Es geht um Drogen in Mexiko und die Brutalität in dem Land. Benico del Toro ist als mysteriöser Undercover-Agent in dem Thriller „Sicario“ unterwegs. Bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes war der Film für die Goldene Palme nominiert, er musste sich jedoch dem Flüchtlingsdrama „Dheepan“ geschlagen geben. Ein Gespräch mit Oscar-Preisträger Benico del Toro über Brutalität in Filmen und seine Dickköpfigkeit.

Mr. del Toro, es gibt Kritiker, die meinen, in dem Film „Sicario“ sei zu viel Gewalt zu sehen. Was sagen Sie dazu?

Ich finde es sehr elegant, wie Regisseur Denise Villeneuve die Gewalt hier zeigt. Denn eigentlich sehen wir gar nicht soviel von der Brutalität des Drogenkriegs. Es entsteht alles in unserem Kopf, wie in jedem guten Film.

Aber Waffen sind ständig zu sehen.

Die kommen in Filmen vor, seit das Kino erfunden wurde. In einem der ersten Filme überhaupt wurde ein Zug überfallen. Als ich den Film gesehen hatte, konnte ich gar nicht glauben, wie brutal er war. Im Kino ist eigentlich alles erlaubt, solange es für den Zuschauer funktioniert.

Wenn man Sie auf der Leinwand sieht, spürt man förmlich die Intensität, mit der Sie spielen.

Wie tief steigen Sie in eine Rolle ein?

Das ist Schauspielkunst. Nicht mehr und nicht weniger. Aber ich muss zum Beispiel den Schmerz spüren, um den Menschen zu verstehen, den ich spiele. Und es sieht dann in diesem Moment vor der Kamera so aus, als ob ich wirklich leide.

Nehmen Sie Ihre Rolle am Ende eines Drehtages mit nach Hause?

Ich habe keine Probleme, diese Gefühle und meine Rolle wieder abzustreifen. So wie man das mit einem Anzug macht. Ich gehe nach Hause, sehe beispielsweise fern und trinke ein Bier. Ich nehme nichts von meiner Rolle mit nach Hause. Ich bin keiner von diesen Schauspielern, die ihre Rolle auch nach Feierabend weiterspielen.

Sie haben sich noch nie in einer Rolle verloren?

Gefühle führen mitunter ein Eigenleben. Das kennen wir aus dem wahren Leben. Wenn ich eine traurige Szene gespielt habe, kann es abends passieren, dass ich traurig bin. Aber vollkommen verliere ich mich nie in meine Arbeit. Das sollte einem Profi nicht passieren.

"Ich war an einer sehr guten Schule"

Sie sind in Puerto-Rico geboren und als Junge in die USA ausgewandert. Was hat Ihnen geholfen, sich in der neuen Heimat einzuleben?

Da gab es verschiedene Dinge, die es mir leichter gemacht haben, mich dort einzugewöhnen. Was auf jeden Fall dazugehörte, waren die Musik und der Sport.

Welche Musik haben Sie damals am liebsten gehört?

Es waren entweder puertoricanische Songs oder Rock ’n’ Roll. Und wenn ich Rock ’n’ Roll gehört habe, dann vor allem die Rolling Stones oder Bruce Springsteen.

Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Ich sehe es so: Ich habe mich in einem Umfeld aufgehalten, das mir gut getan hat. Ich war zum Beispiel an einer sehr guten Schule. Und mit der Zeit habe ich in den USA eine neue Perspektive für mich und mein Leben entwickelt.

Sie waren noch sehr jung, als Ihre Mutter starb. Wie hat das Ihr weiteres Leben bestimmt?

Natürlich war es schwer für mich, ohne Mutter zu sein. Das ist die große Tragödie meines Lebens. Aber man muss sein Leben immer so nehmen, wie es kommt. Ich kann sagen, dass ich immer versucht habe, sie stolz zu machen.

"Mein Vater dachte, ich studiere"

Ihre Familie war zunächst gegen Ihre Berufswahl. Haben Sie erzählt, dass Sie Schauspielunterricht nehmen?

Nein, das habe ich nicht übers Herz gebracht. Mein Vater dachte, ich gehe zur Universität und studiere.

Sind Sie aufgeflogen, oder haben Sie Ihrer Familie irgendwann die Wahrheit gesagt?

Irgendwann hatte es dann keinen Sinn mehr, irgendwelchen Quatsch zu erzählen. Da wussten sie auch schon, dass ich hin und wieder spiele. Aber weil es bei mir immer auf und ab ging, dachten sie, dass sei nur einer von vielen Jobs, mit denen ich das Studium finanziere. Sie haben mich immer gefragt: „Und Benicio, wann machst Du endlich dein Diplom?“ Irgendwann habe ich es ihnen dann gesagt, dass ich Schauspieler werden möchte.

Sie mussten sich also durchbeißen. Woher haben Sie die Energie genommen?

Ich bin ein Dickkopf. Ich habe immer versucht, mich auf mein Ziel zu konzentrieren und mich von Misserfolgen nicht abhalten zu lassen.

Warum war Ihre Familie eigentlich so entsetzt über den Berufswunsch?

Niemand in unserer Familie hatte jemals auch nur im entferntesten etwas mit Filmen zu tun. Schauspieler waren wie Außerirdische.