Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinElternsein besteht vor allem darin, auf etwas zu warten – es geht mit den Wehen los, dann das erste Lächeln, die ersten Schritte, das erste Mal durchschlafen. Man wartet und studiert die Bögen mit den Entwicklungsschritten. Sollte es nicht längst feste Nahrung zu sich nehmen? Aufs Töpfchen gehen? Man zweifelt, schimpft und hofft, dass das Kind endlich größer wird. Und wenn es dann passiert, wenn das Kind dann läuft und keine Windel mehr braucht, ist es völlig normal und als wäre es schon immer so gewesen. Und das frühere Kind, das nicht laufen konnte, das nur Milch trank, ist verschwunden. Und dann sagen Eltern: „Ach, die Zeit vergeht so schnell.“

Ich musste daran denken, als mein fünf Jahre alter Sohn neulich im Urlaub aus dem Bett fiel und dabei nicht mal aufwachte. Ich fragte mich beim Frühstück am nächsten Tag, wer das ist, der da neben mir Cornflakes löffelt. Wo ist das Kind, das aufschreckte, wenn ich mich abends aus dem Zimmer herausschlich und eine Diele dabei zu laut knarrte? Wenn man es wagte, zu laut zu husten, wachte er wieder auf.

Mein Sohn war ein schlechter Schläfer. In den ersten vier Wochen seines Lebens trug ich das quakende Bündel jede Nacht vier, fünf Stunden durchs Wohnzimmer. Ich sang ihm dabei die „Vogelhochzeit“ vor, alle Strophen, gefühlt tausendmal. Es war kein Schlaflied, aber es war das längste Lied, das ich kannte. Doch wenn ich beim zehnten Mal bei den Gänsen und den Anten angekommen war, hatte ich das Gefühl, mich selbst in einen Vogel zu verwandeln. Fiderallalla, fiderallalla. Würde ich bald wegfliegen, hinaus in die dunkle Novembernacht?

Wenn er einschlief, ruhte er nie länger als zwei Stunden am Stück. Dann hatte er wieder Durst. Das ist zumindest meine Erinnerung, der ich allerdings nicht vertrauen würde. Langjähriger Schlafmangel führt zu Gedächtnisschwächen und von Alzheimer sind auffallend häufig Frauen betroffen. Nach zwei Kindern ahne ich, warum. Ich musste oft an den Spruch denken: „Schlafen wie ein Baby“. Ich dachte viele Jahre lang, es ginge darum, dass man besonders fest schlafen würde. Aber offenbar hieß „Schlafen wie ein Baby“ ständige Unruhe und nervöses Hochschrecken.

Ich fragte mich, wann es besser werden würde. Laut Remo Largo, dem berühmten Schweizer Kinderarzt, schlafen Babys im Altern von zehn Monaten meist durch. Ha! Unser Sohn wachte noch mit zwei regelmäßig auf und verlangte sein Fläschchen. Morgens um fünf war das Kind bereit für den Tag. Dann bekam er eine Schwester. Und das zweite Kind schlief schon als ganz kleines Baby sechs, sieben Stunden am Stück. Ich stand oft neben ihrem Bettchen und staunte. Sie schlief, tja, wie ein Baby. 

Ich weiß noch, wann es mir auffiel, dass sich bei meinem Sohn etwas geändert hatte. Im vergangenen Herbst hatte seine kleine Schwester einen Fieberkrampf. Feuerwehr und Notarzt kamen, drei Männer mit schwerer Ausrüstung. Mein Sohn im Nebenzimmer regte sich nicht. Er schlief auch noch, als ich Stunden später mit meiner Tochter zurückkam. Am nächsten Morgen fragte ich ihn, ob er was gehört habe. Nö, sagte er. Er hatte sich in einen Tiefschläfer verwandelt.

Ich wünschte, ich könnte das meinem jüngeren Ich, der müden, erschöpften Neu-Mutter, die ich war, zurufen: Es wird besser. Und manchmal werde ich sogar wehmütig und schlage den Kindern vor, ihnen „Die Vogelhochzeit“ vorzusingen. Fiderallalla.