, wie Hoyer prophezeit. „ Reichsaußenministerium, Reichskanzlei, das Bormann-Archiv, Reichssicherheitshauptamt.“ In den nächsten zwei, drei Jahren würden sie gefunden, da sei er ziemlich sicher. „Aber sie dürfen nicht in falsche Hände gelangen“, sagt er, nimmt einen Schluck Radeberger und raunt: „Erst, wenn die Zeit reif ist.“

Es gibt viele Leute hier, die etwas raunen, aber nur wenige, die sich im Erzgebirge so gut auskennen wie Lothar Riedel, 63 Jahre alt, vier Jahrzehnte Bergmann, ein kleiner handfester Mann. Riedel ist ein Freund von Haustein, er hat sich den Mund fusselig geredet. Er zeigt in den triefnassen Fortuna-Stollen, erzählt, das sei ja noch gar nichts verglichen mit dem Frühjahr und dem Tauwasser aus der Schneeschmelze. Er leuchtet mit seiner Taschenlampe auf die Balken und Stützen, die den Stollen sichern und nach wenigen Jahren ausgetauscht werden müssen, weil Pilze sie in kurzer Zeit angefressen haben. „Hier sollen Gemälde lagern oder Akten? In Kisten aus Holz oder Blech? Seit beinahe siebzig Jahren?“ Der Haui sei sein Freund, natürlich. „Aber dass er das nicht einsehen will, ich begreife es nicht.“

Heinz-Peter Haustein stört es nicht, wenn so über ihn geredet wird. Von Kritik und Skepsis lässt er sich seine Laune nicht verderben. Ihn kümmert es nicht, dass Sachsens Landesamt für Archäologie seit Jahren sagt, dass hier unten nichts versteckt sei. Ebenso die Experten von den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden.

Wie die anderen, die unermüdlich bohren und suchen, lebt Haustein in seiner eigenen Welt, einer Welt, in der er ungestört seinem Schatz hinterherjagen kann. „Ich stehe unter Zugzwang, richtig“, sagt er. Immerhin. Er will es allen zeigen, irgendwann. Sein Gesicht leuchtet wieder als er sagt: „Christoph Kolumbus hat man auch zwanzig Jahre für einen Spinner gehalten.“